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Sinne mächtig zu bleiben und im überfüllten Saal nicht ohnmächtig zu werden; dieser mit der ihm eignen lächelnden Schüchternheit, die ihm selbst in seinem jetzigen reiferen Alter geblieben war ... Der Salonwitz nannte beide Freunde die "Inséparables", andere "Castor und Pollux", andere "Orest und Pylades" – natürlich mit jenen verdächtigen Nebenbeziehungen, die dem katolischen Priesterstand zur Strafe anhaften werden, solange er das Weib verschmäht ...

Im Vorsaal wurde dem Cardinal Ambrosi von einem Dominicaner ein Brief übergeben ... Er erbrach ihn rasch ...

Als die beiden Freunde in ihrer altertümlichen vergoldeten Kutsche sassen, gab Ambrosi den Brief an Bonaventura ... Er entielt die Worte:

"Die Männer von Calabrien sind angekommen ... Dem Besuch des Erzbischofs von Coni bei seinem Diöcesanen, dem Einsiedler von Castellungo, steht nichts im WegeLeider findet er den Mann, trotz aller ärztlichen Bemühungen, dem tod nahe ..."

Zum Vatican! rief Bonaventura dem Kutscher mit fieberhaft zusammenschlagenden Zähnen ...

Beruhige dich –! sprach Ambrosi und zitterte doch selbst ...

Wir treffen ihn sterbend –! ... Wie ich geahnt! – Meine Strafe –! ...

Ambrosi versuchte Hoffnungen auszusprechen ... Die stimme versagte ihm ... Wie eine Mutter nach ihrer Geburtsstunde von Fieberschauern erschüttert wird, so lag Bonaventura in Ambrosi's Armen ... Selbst dem Befremden, das Ambrosi über die Reden der beiden Geistlichen aus Neapel auszudrücken versuchte, konnte sein Ohr nicht mehr achten ...

Der Wagen jagte über den Corso, der Tiberbrücke zu und zum Vatican – ...

Für viele der beim Sprachenfest Zurückgebliebenen hatte die Sitzung durch die Entfernung der beiden gefeierten jungen Cardinäle ihr Interesse verloren ... Da sie nicht wiederkamen, so entfernten sich auch andere ... Sogar Olympiens Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin ... Vor ihnen hatten sich schon die beiden Weltgeistlichen entfernt ... Nun ging auch der General der Dominicaner ...

Lucindens scharfes Auge beobachtete wohl, wie alles das in irgend einem Zusammenhange stand, wie irgend etwas vorgefallen sein musste, was erschütternd in das Leben ihres Heiligen griff ... Was konnte es sein –! Ihr konnte etwas verloren gehen –? ... Was hatte Olympia im Werk? ... Auch ihr war nur ein flüchtiger Gruss von ihr zu teil geworden – ... Schon oft hatte auch Olympia nach dem Inhalt ihres Kästchens verlangt – ... Schon oft hatte auch sie von den Geheimnissen der Inquisition gesprochen und ihre Torheit verwünscht, die sie vor Jahren die Dominicaner, um Bonaventura's willen, beleidigen liess – ...

Lucinde, hochaufgeregt, erhob sich ... Dass sie am Palast der Katakomben halten und durch ihren Bedienten hinaufsagen liess: Gräfin Sarzana erkundige sich, ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen hätte? war in der Ordnung ... Sie erfuhr, dass beide Cardinäle noch nicht zurück waren ...

So konnte der Gesundheit des Freundes nichts Bedenkliches begegnet sein – ...

Sie sann den Gründen seiner schnellen Entfernung vergeblich nach und verlor sich in Vorstellungen wunderlicher Art ... Und wie es dem Menschen geht, dass er seine eigne Beteiligung am Schicksal andrer nur allein vor Augen hat und, sei's im guten oder schlimmen Sinne, diese übertreibt, so stand ihr auch nur ihr geheimnis über Bonaventura's Taufe vor Augen. Es ist entdeckt –! sagte sie sich ... Sturla wusste davon ... Es fehlt noch die autentische Bestätigungdie Urkunde aus meiner Hand –! ... Man wollte sie schon diese Nacht stehlen – ... Sie hätte ihm Leo_Perl's Brief noch heute zurückgeben mögen ...

Bei alledemwelch glückliche Beziehung schien sich nun doch, ohne Paula, wiederherzustellen –! ...

Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens sind nicht zu ermessen ... So nur allein am Fenster des Geliebten einige Minuten harren, so nur die Kunde empfangen zu dürfen, man würde die Anfrage ausrichtener kommter denkt an dicher besinnt sich auf den gewissen Gegenstander lächelter erinnert sich der beiden Abschiede, die ich von ihm nahm, jener beiden Male, wo ich vor ihm auf der Erde lagalles das schon allein kann eine Welt des Glücks für ein wahnbetörtes, für die grössten Lebenshoffnungen von kleinen Almosen zehrendes Herz werden ...

Die Gräfin kam in ihre heute aus Besorgniss doppelt erhellte wohnung gerade zur rechten Zeit, um sich mit dem Monsignore Vice-Camerlengo, dem Gouverneur von Rom, zu verständigen ... Auch dieser Beamte war ein Priester ... Er erteilte den im Kirchenstaat in solchen Fällen üblichen Bescheid: Lassen Sie es auf sich beruhen, Eccellenza –! Entdeckt man die Sache, wie sie ist, so könnte esnoch schlimmer werden! ...

Lucinde kannte Rom ... Der hohe Prälat blieb eine Weile zum Plaudern; dann war sie alleinfreischloss sich in ihr Zimmer ein und begann den Brief, der die Urkunde begleiten sollte ... Sie hauchte in diese Zeilen ihr ganzes Leben ...

Fussnoten

1 Ein Factum? 2 Neigebaur: "Der Papst und sein Reich."

13.

Besucht man in Rom die Peterskirche, lässt sich ihre geheimen Kammern aufschliessen, die gleich fürstlichen Antichambren eingerichteten Sakristeien,