1858_Gutzkow_031_927.txt

funkelnverlor sich in Träume, überlegte den Brief, welchen sie schreiben wollte, verschloss ihr Kästchen wieder und wollte nun zur Ruhe gehen ...

Als sie in ihrem Schlafcabinet begonnen hatte sich zu entkleiden, hörte sie in der Nähe ein Geräusch ... Es war ein eigentümlicher Ton, dessen Ursache sie sich nicht erklären konnte ...

Sie ergriff ihr Licht ...

Indem sie um sich leuchtete, fiel ihr ein, dass sie im Nebenzimmer ihr Schreibbureau offengelassen und ihr Kästchen nicht wieder eingeschlossen hatte – ...

Darüber schon zitternd trat sie ins Nebenzimmer, fand hier alles still, verschloss rasch ihr Kästchen und blickte um sich ... Wieder erscholl der fremdartige leise Ton, der von irgend woher draussen und dicht neben ihrem Fenster hörbar blieb ... Jetzt hätte sie den Ton so erklären mögen, als bewegte der Wind einen Klingeldraht ...

Da ein solcher nicht in der Nähe und die Luft still war, die Nacht eher schwül, als windbewegt, so konnte jenes Geräusch vom Winde nicht herkommen ... Es dauerte fort ... Sollten Diebe in der Nähe sein? ... Ihren Dienstboten zu rufen, versagte ihr bei diesem Gedanken schon der Atem ... Sie wohnte zwar in einer lebhaften Strasse, aber mit dem Gegenüber eines alten unbewohnten Palastes ... Lauter Ruf hätte auch vielleicht die Diebe entwischen lassen ...

Jetzt bemerkte sie, während jener leise schnurrende Ton fortdauerte, am Fenster einen Schatten, wie von einem Seil ...

Ihr Auge blieb auf diesen hin- und herschwankenden Schatten starr gebannt ...

Sie klingelte jetzt heftig ... Im gleichen Augenblick stürzte vom Dach über ihr ein Ziegel oder sonst ein Gegenstand auf die Strasse, der unten zerbrach ...

Auf ihren Balcon, der vielleicht gar durch ein Seil von oben her sollte erstiegen werden, hinauszustürzen hatte sie keinen Mut ... Der grosse weite Saal, zu welchem jener Balcon gehörte, war unheimlich; um zu den Bedienten und Mädchen zu gelangen, musste sie ihn durchschreiten ...

Sie klingelte wiederholt und bekam endlich die hülfe ihrer Leute ...

Vom Balcon aus entdeckte man in der Tat einen vom Plattdach herabhängenden Strick ...

Die Diener, leidlich beherzte Bursche aus dem Gebirg, sprangen, ungeachtet alles Abmahnens, mit grossen Küchenmessern einen Stock höher und von dort, wo sich die Waarenlager eines Tuchhändlers befanden, auf die Plattform ...

Hier regte sich nichts ... Man hatte nur den freien, sternenhellen Himmel und ein unabsehbares Durcheinander von Schornsteinen ... Der Dieb hatte sich also bereits in eines der Nachbarhäuser geflüchtet ...

Luigi, einer der Bedienten, fand das Seil, das mit dreifachem Knoten um einen hohen Schornstein gewunden war und das jedenfalls einen Menschen halten konnte, der sichetwa auf diesem Wege zum Balcon hätte hinunterlassen wollen ...

über dem lauten Rufen und Erörtern wurde auch die nächste Nachbarschaft im zweiten und dritten Stock lebendig ... Die Mägde machten sich durch das lauteste Schreien Mut ...

Die Nachforschungen, jetzt von den Nachbarn unterstützt, führten zu keiner Entdeckung, welche den Strick erklären konnte ... Beim Schein des von Lucinden in ihr Schlafcabinet getragenen und da erst von ihm entdeckten Lichtes hatte sich ohne Zweifel der Dieb aus dem Staube gemacht ... Die Gräfin musste warnen, die Untersuchungen auf dem Boden fortzusetzen, da die Lichter hin und her flackerten ... Jetzt erst erkannte sie, in welcher feuergefährlichen Nachbarschaft sie lebte –! ... Die Tuchhändler des Ghetto hatten hier ihre Vorräte an Tuch und Wolle liegen ... Das Parterre war allerdings so verfallen, dass dem Besitzer des Hauses auf anderm Wege für diese Räume keine Miete mehr wurde ...

Als es still geworden, der Strick abgeschnitten, die Schlösser und Riegel der Schränke untersucht waren und alles wieder zur Ruhe ging, warf sich die Gräfin in höchster Aufregung auf ihr Bett und liess sich von den schreckhaftesten Bildern peinigen, die diesen Ueberfall als wirklich vollzogen ausmalten ...

Und wenn er sich wiederholte –? Wenn der Dieb wohl gar im haus, in den Zimmern noch versteckt wäre? ...

Sie hatte sich eingeriegelt und ihr kostbares Kästchen jetzt mit in ihr Schlafcabinet genommen ...

Allerdings lag es nahe, an ihre wunderlichen Handelsgeschäfte, an ihren häufigen Verkauf von Pretiosen zu denken ... Ihr aber bildeten sich andere Vorstellungen ... Sie dachte an die abenteuerlichsten Absichtensie sah einen Abgesandten Fefelotti's, der sich ihres Kästchens bemächtigen sollte ... Die längst verbleichten Bilder Picard's, Hammaker's, Oskar Binder's tauchten mit frischen Farben vor ihren Augen auf ...

Der Morgen erst bot Beruhigung, der ermutigende, alles belebende Sonnenschein ... Rings öffneten sich die an jedem Fenster in Rom angebrachten Markisen, die sich Lucinde freuen konnte diese Nacht nicht geschlossen gehabt zu haben; denn nur so hatte sie hören können, was am Fenster vorging ...

Von allen Bewohnern der Strasse schien das nächtliche Ereigniss erörtert zu werden ... Neugierige sammelten sich, blickten nach oben und disputirten ... Noch einmal suchte man auf den Dächern die Spur des Diebes und fand noch manchen Ziegelstein losgerissen und manchen alten leeren Blumentopf zertrümmert ... Aber die Oeffnung, wo der Dieb niedergestiegen und entkommen sein musste, konnte in einer Häuserreihe, welche sich