Enckefuss, dem neuen Landrat des neugebildeten Kreises, die Besitzergreifung, namentlich die Archive aus einer heillosen Verwirrung zu ordnen, in welche sie während des Krieges geraten waren, wo man die wichtigsten Acten zu Streu für die Pferde benutzt hatte ... Bischof Konrad war ein wohlwollender, aufgeklärter Mann ... Ich hatte sein Vertrauen gewonnen; auch er liebte, wie ich, alte Drucke, Miniaturen, kunstvolle Heiligenschreine, ohne dass er darum, wie ich, auch geistig unter den Ranken und Blüten der damals modischen Romantik und Phantastik wohnte ... Auf einem Krankenlager, von welchem er nicht wieder erstehen sollte, übergibt mir der Bischof einen soeben empfangenen Brief des am selben Tage zur Ruhe bestatteten Pfarrers von Borkenhagen, eines getauften Juden ... Nehmen Sie das! sprach der Bischof. Es ist das Testament eines Narren! Ich soll es nach Rom schicken! Wahnsinn! Doch – da manches geheimnis Ihrer Familie beteiligt ist – zerreissen Sie die Stilübung –! Sie ist lateinisch geschrieben – ..."
"Ich las den Erguss eines melancholischen Gemütes, das, zerfallen mit sich selbst und mit der Welt, in diesem Brief das Judentum für die vollkommenste Religion erklärte, die Lehre Jesu nur eine von Jesus nicht beabsichtigte Abweichung vom Judentum nannte und sich in seiner letzten Stunde von einem Gaukelspiel lossagte, das er jahrelang mit Bewusstsein getrieben hätte ... In dieser überzeugung, hiess es in dem merkwürdigen Briefe, hätte er zwar nicht damals gehandelt, als er den Glauben gewechselt – damals hätte er Jesus und der christlichen Kirche etwas abzubitten gehabt – aber die Erinnerung an seine Verwandte, die Tränen einer verlassenen Geliebten hätten ihn bestimmen sollen, wenigstens nicht auch Priester zu werden ... Er hätte es werden müssen; er hätte die Weihen annehmen müssen aus Furcht vor einem Tyrannen, dem Kronsyndikus auf Schloss Neuhof ... Misshandlung, Drohung, sogar Weinen und Flehen dieses Mannes hätten ihm so lange zugesetzt, bis er Priester wurde ... Jahrelang aber hätte er sein Amt mit Unlust und ohne überzeugung geführt ... In diesem Sinne, schrieb er, hätte er die Sakramente erteilt, ohne die entsprechende Richtung des Willens ... Getauft hätt' er in bestimmter Voraussetzung, dass das, was er tat, eine leere Formel war ... So zunächst alle Verwandte des Kronsyndikus – sogleich seinen ersten Täufling, Bonaventura von Asselyn ... Seine erste Trauung, zwischen Ulrich von Hülleshoven und Monika von Ubbelohde, gleichfalls Verwandte seines Peinigers, wäre von ihm vollzogen worden, ohne den Willen und die überzeugung, dass er wollte, was er tat ... Mit diesem bittern Hohn gegen sein Geschick, zu welchem sich die Andeutung über eine unrichtige Ehe gesellte, die einst irgendwo von ihm vorher schon hätte geschlossen werden müssen – und wie zu vermuten war, auch diese auf Anstiften des Krönsyndikus – wollte der menschenfeindliche Mann, der ein Rabbiner, ja, wie man aus einigen Stellen seines Briefes ersah, ein Kabbalist geblieben war, aus dem Leben scheiden ..."
Bonaventura erkannte jetzt die Gründe, warum Lucinde vor Jahren, damals, als sie seinen Epheu zerstörte, von Monika's Ehe als von einer löslichen gesprochen ...
"Meine Empfindungen waren damals noch so katolisch, dass ich über diese Entdeckung den grössten Schmerz empfand und darüber anders dachte, als mein hochbetagter freidenkerischer Bischof, der einige Tage nach Uebergabe der Urkunde an mich gleichfalls aus dem Leben schied ... Aber sollte ich meiner Familie, meinem eigenen kind noch einen neuen, von mir mit Entsetzen empfundenen Makel anhängen? ... Ich dankte der Vorsehung für diese glückliche Wendung, die ein so wichtiges Document in meine Hand gelangen liess ... Sollte ich sie zerstören? Daran verhinderte mich mein rechtgläubiges Gemüt, ja der feste Entschluss, eines Tages deine richtige Taufe nachholen zu wollen ... Und in diese Schrecken und Beunruhigungen meines Gewissens mischte sich die immer mehr gesteigerte Trauer um mein unseliges verhältnis zu deiner Mutter ... Ein treuer, aufrichtiger Freund, den ich um so mehr liebte, als seine kühle und verständige natur zu meinem eigenen Wesen die heilsamste Ergänzung bot, konnte sich einer leidenschaft nicht entwinden, die die einzige war, welche ihn vielleicht je überkommen ... Noch mehr, ich war von ihm abhängig; die Güter des Lebens, die ich nie zu verwalten wusste, verbanden uns, während alles andere uns hätte raten müssen, uns zu trennen ... Eine Lage entstand, die vor der Welt meine Ehre in einem Grade blossstellte, der mich über mich selbst verzweifeln machte ... Ich sprach nie von dem, was mich drückte, und doch erkannte ich alles, was vorging ... Ich sah, dass Wittekind meinen Haushalt bestritt, meine Schulden bezahlte, die Entscheidungen in jeder Frage gab, wo meine Zustimmung kaum noch begehrt wurde ... Schon gab ich mir die Miene, solche Zustimmungen von meiner Seite gar nicht mehr zu beanspruchen – ich vergebe deiner Mutter; sie folgte ihrem weiblichen Sinn, der sich an Starkes und Verwandtes halten will – unwahr ist es, dass sich nur die Gegensätze lieben – ..."
Die Freundschaft der Lesenden, grade die aus dem Gefühl entsprungen war, sich verwandt zu sein, musste diesen Ausspruch bestätigen ... Bonaventura dachte an die Sterbeaugenblicke seiner Mutter, die in Einem Punkte ruhigere gewesen waren, als er erwartet hatte – ihr zweiter