Gatte hatte mit der überzeugung von ihr Abschied nehmen dürfen, dass ihr ganzes Glück und ihre wahre Lebensbestimmung nur er gewesen ... Bonaventura gedachte des Tages, wo auf Schloss Westerhof die Mutter ihm gesagt hatte, gern beuge sich ein Weib dem Worte: "Und er soll dein Herr sein!" – wenn der Gatte es nur wäre –! ...
"O mein Sohn, damals verehrte ich noch eine Kirche, die einer Form zu Liebe zwei Menschen, und wenn sie sich hassen und wenn sie sich zum Anlass ewiger Verwilderung werden, doch aneinanderschmiedet – eine Kirche, die dem frivolsten Priesterwillen eine Macht über unser ewiges und zeitliches Wohl gibt ... Aber mein Sinn sollte sich ändern ... Er änderte sich in dem Grade, dass ich nicht für mich allein der Wohltat der Erleuchtung teilhaftig werden wollte ... Als du Geistlicher wurdest, als ich hörte, du hättest dich den Römlingen angeschlossen, da erfreute es mich zu vernehmen, dass Mevissen jene Urkunde damals beim Verbrennen meiner Effecten im Gastof zur Balance zu Martigny zurückbehalten hatte ... Mein braver Begleiter schrieb mir zuweilen und unter anderm meldete er: 'Einiges hab' ich nicht verbrennen mögen ... Besonders auch Geschriebenes nicht ... Es ist bei mir sicher wie im grab ... Und sollte sich einst noch einmal Ihr Wille ändern oder eine andere Zeit kommen, wo Sie bereuen, was Sie getan – dann lassen Sie in Gottes und seiner Heiligen Namen mein Grab öffnen. Was ich nicht vernichtete, finden Sie dort!' ... Und dies Grab ist erbrochen worden –! ... Ich weiss es – ein Räuber, dessen Hand mein treuer Hubertus richtete, hat die Witterung gehabt, dass ein Schatz – der Liebe mit diesem armen mann begraben wurde –! Dass es zu spät sein musste, ihn zur Verantwortung zu ziehen und mich zu beruhigen über das Verbleiben jener Urkunde –! In deinem eignen dorf musste ein Fluch zu Tage kommen, den deinem Leben ein wahnwitziger Priester geschleudert –! Hast du ihn nie vernommen, so vernimm ihn von mir! ... Bona, du bist Würdenträger einer Kirche, die ein Recht beansprucht, dich sofort aus ihrem Schoose auszustossen ... Warum? ... Weil es ein Priester so wollte –! Mit einem Zucken seiner Miene, einem tückischen Hinterhalt seiner Gedanken w o l l t e –! Bona, verkünde diese Vermessenheit des katolischen Priestertums –! ... Verkünde sie der Welt! Zeige, wohin die Anmassung der Concilien und der Päpste geführt hat! Frage, ob alle die neugetauft werden müssen, die du tauftest – alle die neu verbunden, die du verbandest – alle Sünden noch einmal vergeben, die du vergeben –! ... Ich wünschte, dass die dreifache Krone dein Haupt zierte und du sagen könntest: Höre, höre, Christenheit – wenn Roms gesetz Recht behalten, so ist sein oberster Priester jetzt – ein Heide –! ..."
Tieferschüttert hielten die Freunde in ihrer Arbeit inne ... Schon schlug die mitternächtige Stunde ... Eisige Schauer überliefen sie ... Ein Diener kam und schürte die schon erloschene Flamme im Kamin ... Einen kurzen Bericht, den er vom jetzt gelöschten Brande an Piazza Navona gab, hörten die Tiefergriffenen kaum ... Abwesend war ihr Geist, ergriffen ihr Ohr und ihr Auge von dem, was sie dem entrollten Papier entzifferten, ebenso wie von den Andeutungen eines Zukunftbildes, das sich mit himmlischen Farben vor ihrem geistigen blick entrollte ...
"Doch", fuhr Bonaventura fort, die Buchstaben zu lesen und zu übersetzen, die Ambrosi mit Geschicklichkeit zu Papier brachte – "kehre mit mir zurück auf den Tag meines scheinbaren Todes! ... Gefahrvolle Schneestürme hatten geweht und mühsam erklommen wir die mächtige Höhe ... In der Nähe des Hospizes warfen wir Pilgermäntel über, liessen uns die Morgue aufschliessen und, während Mevissen beschäftigt war, den führenden Augustinerbruder nach einem der dort aufgestellten Gerippe, vor welchen alles, was an und bei ihnen gefunden wurde, beisammen lag, zu fragen und ihn zu zerstreuen, legte ich vor einen der jüngst Verunglückten, der mir an Wuchs ziemlich glich und an dem durch seinen Sturz zerschmetterten Kopf völlig unkenntlich war, mein Portefeuille und den Trauring deiner Mutter – ..."
Ambrosi sagte:
Vor meinen Vater –! ... Wie hat das Schicksal uns so wunderbar verbunden –! ... –
Bonaventura, erlöst von dem jahrelang ihn quälenden Bilde eines unheimlicheren Zusammenhangs der Todesarten ihrer Väter, der natürlichen des Professors Ambrosi, der künstlichen Friedrich's von Asselyn – konnte nur mit seinen zitternden beiden Händen die linke Hand Ambrosi's ergreifen und mit stummer Geberde aussprechen, was er empfand ...
"Als ich dann noch die Portefeuilles vertauscht hatte, fiel mir erst die ganze Schwere meiner Tat aufs Gewissen ... Mein Führer, mutvoller als ich, mahnte zum Gehen – seine Absicht musste sein, soviel als möglich für die Augustiner nicht wiedererkennbar zu erscheinen ... Am Hospiz, wo uns die Mönche einluden, einzutreten, trennte sich Mevissen – er musste es schnell tun, um unsere Physiognomieen nicht zu lange dem Gedächtniss der Nachblickenden einzuprägen ... Es war ein Abschied für ewig und dennoch ging Mevissen – wie zu einem Wiedersehn auf den folgenden Tag – ..."
Solche Treue