Confiteor ...
Der Sterbende erhielt noch einmal einen Augenblick seine Geisteskraft, übersah, was geschehen sollte, übersah die Lage des Sohnes ... Mit letzter Kraft der stimme murmelte er – zuerst das lateinische Confiteor, dann begann er italienisch und ging allmählich in die deutsche Sprache über mit den Worten:
Lasset uns beten! ... Ich bekenne – an der – katolischen Kirche alles, was wir ihr – schuldig sind – aus dem Geist der Liebe – und der Dankbarkeit ... Wer in dieser Kirche – – geboren wurde – ...
Weiter vermochte der Sterbende nicht zu reden ...
Schon wollte Ambrosi von seinem Gefühl übermannt, vortreten, als ihn die laute Rede des calabrischen Priesters veranlasste, diesem den Vortritt zu lassen ...
Paolo Vigo trat vor, beugte sich am Sterbelager nieder und erhob die stimme, um zu vollenden, was zu sprechen nicht mehr in seines Lehrers Kraft stand ...
Wer in dieser Kirche geboren wurde, sprach Paolo Vigo fest und bestimmt und des Generals und der Cardinäle nicht achtend, der hat sie gelernt unter dem Bilde einer Mutter verehren ... Nun wohl – ein reiferer Verstand des erwachsenen Kindes erkennt die Schwächen seiner älteren; doch wird ein Sohn die silberne Locke des Vaters schonen und selbst Flecken am Ruf ihrer Mutter die Tochter übersehen ... Was die Kirche an heiligen Gebräuchen besitzt, sehe' ich allmählich – entkleidet seiner dunkeln, unnatürlichen Zauber – ... Priester! Legt die Gewänder der Ueppigkeit und des Stolzes ab! Werdet Menschen! Redet die Sprache, die euer Volk versteht, auf dass der Ruf: Sursum corda! auch wahrhaft zum Empor der Herzen wird ... Lasst die Messe, wenn sie geläutert wird! Ein Zwiegespräch sei sie mit Gott – ... Bilder des Gekreuzigten – tragt sie im Herzen –! Und solange die Völker der Erde nicht aus eitel Weisen bestehen, solange noch Heide und Muselman die strahlenden Ordenszeichen ihres Glaubens verehren, verehrt auch äusserlich das Kreuz ... Macht es jedoch lebendiger noch in euch – ... Lebendig macht alle Ströme des Heils –! ... hinweg mit Dem, was das Herz erstarrt –! ... Freiheit dem Gebundenen ... Sakrament sei nicht die eiserne Fessel –! ... Im Tod rufe dir den Arzt der Seele – wenn ein Zeichen und ein Wort von ihm statt – deiner reden soll ... Netzt sogar dem müden Wanderer, wie Magdalena dem Herrn, die Glieder ... Erquickt ihn, wenn er es begehrt, durch – das Brot des Lebens! – ...
Die Umstehenden erkannten aus diesen Worten der Verzückung wohl die Irrlehren, für welche Paolo Vigo versprochen hatte, Italiens Boden zu verlassen ... Doch der General warf einen blick auf die Mönche, die Paolo Vigo umringten ... Sein würdiges Benehmen gebot ihnen Ruhe ... Er übergab dem Erzbischof das heilige Brot, das dieser dem Sterbenden reichte ...
Auch mit dem Salböl benetzte Bonaventura die Stirn und die hände des Entschlafenden ... Heiliger, als dies Oel aus geweihtem Gefäss, liess er auf die immer mehr erstarrenden Züge des Sterbenden seine Tränen rinnen, unbesorgt um die rings im Kreise ersichtliche Befremdung ...
Die Ceremonie jener gewaltsamen Bekehrungen wie sie hier in diesen Räumen oft genug vorgekommen sein mochten, war vorüber – ... Die überfüllten engen Räume entleerten sich ... Ein Arzt hielt dem Sterbenden den Puls ... Cardinal Ambrosi, der dem Sohn bisjetzt in allem den Vorrang gelassen, beugte sich über den Entschlummernden, der ihn nicht mehr erkannt hatte, und sprach:
Er ist – hinüber – ...
Pater Lanfranco wusste und erzählte, dass der Erzbischof in diesem Sterbenden einen nahen Verwandten getroffen hatte ...
Bonaventura wandte sich ... Als der Freund die Augenlider des Sterbenden schloss, durchbrach sein Gefühl jede Rücksicht ... Zu mächtig zerriss der Schmerz sein Inneres ... über die ausgestreckt liegende erstarrte Gestalt warf er sich und rief in italienischer Sprache, dass alle es hörten:
Lebe – wohl – mein teurer Vater –! ...
Die Priester, die Mönche und ärzte sahen bestätigt, dass der deutsche Cardinal in diesem waldensischen Prediger, der seiner Herkunft nach gleichfalls ein Deutscher war, einen nahen Verwandten – padre, einen "Freund", einen "gönner" – wiedergefunden hatte ... Ein Wunder war es, das ganz Rom beschäftigen musste ... Aber selbst den Heiligen Vater durfte es rühren, zu hören – Cardinal d'Asselyno hatte im Kerker der Inquisition einen ihm aus seiner Jugendzeit unendlich werten Angehörigen gefunden und ihn in seiner letzten Stunde bekehrt ... So nur und nicht anders konnte seines Ruhmes neue Mehrung lauten ...
General Lanfranco hatte sich zuerst entfernt ...
Bonaventura war vom Freund emporgezogen worden ... Hubertus und Paolo Vigo, jener in der Franciscaner-, dieser in der Büsserkutte, drückten ihre Lippen auf die Wange des Gestorbenen – auch auf Bonaventura's beide hände ... Bedeutungsvoll gab ihm Paolo Vigo seinen Stab und sagte – er möchte sich darauf stützen ...
Bonaventura ergriff den Stab ... Der andere, den ebenso Hubertus trug, konnte gefunden werden, von wem er wollte – niemand hätte seinen Inhalt entziffern können ... Der dritte, der Stab Federigo's, war vielleicht in