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der Tat nicht zu finden ... Niemand brauchte sich darum zu beunruhigen ...

Dass die beiden Cardinäle noch länger blieben, war nicht zu rechtfertigen ... Das Leben des Greises war entflohen ... Hubertus hatte sich über ihn gebeugt, hatte eine Wollflocke seiner Kapuze an seinen Mund gelegtsie bewegte sich nicht mehr ...

Mit einem letzten Scheideblick ebenso sprachloser wie, wenn die Sprache auch nicht versagt hätte, unaussprechbarer Rührung rissen sich beide Cardinäle vom ärmlichen Lager los, auf welchem sie den abenteuerlichsten Schwärmer, einen Märtyrer der Ehegesetze der katolischen Kirche, als Leichnam zurückliessen ...

Die Bestattung musste freilich an jener Stelle erfolgen, wo die Asche der verbrannten Märtyrer, eines Pascal, eines Paleario moderte ... Aber bei allem, was die Sachlage hier mit sich brachte, war doch für ein ehrenvolles Begräbniss, wenn auch innerhalb dieser Mauern, gesorgt ... Schon morgen in allererster Frühe wollten die Freunde zurückkehren ...

Das düstere Gebäude war jetzt von Kerzen erhellt, die die Laienbrüder der Dominicaner trugen ... Schon kamen einige derselben, um die Leiche in die Todtenkammer zu bringen ...

Hubertus hielt den die steinernen Stufen hinunterschwankenden Bonaventura, den er in Witoborn als Domkapitular so oft gesehen und nun den leiblichen Sohn seines geliebten Federigo nennen durfteAmbrosi hatte ihm auf seiner Zelle sein so lange verschlossenes Auge geöffnet, auch die Gründe genannt, die ein Verschweigen des Geheimnisses und selbst noch in dieser Stunde, um des Präsidenten von Wittekind willen, dringend anrieten – ... Jetzt begriff Hubertus, wie mit dem Tod der Mutter Bonaventura's die sehnsucht des Eremiten sich regen durfte, in die Welt zurückzukehren; begriff, wie seine Gefangennehmung im August ihm so willkommen, ja nach den Mitteilungen aus Rom, die von Ambrosi kamen, nicht unerwartet erscheinen durfte; Hubertus begriff schliesslich auch die Schonung, die ihnen allen zu teil wurde ...

Ambrosi nahm den zweiten Alpenstab ... Die Uhr des Verstorbenen hatte der Prälat an sich genommensie gehörte, den Regeln des Hauses gemäss, den Laienbrüdern ...

Bonaventura stützte sich nicht auf den empfangenen Stab ... Er schritt voll Fassung, wenn auch tief sein Haupt zur Erde neigend, dem Ausgang zu ...

Inzwischen beschäftigte die Aufmerksamkeit der mit staunender Bewunderung vor zwei für ihre fromme Opferfreudigkeit so wunderbar belohnten Cardinälen die Treppe niedersteigenden Begleitung derselben ein Lärmen draussen auf der Strasse ... Eine Glocke der Peterskirche läutete in unablässiger Hast ... Es war die Feuerglocke des grossen Doms ... Andere Glocken fielen mit gleicher Eile ein ... An der nahen Porta Cavallaggieri, wo die Kasernen liegen, erscholl das Blasen einer Trompete ... Trommeln lärmten ...

Eine Feuersbrunst! hiess es ...

Ein nicht zu häufiger Vorfall im steinernen Rom ...

Die erst langsam dahinschreitende Begleitung bewegte sich allmählich rascher ... Bonaventura und Ambrosi blieben mit ihren nächsten Begleitern, langsamer durch die Höfe schreitend, allein zurück ...

Da verschwand plötzlich auch Hubertus ... Er war nicht dem Drängen nach dem Haustor gefolgt ... Es hiess, er wäre zurückgekehrt ...

Seht da! Wer ist der Mann? rief plötzlich, alle erschreckend, seine stimme von einer Galerie herab, die rings um den Hof ging ... Er rief diese Worte einem mann nach, der in gebückter Haltung an einer andern Stelle der Galerie durch eine Tür verschwand ... Es war ein Mann in einem schwarzen, fast priesterlichen Oberkleid gewesen ... Rasch war derselbe in eine hohe Glastür, die auf die Galerie führte, zurückgetreten ...

Ein einziger leidensvoller blick, den Bonaventura vom hof aus in die Höhe warf, liess in Ambrosi den Gedanken entstehen: Glaubt der Freunddass er belauscht wurde –? ...

Hubertus blieb verschwunden ...

Inzwischen aber waren die Cardinäle zu sehr ergriffen, um dem Zwischenfall lange nachzudenken, und standen schon am geöffneten Schlage ihrer Kutsche ... Auch die Caudatarien bestätigten eine Feuersbrunst ... Zugleich hatten sie von einem soeben hier gestorbenen deutschen Verwandten des Cardinals d'Asselyno gehört und durften nichts Auffallendes darin finden, dass die Cardinäle tief erschüttert waren, herzlich von dem im Kreise einiger Dominicaner stehenden Paolo Vigo Abschied nahmen, ebenso wenig, wie, dass ihnen letztrer als Andenken an den Pilger von Loretto zwei Wanderstäbe in den Wagen nachreichte ...

Hubertus war inzwischen nicht zu finden ... Die bestürzten Mönche, die ihn und Paolo Vigo nach SanPietro in Montorio escortiren sollten, suchten ihn ...

Beide auf San-Pietro schon morgen zu besuchen und sie dem dortigen Guardian zu empfehlen, wurde von Ambrosi versprochen ...

So stiegen die Freunde ein ...

Die Menschen ringsum rannten indessen der Piazza Navona zu ... Dort sollte das Feuer sein ... über die Tiberbrücke von der Engelsburg abschwenkend sahen beide die Rauchsäule ...

Bonaventura's Haupt lag auf den Schultern des Freundes ...

Ambrosi liess ihn schweigend gewähren ... Worte des Trostes helfen nicht in solcher Lage ... Auch ihn betrübte es, dass er nicht noch einmal Frâ Federigo umarmen und ihm sagen konnte: Sieh, bis hieher kam ich durch deinen Rat und deine Lehre! ... Er hatte vorgezogen, alle Gefahren zu bewachen, alle mislichen Zeichen draussen den Dominicanern zum Guten zu deuten und