..
Er speiste allein – Ambrosi war auswärts und durch sein Amt bis über Mittag gehindert ...
Als Ambrosi zurückkam, begleitete er den Freund zur Piazza d'Espagna, wo die Missionäre der Propaganda ihr grosses Sprachenfest hielten ...
Dort mussten sie Pater Lanfranco finden ... Erteilte ihnen dieser keine Beruhigung, so wollten sie am nächsten Morgen nach Neapel reisen ...
Der Saal war überfüllt ... Alle Welt ergreift in Rom die gelegenheit, Würdenträger der Kirche in reicher Anzahl versammelt zu sehen ... Erschienen sie hier auch nicht in ihren grossen aussergewöhnlichen Prachtgewändern, so trugen doch viele ihre regelmässigen Ordenskleider ... Griechen, Armenier, Kopten, Maroniten befinden sich immer in ihren eigentümlichen Trachten ... Auch für den Freund der Physiognomik gibt es schwerlich einen interessanteren Genuss, als soviel markirte Priesterköpfe zu studiren ...
Bonaventura und Ambrosi kamen an, als die Feierlichkeit schon im Gange war ...
Die Schüler der Propaganda, jüngere und ältere Scholaren, darunter manche bereits geweihte Kleriker, sprachen in all den Zungen, in welchen sie einst auf Missionsreisen die Botschaft des Heils zu verkündigen hofften ... Wenigstens konnten Proben von einem Viertelhundert Sprachen vernommen werden ...
Ein erhabener Gedanke – ergreifend seine Bedeutung – aber die Ausführung brachte Spässe mit sich ... Drollig erklang es dem italienischen Ohr, wenn ihm Slavisch gesprochen wurde ... Ambrosi hatte Bonaventura in eine Falle gelockt ... Er wollte ihn aufheitern ... Als beide ankamen, lachte die Versammlung grade über die Art, wie sich eine Lobpreisung des Höchsten im Polnischen ausnahm ...
Bonaventura glaubte anfangs in einen Concertsaal zu treten ... Bald entdeckte er die kleine Fürstin Rucca, die in elegantester Toilette neben ihrem Ercolano sass und so vertraulich mit diesem lachte, als hätte die zehnjährige Episode ihres Lebens mit Benno gar nicht stattgefunden ... In einer gestickten ordenüberladenen Uniform sass Ercolano, lorgnettirte die Damen und klatschte wie im Teater mit seinen hellen Glaçeehandschuhen Beifall, wenn eine gewandte Zunge rasch über die schwierigen Passagen der fremden Idiome hinwegkam ... Neben Olympien sass zur andern Seite die Herzogin von Amarillas mit schneeweissen Haaren; sie blickte mit unversöhnlichem Groll auf Bonaventura ... Olympia beugte sich demutsvoll dem Cardinal Ambrosi und verzehrte ihn noch jetzt mit süsslächelndem Gruss – eine Geberde, die ihr auch jetzt noch angenehm stand; gegen Bonaventura dagegen verwandelte sie die süssen Züge in jene ihr eigne plötzliche Kälte und verneigte nicht einmal ihr Haupt, wie dies die Herzogin doch beiden tat ...
Gräfin Sarzana fehlte nicht ... Sie hatte in ihrer Nähe so viele, die sich mit ihr unterhielten, dass ihr Olympia schon neidische Blicke zuschoss ... Der von Ambrosi den Freunden bestellte Sitz war zufällig dem der Gräfin Sarzana so nahe, dass sie mit Bonaventura einige Worte wechseln konnte ... natürlich galten diese der Abreise Paula's ... Schliesslich sagte sie:
Morgen in der Frühe, um zwölf Uhr – find' ich Sie da in Ihrer wohnung, Eminenz? ... Zu keinem Besuch ... Nur einen gewissen Gegenstand wollt' ich an Ihrem Portal abgeben und eine Beruhigung über den richtigen Empfang haben ... Und denken Sie sich – diese Nacht sollte – bei mir – ...
Ein schallendes Gelächter machte ihre fernere Rede für Bonaventura unhörbar ... Ein Neger hatte eben madagassisch gesprochen und Gurgeltöne hervorgebracht, die noch kaum der menschlichen Sprache anzugehören schienen – ...
Bonaventura war über Lucindens Anblick, ihre Rede, ihr Bedauern wegen Paula's ergriffen ... Welche glänzende Toilette hatte die Gräfin gemacht –! ... Sie trug ein schwersammetnes Kleid von dunkelroter Farbe ... arme und Hals waren frei ... Den allzu grellen Effect milderte ein schwarzer um den Hals festzugehender Spitzenüberwurf ... Um den Nacken schlang sich eine Kette von schwarzen Perlen – mit jenem goldenen Kreuze, das sie nie ablegte ... Hier und da war ihr Haar schon grau; ein kleines schwarzes Spitzentuch, das an beiden Seiten mit Brillantnadeln festgehalten wurde, lag darüber ... Die unter den Spitzen vorschimmernden immer noch wohlgerundeten braunen arme trugen am Handgelenk kleine zierlich gewundene Schlangen aus schwarzer Lava ...
Vorzugsweise schien Fürst Ercolano die Claque zu leiten ... Eine Côterie ihm ähnlich aufgeputzter Dandies schlug auf seinen Wink die hände zusammen, so oft eine halsbrechende Passage ohne Stocken von den Lippen der Sprecher glitt, unter denen sich Neger und Malaien befanden ... Selbst das heilige Hebräisch fand keine Gnade vor den Ohren dieser Zuhörer, denen die andächtiger gestimmten Fremden schon zuweilen zischen mussten ... Freilich klangen einzelne Sprachen komisch genug; andere desto melodischer; z.B. Türkisch ... Als türkisch gesprochen wurde, schlug Gräfin Sarzana die Augen nieder ... Fürchtete sie, um Abdallah Muschir Bei beobachtet zu werden –? ... Das Arabische klang schroff, rasch, "wie Rosseshuffschlag"2... Ein syrischer Priester sprach kurdisch; in sanftem Wellenschlag flossen oft die Idiome der wildesten Völker ... Dunkel dagegen und trübe erklangen die Sprachen des Nordens, das Englisch der Irländer und Schotten ... Einige förmliche Wettreden wurden aufgeführt, an denen mehrere Sprecher teilnahmen ... Auch das Holländische wurde hörbar – Deutsch durch den rauhesten oberbairischen Dialekt, der nicht im mindesten Anklang fand und vorzugsweise von Olympien lächerlich gefunden wurde, indem sie