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bis an Piazza Navona zog, nicht entdeckt werden ...

Um sechs Uhr kam eine Botschaft, welche die Teilnahme Lucindens für jede andere Angelegenheit, selbst für den Besuch des Polizeimeisters (natürlich eines Prälaten) und die Untersuchung des von ihm als corpus delicti entgegengenommenen und vielleicht auf Entdeckungen führenden Stricks zurückdrängte ... Ihr Kundschafter zeigte ihr an, dass Graf Hugo nach fünf Uhr in einem leichten Reisewagen, welchen drei Pferde zogen und dem sich ein hochbepackter vierspänniger, Gepäck und Dienerschaft führend, anschloss, abgereist war ... Paula war nicht zurückgeblieben ... Sie folgte ihrem Gatten nach Wien ...

So war denn die Entscheidung erfolgtdas jahrelang Keimende endlich zur Reise gediehen – ... Neue Sterneneue Bahnen ... Paula folgte den Mahnungen ihres einst gegebenen Jaworts und zahlte die lang gestundete Schuld der Ehe ... Lucinde erkannte die ganze Tragweite dieser Veränderungen; ihre Phantasie ging über sie noch hinaus ... Nun galt es in Bonaventura's Leben die freigewordene Stelle einnehmen ... Und wie ergriff sie die Aufgabe, die ihr ein neues Hoffen stellte –! ... Entschieden und offen wollte sie den Geliebten vor den geheimen Conspirationen der Herzogin und der Fürstin warnen, die schon seine Heimat, Castellungo, Neapel und die Verliesse der Inquisition in den Kreis ihrer Forschungen gezogen zu haben schienen ... Sie wollte ihm den nächtlichen Ueberfall anzeigen, den sie heute erlebt hatte und Veranlassung daraus nehmen, zunächst die Urkunde einzusiegeln und einen Augenblick zu erspähen, wo sie Bonaventura bei seinem Freunde sicher zu haus fand ... Auch sie hielt sich in seiner Nähe einen Spion, einen Priester, welchen dem fremden Kirchenfürsten seit einem halben Jahr die Congregation der Bischöfe zur Verfügung gestellt hatte ...

Ihre tägliche Messe hörte sie – "um es mit keinem zu verderben" – bald hier, bald dort ... Sie kleidete sich an und fuhr zunächst an einen Ort in der Nähe des Ambrosi'schen Palastes, wo ihrer an jedem Morgen jener Priester harren und ihr sagen musste, wo sie den Freund den Tag über sehen könnte, was er beginnen, wo celebriren, wo in Gesellschaft sein würde ... Der junge Abbate sprang dann an den Wagenschlag; sie lehnte ihm ihr Ohr hin und erfuhr, wo sie hoffen konnte Bonaventura zu begegnen ...

Heute hörte sie zwei Nachrichten ... Eine erfreuliche, die, dass beide Cardinäle dem grossen Sprachenfest der Propaganda beiwohnen würden, sie also Bonaventura sehen könnte – ... Dann eine erschreckendebeide Cardinäle würden einen Ausflug nach Neapel machen ...

Es war Winterszeit und letztres schon glaublich ... Konnte sie aber nicht folgen? ... Konnte sie nicht den neuesten Ausbruch des Vesuv sehen wollen oder vom römischen Winter, der diesmal sogar Eis gebracht hatte, gleichfalls vertrieben werden? ... Andrerseits sah sie mit zunehmendem Befremden die wichtige Rolle, die im Leben Bonaventura's Neapel zu spielen anfing – ...

Mit diesen wichtigen Kunden fuhr sie in die nächste Kirchedie des Al-Gesú, in der eigentlich Jeder die Messe hören musste, wenn er zum guten Ton, namentlich zum triumphirenden der Reaction gehören wollte – ...

Während sie dort, über ihre nächsten Entschlüsse brütend kniete, sass Bonaventura in den düsteren Zimmern des Katakombenpalastes in der Tat voll tiefster Trauer ...

Die Unfähigkeit des Grafen, länger seine Liebe zu beherrschen, hatte im Wettkampf dreier Herzen den Sieg davongetragen ... Noch vor einigen Tagen hatte Paula vom Eintritt in ein Kloster gesprochen – ... Der Tod der Präsidentin von Wittekind war unmittelbar und in der ganzen Herbigkeit eines sich nur ungern dem Gesetz der natur bequemenden Scheidens von den Freunden miterlebt worden – ... Nun erfuhr Bonaventura, dass das stille Gute Nacht! des gestrigen Abends der Höhe seines Lebens gegolten hatte ... Nun konnte es nur noch abwärts gehen ... Es war zwischen den Freunden so verabredet worden, dass sie sich ganz ohne Abschied trennten ...

Die nächste Zerstreuung, die nächste Füllung der Lücke seines inneren bot die Reise nach Neapel ...

Ambrosi kannte jede Beziehung im Leben seines Freundes ... Als Bonaventura's Mutter gestorben war, ging eine Anzeige dieser Entscheidung in den Silaswald ... Bonaventura würde die Botschaft selbst überbracht haben, hätte ihn nicht noch des Präsidenten Gegenwart und tiefste Betrübniss zurückgehaltendann, als der Präsident abreiste und nun der Vater, wenigstens für ihn, auferstehen, der Sohn ihm an die Brust sinken konnte, seine Ernennung zum Cardinal ...

Federigo's Absicht, selbst nach Rom pilgern zu wollen, hatten die Freunde nicht erfahren können ... Denn die jesuitische Reaction, die mit dem Jahre 1849 über Europa hereinbrach, drang selbst bis in jenen dunkeln Winkel eines calabrischen Waldes und machte den Einsiedler zum Gefangenen ... Monsignore Cocle, Bevollmächtigter Fefelotti's, hatte jene Versammlung des 20. August gesprengt und sämmtliche Ketzer des Silaswaldes festnehmen lassen ...

Ambrosi musste das Aeusserste aufbieten, Bonaventura von unüberlegten Schritten zurückzuhalten ... Sofort nach Neapel zu reisen, dort an die Pforte der Inquisition zu klopfen, wie Bonaventura wolltees war für einen Cardinal und Erzbischof unmöglich, falls nicht davon zu gleicher Zeit Vater und Sohn die grössten Nachteile haben sollten ... Ambrosi kannte aber den Hass der Dominicaner gegen die Jesuiten, die