1858_Gutzkow_031_940.txt

dem Freund die Vorhand zu lassen ... Er hatte sich in allem, was seiter geschehen, kraftvoll und entschlossen gehalten ...

Was sollen die Stäbe? fragte er endlich sanft, als sich der Wagen in den Strassen mühsam durch das Gewühl der Menschen Bahn machte ...

Bonaventura nahm sie und betrachtete sie voll Rührung ... Noch konnte er nichts erwidern ...

Inzwischen hatten sie den Corso erreicht, auf dem wenigstens für Wägen Platz blieb ...

Endlich in ihrer entlegenen wohnung angelangt, schwankte Bonaventura aus dem Wagen und sank, als beide allein waren, ohnmächtig zusammen ...

Lange währte es, bis sich der Unglückliche erholte ...

Auf Ambrosi's dringendes Verlangen musste er einige Stärkung zu sich nehmen ...

Dann trat ein stilles Weinen ein ... Die natur erholte sich erst, als sie ihre Rechte gefordert hatte ...

Mit den ersten Worten, deren er fähig war, bat Bonaventura um ein Exemplar der "Nobla Leiçon" ...

Fussnoten

1 Tatsache. 2 Wörtlich zu lesen. 3 1856. 4 Vorhandene Inschrift.

14.

Zu seinem höchsten Erstaunen erfuhr der Freund die nähere Bewandtniss, die es mit den Stäben haben sollte ...

Es waren Hirtenstäbe, wie sie in Calabriens Bergen getragen werden ... Die Griffe gewundendie Spitzen von Eisen ...

Griffe und Spitzen, das sah man bald, liessen sich abschrauben ... Das Innere fand sich ausgehöhlt ...

In beiden Stäben befand sich eine mit lateinischen Buchstaben beschriebene Rolle Papier ...

Das Geschriebene war ein Durcheinander von unaussprechbaren Wortformen ...

Die "Nobla Leiçon" gab den Schlüssel ... Die Buchstabenordnung war dieselbe, die bereits in dem zwischen Ambrosi und Federigo gepflogenen Briefwechsel gewaltet hatte ... Beide Rollen hatten denselben Inhalt ...

Schon entzifferte Ambrosi ein Wort nach dem andern und schrieb auf, was er gefunden ... Er stockte ... Es war deutschdie Ausübung einer schon lange geläufigen Fertigkeit wurde gehindert ...

Ambrosi bat den Freund, sich zu ruhen ... Inzwischen, sagte er, wollte er versuchen, den Inhalt, soweit ihm möglich, mechanisch zu dechiffriren ... Das Vertrauen des Freundes gehörte ihm in allem ... Es konnte auch hier kein geheimnis mehr geben, dessen Kunde sie nicht teilen wollten ...

Nach wenigen Stunden schon, während die sonstige Stille der nach hinten hinaus gelegenen Wohnzimmer des alten Gebäudes anfangs noch vom Lärm der Glocken und Feuersignale gestört wurde, Bonaventura stillverzweifelnd sein Haupt stützend und zum Tod erschöpft auf einem Ruhelager sich wand und sein ganzes vergangenes und zukünftiges Leben an sich vorübergleiten liess, unterbrochen vom Bild der letzten Liebesblicke des Vaters, kam Ambrosi in hoher Aufregung mit einer Anzahl Blätter, auf welche bereits ein grosser teil der Eröffnungen Federigo's an seinen Sohn mechanisch niedergeschrieben war ... Die deutsche Sprache kannte er zu wenig, um ganz zu verstehen, was, Buchstabe an Buchstabe gereiht, seine Blätter bedeckte ...

Es war nun auch von draussen her still geworden ... Schon mochte die zehnte Stunde geschlagen haben ...

Bonaventura konnte leicht die Buchstaben zu Worten fügen und die Sätze durch Punkte trennen ... Durch gegenseitige Unterstützung kamen die Freunde zu folgender Entzifferung:

"Mein Sohn! Das ist ein Brief, den dein Vater dir aus dem Jenseits schickt –! ... Hörerichte und gedenke mein –!" ...

"Du erfuhrst von den zeiten, wo ich einst beauftragt war, den Uebergang Witoborns an unsere Regierung zu regeln ... Du kennst die Gründe, welche mich damals den Tod wünschen liessen ... Oft, oft überfielen mich Gedanken an Selbstmord –! .... Sie hafteten nicht, weil Selbstmord nur denkbar ist im Zustand einer Verzweiflung, die mit dem ganzen Leben abzuschliessen vermagDas war nicht meine Lage ... Wohl ging mein Blut stürmisch, wenn ich sah, wie mein Weib am besten meiner Freunde hing, dieser an ihr; dachte' ich aber an die Mittel, mich solcher Schmach zu entziehen, so lockte mich wohl die Welle des Stromes, der Blitz der tödtlichen Waffe eine Weile; bald aber erkannte ich dann wieder, wenn nur die gesetz unserer Kirche über die Ehescheidung andre wären, dass der Anfang eines neuen Lebens voll neuer Bewährung für mich anbrechen könnte – ... Ich wollte den Wunsch des geistig schon lange ehelich verbundenen Paares erfüllen und würde eine Scheidung durch Confessionswechsel möglich gemacht habenaber in diesem Punkte würde die Mutter nicht meinem Beispiel haben folgen könnenaus innerem Triebe nichtauch ihres neuen Gatten wegen nicht, der sich kaum würde entschlossen haben, schon aus Rücksicht auf den schlimmen Ruf seines Vaters, dem Geist der Provinz ein Aergerniss zu geben ... So kam ich, ohnehin von manchem Misverhältniss zu meinem Beruf getrieben, auf den Entschluss, mir den Schein des Todes zu geben – ..."

Die Entzifferung ging noch bis jetzt aufs leichteste von statten ...

"Ich liess dich einem neuen Vater und die Mutter einem neuen Gatten zurück, der ein reicher Mann war und für euch beide sorgen konnte ... Ausserdem hattest du den Onkel. Hatte zwar mein Bruder Franz schon den Adoptivsohn meines Bruders Max, den dieser aus Spanien mitgebracht, in seine väterliche Obhut genommen –" ...