von Gefühl.
Mit sich kämpfend, ob sie an den Kronsyndikus, vielleicht an seinen Sohn, den Oberregierungsrat, schreiben, bitten, vielleicht drohen sollte, las sie in der Zeitung des Orts folgende Aufforderung:
"Man sucht im ortopädischen Institut ein gebildetes junges Frauenzimmer katolischer Confession, das der Sprachen und Musik vollkommen kundig sein muss. Näheres bei dem Director."
Ein ortopädisches Institut! Eine Erziehungsanstalt für die Unarten des Körpers; eine Correctionsanstalt der natur! Die hier gemeinte war weit berühmt. Sie war eine der ersten gewesen, die man in Deutschland überhaupt anlegte; sie wurde vom Landesfürsten königlich unterstützt. Es strömten ihr aus allen Gegenden, selbst aus England und Amerika Pfleglinge, grösstenteils junge Mädchen zu, von denen nicht einmal alle an ganz auffallenden, durch das Streckbett zu heilenden Fehlern litten; die Neigung, dem Körper seinen natürlichen Wuchs zu entziehen, ist ja leider tief in die erste Erziehungs- und Bekleidungssitte unserer Zeit eingerissen, so tief, dass bei einer Untersuchung, die jener Fürst einmal in einem adeligen Töchterinstitut anstellen liess, fast die Hälfte von hundertachtzig jungen Mädchen keinen richtigen Wuchs oder gang hatte!
Lucinde stellte sich dem Director vor und gab allerlei Auskunft über ihr vergangenes Leben. Da sie sich gewandt französisch ausdrückte, etwas Englisch verstand, vollkommen fertig Klavier spielte, war die Prüfung bald geendigt. Auch ihr bestimmtes Wesen gefiel. Man wurde über die Bedingungen einig. Von den Kennzeichen, die ihr sonst noch etwa mangelten, hatte man nicht gesprochen; dass sie katolisch war, schien sich von selbst zu verstehen.
Gleich schon am Tage darauf sollte sie beim Institut eintreten.
Da der Vorstand und Besitzer der Anstalt Arzt war, der seine Zeit geregelt hielt, so wurde die genaue Stunde angegeben, wo er Lucinden in die Säle einführen wollte. Morgen in der Frühe "um punkt neun Uhr" wurde sie erwartet.
Es war um die Osterzeit. Der morgende Tag war, wie sie im Gastause hörte, ein Quatembertag. Schon früh wurde sie vom Geläut der Glocken geweckt und als sie sich angekleidet hatte, hörte sie, dass in der Katedrale vom Bischof heute eine Priesterweihe vorgenommen wurde. drei junge Diakonen sollten die letzten Weihen erhalten.
Nach acht Uhr stieg auch sie, von Unruhe und Ungeduld getrieben, die Anhöhe empor, auf welcher die Katedrale lag, umgeben von Resten alter Bauwerke. Hier sollten deutsche Kaiser einst eine Pfalz, einen Palast gehabt haben, an derselben Stelle, wo jetzt nur eine Schwadron Chevauxlegers einkasernirt lag in allerlei Anbauten, die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz, den man den Schlosshof nannte und wo allerdings an einer Stelle ein alter Turm mit Wendeltreppe und ein steinernes Portal, über welchem der Tierkreis abgebildet war, unmittelbar um tausend Jahre aus der Gegenwart hinausversetzten.
Die Katedrale selbst war in byzantinischer Form angelegt, aber von dem Geschmack späterer Jahrhunderte mannichfach ergänzt durch Neubauten, Rundkränze und Türme allerlei Stils. An den obern Stockwerken der Türme sah man Säulen und Statuen, die Türen waren nicht eben hochgewölbt, aber reich geschmückt mit Bildwerken. Die Nähe der kaiserlichen Burg chien Einfluss gehabt zu haben auf die Gegenstände dieser Reliefs; man sah Allegorieen mit den Attributen der Gerechtigkeit, Salomo, den Richtenden, eine verhüllte Gestalt mit der Wage in der einen Hand und dem Schwert in der andern ihm zur Seite. Dazu gesellte sich in noch nicht allzu kirchlicher Ausdrücklichkeit der wunderlichste Schmuck von Tieren und manche humoristische Ausgelassenheit, die man am Eingang so heiliger Stätte am wenigsten gesucht haben würde ... Ein Silen reitet auf einem Ziegenbock, ein Affe schreitet gravitätisch in Gewändern daher, ein Löwe spielt mit jungen Hasen ... Es ist als wenn sich das alte Leben der Zeit in Markt und Wald nur in Stein verwandelt hätte und sich seinerseits der trauten Nähe des Allerheiligsten auch erfreuen, vielleicht aber auch an der Pforte andeuten wollte, wessen man alles, die heiligen Räume betretend, vom Ungeistlichen draussen uneingedenk werden sollte.
Ostern war spät gefallen, aber die reichen Blumenspenden, die Lucinde in den Strassen getragen fand, waren doch zu kostbar für die Jahreszeit. Hier mussten ganz besondere Opfer der Liebe stattfinden, wenn man diese Kränze und Kronen sah, die, aus den schönsten Blumen gewunden, noch wie verspätet eilends in die Katedrale nachgetragen wurden. Die Menschen drängten sich, vorzugsweise eilten die Frauen. Eine Priesterweihe ist einer der anregendsten Vorgänge des kirchlichen katolischen Lebens, gleichsam eine geistliche Hochzeit, fehlt doch bei Erteilung der ersten Grade selbst eine sichtbare Braut nicht, ein kleines Mädchen, dem der entsagende Priester angetraut wird, als dem Symbol der reinen, unentweihten, jungfräulichen Kirche. Hier handelte es sich um drei junge Diakonen, die schon die letzten Weihen erhielten und sozusagen nicht "ein-", sondern, wie Lucinde auf Erkundigung vom volk erfuhr, "ausgeweiht" wurden.
Lucinde machte erst einige Gänge durch die alte Pfalz, betrachtete die geheimnissvolle wohnung des Bischofs, hinter der ein Garten mit schon Blüten ansetzenden edlen Bäumen sich erhob, und umschritt die Katedrale, die wie ein Sinnbild des Lebens selbst, abwechselungsreich und fast in ihrem ursprünglichen Zweck überladen und erdrückt erschien ... fehlte doch selbst an einem Ausbau ein Schalter mit frischem Backwerk nicht, in der Kirche ein Bäckerladen! Einer alten Sitte zufolge musste hier jeder neu gewählte Domherr weisses Brot kaufen und an die Schuljugend, die ihm Glück wünschte, selbst verteilen ... So bot die Kirche Brot des Lebens, geistiges und leibliches.
Lucinde, gedenkend