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und schreitet man dann über einen kleinen, der deutschen Nation uralt angehörenden Kirchhof und an Gebäuden vorüber, in denen die Wäsche des heiligen Vaters und das Leingerät zum Kirchengebrauch im sankt-Peter gereinigt und getrocknet wird, so findet man in einer engen menschenleeren Gasse ein unschönes Eckgebäude mit kleinen, unregelmässigen Fensternein Gebäude, das einer alten Kaserne gleicht ...

Ein unförmliches Tor sieht vollends dem Eingang zu einer Festung ähnlich ... Im düstern hof befindet sich ein Wachtposten ... Man gefällt sich in Rom darin, dies Gebäude der Welt als ein solches zu zeigen, das sich gleichsam überlebt hätte ... Es ist der Palast der Inquisition ...

Michael Ghislieri, als Pius V. Anstifter der Bartolomäusnacht, war einst der Besitzer dieses Palastes und machte ihn den Dominicanern zum Geschenk ...

Im vorderen haus wohnen die Inquisitoren und ihre "Familiaren" ... Dann kommen zwei Höfe, die von einem Mittelgebäude getrennt werden ... Im hintern haus liegen die Gefängnisse des Sacro Officio ...

Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die katolische Kirche der freisinnige Geist der Zeit gedrungendie Franzosen der Republik fanden 1797 die Gefängnisse der Inquisition leer ... Ihre Folterkammern und unterirdischen Verliesse konnten nicht entfernt werden; sie blieben grauenvoll genug anzusehen, wie nur ein alter Hungerturm von Florenz oder Pisa ... Die Römlinge behaupten, die Revolution von 1848 hätte das Bedürfniss gehabt, wirkliche Gefangene, "Opfer der Inquisition", jedenfalls menschliche Gebeine, Todtenschädel, Zangen und Folterinstrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik hätten zu dem Ende das Arrangement getroffen, dergleichen vorfinden zu lassen ... Einige Professoren der Sapienza sind noch jetzt bereit, zu erzählen, dass ein ganzer Vorrat von Gerippen, Knochen, unter andern das Skelett einer Frau, von deren Schädel noch das schönste Haar niederfloss, aus der Anatomie zu diesem Zweck wäre geliefert worden ...

Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der stürmende Volkshaufe von 1848 einen einzigen ... Einen ägyptischen Erzbischof, der hier seit Jahren eingekerkert sass; widerrechtlich hatte er die erzbischöfliche Weihe empfangen, entkleidet konnte er derselben nicht mehr werden, der Duft der priesterlichen Salbung verfliegt selbst am Verbrecher nichtso musste der ägyptische falsche Kirchenfürst sich gefallen lassen, hier im lebenslänglichen Kerker Erzbischof eines Pyramidengrabes zu sein ... Die Aegypter lieben und verehren die Tiere ... Der Gefängnisswärter, ein Laienbruder der Dominicaner, besass einen Vogel ... Diesem hatte der falsche Erzbischof die schönsten Weisen gelehrt, ihn täglich gefütterteinige Jahre lang ... Da brach der Volkshaufe ein, befreite ihnder Aegypter kehrte in die Welt zurück, wusste aber nicht, was er in ihr beginnen sollte ... Er hatte sehnsucht nach seinem Vogel und bat, ihn lebenslänglich in seinen Kerker zurückzulassen1) ...

Die alten Verliesse, in denen es einst nicht so idyllisch herging, sind noch da; sogar die Reste des Neronischen Circus, auf welchen diese ganze Umgebung des Vatican gebaut wurde ... Folterkammern, und nicht aus heidnischer, sondern christlicher Zeit, eiserne Ringe an den Mauern, Inschriften an den Wänden, die von den Gefangenen herrühren, wie: "Selig sind, die um Gerechtigkeit willen leiden, denn das Himmelreich ist ihrer" – Alles das findet sich ... Auch die Stätten sind da, wo die Bekenner des geläuterten Glaubens verbrannt wurden, wie jener Luigi Pascal aus dem Silaswalde ... Hier liegen noch zu Tausenden die Exemplare jener oft kaum noch aufzutreibenden Bücher, die Rom verbrennen liess ... Die Processacten aller Inquisitionsopfer liegen hier beisammen zu Kapiteln in der geschichte des menschlichen Geistes, die noch geschrieben werden sollen ... Und noch jetzt stehen über der Schwelle jedes Kerkers Bibelsprüche, die gewiss oft mit grausamem Hohn die Seele des Gefangenen verwunden mussten, wenn er sie beschritt und las: "Du wirst verflucht sein, wenn du eingehst, und verflucht, wenn du ausgehst!" –2) ...

Die Verurteilung der Bibelleser und der Verbreiter des Protestantismus durch die Inquisition fehlt allerdings auch noch jetzt keineswegs ... Die Dominicaner von Florenz, die einst ihren eigenen Prior Savonarola verbrannten, taten auch noch gegen das Madiai'sche Ehepaar3) ihre Pflicht ... Aber die Folterwerkzeuge und Hinrichtungen sind jetzt in Italien an die p o l i t i s c h e n Gefängnisse übergegangen ... Vorführungen und Verurteilungen im schwarzverhangenen saal des Tribunals mit dem Wappen Pius' V. und dem Porträt des heiligen Dominicus kommen nur noch selten vor ... Die Qualificatoren und Familiaren der Inquisition sitzen dann wie beim Gericht der Vehme ... Die Fenster sind verhangenAltar und Crucifix stehen unter einem Baldachin von schwarzem Sammetsechs Wachskerzen sind angezündet ... Zur Seite erhebt sich eine schwarze Estrade, auf welche der Pater Ankläger tritt, um die Beschuldigungen vorzulesen ... Beginnt ein Gericht, so öffnet ein Official der Inquisitoren die Tür und ruft: Ruhe! Ruhe! Ruhe! Es nahen die heiligen Väter! ... Dann treten diese, in ihren weissen Kutten, schwarzen Mänteln und Kapuzen, feierlich ein, knieen vor dem Altar, beten, erheben sich, und ihr Führer, der InquisitorCommissarius, beginnt den heiligen Erleuchtungsgesang: "Veni Creator spiritus" ... Dann ergreift der Vorsitzende die silberne Klingel und die Angeklagten müssen erscheinenin braunen Kleidern, um den Hals den Strick,