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Seele liegen kann ...

Niemand von den Wirtsleuten, bei denen sie wohnte, hörte sie kommen. Alles war im Teater! Sie drückt die Tür auf, sie stürzt auf das Sopha zu, sie hat ihre ganze Kraft in dem Hülferuf: "Serlo!" gesammelt ...

Der aber lag, von der kleinen Lampe beschienen, auf dem Sopha ... Er schlief nicht mehr ... Stirne, Wange, Hand waren kalt ...

Er war tot.

21.

Die Schauspieler haben die schöne Art, in äussersten Lebenskrisen sich von der herzlichsten Seite zu zeigen.

Es ist dann fast, als gedächten sie der alten Zeit, wo sie noch zu den Verfemten gehörten, gedächten ihres eigenen, meist so schwankenden Looses.

Serlo war freilich schon so verbittert gewesen, dass er auch diese Erfahrung anders erklärte.

Er hatte zu Lucinden schon vor längerer Zeit einmal gesagt:

Wir Komödianten kennen die wirkung, die auf der Bühne Edelmut macht! Immer Schlangen im Herzen haben, erstickt uns auch zuletzt selbst. Wir atmen ja auf, einmal für unsere bessere Empfindung ein zeugnis aufstellen zu können. Dass uns dann aber auch der Beifall, nicht nur des Gewissens in aller Stille, sondern auch der öffentliche und der Hervorruf nicht fehle, dafür sorgen wir schon! Gilt es ein bewiesenes Herz, gilt es unser Mitleid, unsere Aufopferung, dann wird sogar ein College einmal zum Claqueur des Collegen und daswill viel sagen!

Dieser bittern und menschenfeindlichen Aeusserung erinnerte sich Lucinde, als sie den Eifer sah, mit dem man Serlo bestattete, seine Angelegenheiten ordnete, für seine Anerkennung sogar durch die Presse sorgte. Jetzt hatte jeder das Ringen des Armen beobachtet, jetzt hatte jeder gefunden, dass er eines bessern Looses würdig gewesen war. O diese Grabredner! sprach Serlo einst schon früher einmal wie in Vorahnung. Man möchte diese Kerle immer fragen, warum sie nicht früher das Maul auftaten?

Für alle diese Liebesdienste wurde ein Comité niedergesetzt und Lucinden selbst der Ueberschuss einer Subscription angeboten.

Sie nahm für sich nur, was für das "unterbrochene Opferfest", wie ein bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorstellung der Jungfrau gesagt hatte, von der Direction gezahlt wurde. Sie wohnte dann noch dem Begräbniss und der teilweisen Versiegelung der Verlassenschaft bei, schrieb an Madame Serlo und die Kinder, liess, was sie noch entbehren konnte, dem Todtengräber zurück, um einige Jahre lang Serlo's Grab zu schmücken, und reiste ohne Plan, ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus.

Zunächst nur über die düstern Berge hinweg, die waldigen, dunkeln Fichtennadelhöhen ... Nur in freundlichere, sonnigere Täler! Sie wollte womöglich die Stadt sehen, in der Serlo geboren war und noch Anverwandte hatte. Dann hoffte sie irgendwie und wo weiter zu kommen ...

Was das Leben zur Schule machen kann, glaubte sie hinter sich zu haben. Eine Schülerin im grossen Lehrgange des Schicksals erschien sie sich nicht mehr. Sie musste schon wieder bitter lachen, als sie so im Eilwagen über die Schluchten des Rhöngebirges fuhr, dabei an die Wölfe des Revierförsters, an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klänge ihrer Rolle im Ohre summten. Auch andere Rollen wurden lebendig. Wie viel hatte sie nicht auswendig gelernt und studirt!

Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!

Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!

Diese Worte wiederholte sie am öftersten. Verirrung schien ihr alles, was sie bisher erlebt. Sie sah neue Ströme, neue Täler, neue Ebenen; sie fühlte wieder die Kraft, ihr Schicksal sich selbst zu gestalten.

Wie aber und womit? Wo den Handschuh hinschleudern zur Fehde gegen natur, Menschen, Erde, Himmel? Nach Schloss Neuhof zurückkehren? Dort dem Kronsyndikus, wenn er noch lebte, ein Wachtauf! Wachtauf! rufen? Tatsachen geltend machen, die nicht ganz aus ihrem umflorten Gedächtniss entschwunden waren? Dann hätte sie freilich nach Norden zurück müssen und schon hatte sie's unwidersteh

Als man Serlo auf dem Friedhofe, dem katolischen, begraben hatte, war sie zugegen gewesen und hatte von fern gestanden. Sie gehörte dem Dahingegangenen zwar am meisten an, aber das auf der Bühne Erlebte zwang sie, an den Grabeshügel erst dann heranzutreten, als alle sich entfernt hatten, der Weihrauch verduftet, die schönen Gesänge des Teaterchors verklungen waren. Da hatte sie noch eine Träne in ihrem brennendheissen Auge gehabt. Dann warf auch sie drei hände voll Erde auf das Grab, nahm jene Rücksprache mit dem Todtengräber und war nur noch eine Weile unter den Gräbern gewandelt. In der Nähe lag der Kirchhof, auf dem ihre Schwester begraben sein musste ... Er stand offen ... Sollte sie hineingehen? ... Ueberall las sie: "Friede und Glück" ... Wo es so viel Gräber gibt, so viel müde, gequälte, betrogene Herzen, Glück? Ja, Glück, unter der Erde im Nichts sich ausruhen! Im Nichts! So glaubte sie schon. Alles schien ihr Traum und Wahn. Verwirrung, Krieg, fester Wille nur, und den Fuss gesetzt auf jeden Nacken, der sich nicht beugen will! Das schien ihr eine Aufgabe, allein des Lebens würdig ... Sie ging nicht auf den Friedhof.

In eine altberühmte Stadt kam sie und fand Verwandte Serlo's. Diese fragten nach seinem Nachlass.

Sie sagte, sie hätte nichts, ging und belächelte ihre Anwandlung