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in einem Alkoven stand ... Noch konnte der atemlos und zitternd Stehende nicht das Lager entdecken, wo jener ihm nun endlich zugänglicheBegriff lag, der einen Augenblick nach dem Gruss der Liebe und des Erkennens vielleicht für immer aus dem Leben schied ... Ein Begriff –? ... Wenn die person, die ihn erfüllte, dennoch eine andre war –? ...

Eine Weile verharrte Bonaventura in einer unbeweglichen Stellung ... Alle Lebensströme schienen in diesem Augenblick ihm zu stocken ... Eine unendliche Freude und ein unendlicher Schmerz stritten um die herrschaft in seinem inneren ...

Quiviene? ... erscholl es jetzt mit einem Ton, der dem Lauschenden durch die Seele schnitt und der ihm nicht bekannt war ...

Bonaventura schritt näher ... Jetzt sah er, dass in einem Winkel des Alkovens ein Bett stand, auf welchem eine Gestalt in einem braunen, warmwollenen Büsserkleide lag ... Er sah nur die langen weissen Haare des ihm abgewandten Hauptes ... Auch eine erwärmende Decke lag auf dem ausgestreckten Körper ...

Sietevoi, mieicarifigliuoli? ... fragte die stimme und setzte die Anwesenheit der Mönche voraus ...

Die stimme durchschnitt des Sohnes Herz ... Nun war es doch wie ein Klang, den er kennen mussteein Klang wie die Erinnerung eines Weihnachtliedes der Jugendzeit ...

Legite dunque! ... La vostra letturanon mi dispiace ... sprach der Greis mit matter stimmeDie Bewegung, welche die Rede unterbrach, schien von Fieberfrost zu kommen ...

Bonaventura trat einen Schritt vor und fragte, mit leiser stimme und in deutscher Sprache:

Habt Ihr es kalt, meinVater –? ...

"Kalt" und "caldo" die beiden Sprachen Gegensätze ... Bonaventura sprach so leise, dass vernehmbar nur das Wort "kalt" von seinen Lippen kam ...

Caldo! Caldo! sprach der Greis mit Misverständniss und deutete mit beruhigtem Ton an, die Wärme der Decke genüge ihm ....

Bonaventura sah nun vollkommen die langausgestreckte Gestaltdie sich ein wenig wandte, da der Schatten, welchen der Angekommene auf die weissgetünchte Wand fallen liess, den Greis zu befremden und aufzuregen schien ...

Caldonahm Bonaventura, sich jetzt ein Herz fassend, das Wort wieder auf und setzte in italienischer Sprache die verhängnissvolle, den Moment der Erkennung, wenn es sein Vater war, entscheidende Frage hinzu: Caldo come sotto una coperta di neve –! ...

Auf dies Wort: "Warm wie unter einer Schneedekke?" – folgte erst eine Todtenstille ... Dann richtete sich der Greis auf, sank, da die Kraft nicht ausreichte, auf seine beiden arme zurück, die sich gegen das Lager anstemmten, und richtete die mit weissen Brauen umbuschten Augen weit aufgerissen auf die im Glanz ihrer Cardinalswürde vor ihm stehende Gestalt ...

Er mochte denken: kommt ihr endlichund bist du Ambrosi oder mein Sohn? ...

Nun sah Bonaventura das von den Spuren des Alters, des Kummers und der nahenden Auflösung zerstörte Angesicht, sah Züge, die nur mühsam aus dem weissen Barte, aus dem langhinflutenden Haare zu erkennen warenaberes war sein Vater ... Hatte ihm der Ton der stimme schon die volle Bestätigung gegeben, jetzt bedurfte es keiner weiteren Versicherung ... Langsam sank Bonaventura zur Erde nieder und beugte sein Haupt vor dem Greise, der nur durch diese Zeichen der Liebe und durch die kostbaren Gewänder seinen Sohn erkannte – ... Durch die lange Reihe der Jahre hatte auch dieser eine Veränderung seines Ausdrucks erfahren, die jenen Jüngling, dessen Bild der Vater im Herzen trug, nicht wiedererkennen liess ...

Bona –! hauchte der Greis ... Was weckst dumich vomtod –! ... Ich liegeunter dem Schneeder Alpen ...

Und der Tod der Muttererstdurfte den Schnee schmelzen! ... wehklagte Bonaventura mit tränenerstickter stimme und mit einem wie vorwurfsvollen, doch innigzärtlichen Ton ...

Der Greis legte die mageren, zitternden Finger auf das purpurrote Sammetbaret und die Tonsur des Sohnes ... Wie ein Blinder, der durch Tasten sich erfühlen muss, was sein Auge nicht erkennt ... Schon war er auf sein Lager zurückgesunken, als er mit Tränen hauchte:

Der Mensch ist sichseine eigene Welt ... Was zürnst du mir –! ... Dannlange ihn betrachtendfügte er fast scherzend und doch tief wehmütig hinzu: Ichkennedich nicht ...

Mein Vater! rief Bonaventura, des Ortes, wo er sich befand, nicht mehr achtend, beugte sich über den Greis und bedeckte ihn mit seinen Küssen ...

Die Tränen mehrten sich in des Greises Augen, die sich wieder schliessen mussten ... Leise sprach er:

Nur einekurzeAuferstehung! ...

Lebe, mein Vater! ... Ist denn kein Arzt hier? ... O, verschmähst du alles? ... Dass ich einen Heiligen Gottes nicht noch erhöht sehen soll –! ...

Die rechte Hand des Greises deutete eine Weile nach obenwarnte zur Vorsicht, wobei ein unendlich liebevoller blick der Augen ihn unterstütztedann sank