Wie? unterbrach Bonaventura seine Worteinteilung und Uebersetzung des Berichtes für den aufmerkenden und in Bonaventura's Familienverhältnissen völlig heimischen Freund; kannte selbst der Vater nicht die Herkunft Benno's? ... Er las staunend weiter:
"– so gestattete ihm doch sein gutes Herz und seine Vermögenslage, auch dich in deiner Laufbahn zu befördern, die dir ohnehin, da du Soldat werden solltest, bald die volle Selbständigkeit geben konnte ... Zur Ausführung meines Vorhabens bedurfte ich Beistand ... Ich konnte mich auf einen Menschen verlassen, der, seines Zeichens ein einfacher Tischler, mit meinem Bruder Max unter Napoleon in Spanien gedient hatte, ihm eine Rettung seines Lebens verdankte, aber auch ohne diesen Anlass ein Muster von Pünktlichkeit und Verschwiegenheit gewesen wäre ... Ihr alle, die ihr mich überleben werdet, vor allem auch du, Benno von Asselyn, niemand von euch wird je geahnt haben, dass mit dem schweren Amt, einen kaum geborenen Knaben aus Spanien mitzubringen, dieser alte treue Mevissen in Verbindung stand – ... Selbst mir bekannte es der Brave nie, warum auf seinem Todbett Max die Weisung hinterlassen, eine Summe, die ich ihm noch schuldete, in besserer Zeit, wenn ich könnte, einem in der Nähe Kochers am Fall, in SanctWolfgang, wohnenden und von dort gebürtigen Tischler, einem ehemaligen Soldaten seiner Compagnie, auszuzahlen ... Da die Zahlung nicht drängte, ich auch die Summe nicht sofort besass, sprach ich zu niemand davon, am wenigsten zu unserm guten Bruder Franz ... Letztrer würde die Summe gegeben, aber auch die Verwendung derselben haben erfahren wollen ... Benno war schon damals zum Hüfner Hedemann in Borkenhagen bei Witoborn gegeben ... Ohne Zweifel ist Benno entweder das Kind einer spanischen vornehmen Frau oder einer Nonne ... Mevissen kannte das geheimnis; er hütete es wie ein Soldat die Parole seines Wachtpostens ..."
Bonaventura musste voll Rührung ausrufen:
Guter, kindlicher Sinn des Vaters –! ... Alle diese Dinge – wie waren sie so ganz anders und nur dir blieben sie verborgen! ... Die Neugier seines ältesten Bruders, meines freundlichen Erziehers war seine Furcht! ... Und gerade in dessen Händen lagen, selbst dem Bruder verborgen, die Fäden aller der Veranstaltungen, die für den armen geopferten Benno getroffen werden mussten –! ...
Ambrosi kannte die Beziehungen und vermochte voll gesteigerten Anteils zu folgen ...
"Es drängte mich, endlich jene Schuld von einigen hundert Talern an den alten Soldaten in sankt-Wolfgang zu berichtigen ... Als ich Abschied von meinem bisherigen Dasein und meinem Namen nehmen wollte, besuchte ich deshalb den kleinen Ort, den Mevissen bewohnte ... Ich fand einen rätselhaft verschlossenen Menschen; einfach und würdig sein Benehmen; obschon nicht mehr jung, hatte er geheiratet, sein Weib war gestorben; ohne Kinder hielt er eine kleine Tischlerwerkstatt für die einfachen Bedürfnisse des Landlebens, die ihn ernährte ... Die Summe, welche ich ihm schuldete, mochte er früher mehr bedurft haben, als jetzt; dennoch hatte er nicht gedrängt ... Nach den ersten Verständigungen sah ich wohl, dass sich Mevissen jene Summe durch irgend einen wertvollen Beistand, den er dem Bruder geleistet, verdient hatte ... Ich suchte den Anlass seiner Bewährung zu erfahren und zeigte mich voll Neugier schon aus Interesse für Benno's Vater, meinen zu früh vollendeten Bruder Max ... Ich grübelte, forschte – kein anderes Wort kam von den Lippen des schlichten Mannes, als dass mein Bruder – sein bravster Chef gewesen ... angezogen von soviel Ehrlichkeit und Charakterstärke, beredete ich ihn, mich als Diener auf einer Schweizerreise, die ich machen wollte, zu begleiten ... Er nahm diesen Vorschlag an und ihm verdank' ich die Ausführung meines gewagten Unternehmens – ... Den Schein zu erwecken, dass ich zu den Opfern der Lawinen des grossen sankt-Bernhard gehörte, das war die Aufgabe ..."
Ambrosi seufzte ... Bonaventura's Herz klopfte voll gespannter Erwartung ... Es war die noch nicht ganz entüllte Stelle im Leben des Vaters ...
"Im Canton Wallis, zu Martigny, legt' ich alles ab, was an mich erinnern konnte. Ich hatte mir neue Kleider gekauft, die in einem Packet verborgen werden mussten, das Mevissen trug – Das meiste, was mein Koffer entielt, hatten wir verbrannt – ... Der Dunst, den die verbrannten Papiere und die sengenden Kleider verbreiteten, fiel im Gastof zu Martigny auf; so hielten wir mit unsern Zerstörungen inne ... Einiges musste auch für das Leichenhaus auf dem grossen sankt-Bernhard zurückbehalten werden ... Mevissen's Handschlag durfte mir genügen, um die Gewissheit zu haben, dass von ihm sein geheimnis würde mit ins Grab genommen werden ... Unter dem Zurückbehaltenen befand sich vielleicht eine seltsame Urkunde, von welcher ich dir reden muss – aus Gründen, die du erfahren sollst – ..."
Bonaventura verstand das schmerzliche Lächeln seines Freundes ... Es galt der Erinnerung an die Qualen, die sich früher, in seinem jetzt überwundenen Glauben, der unrichtig Getaufte über seine Lage bereitet hatte ...
"Mein Sohn! Ich rufe dir mit der Schrift: 'Wer Ohren hat, zu hören, der höre!' – – Ich hatte in Witoborn mit dem Husarenrittmeister von