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Fuss neuer Hoffnungen stand ... Ihre Jahre schreckten sie nicht – ... Sie hatte die drei verbundenen Freunde Bonaventura, den Grafen Hugo und Paula nicht aus dem Auge verloren ... Sie beobachtete scharf ... Sie hatte in Erfahrung gebracht, dass sich im Herzen dieser drei Verbundenen grosse Kämpfe vollzogen; Bonaventura sprach für die Wünsche des Grafen, der ganz nach Wien übersiedeln oder wieder in Militärdienste treten wollte ... Paula stand an einem Scheidewegeob Rom, ob Wien ... Ging sie nach Wien, so waren die Würfel gefallenDiese Ehe hatte dann ihre natürliche Ordnung gefunden ... Und Bonaventura –? ... Lucinde war so erregt von dem Gedanken, Bonaventura wäre als Cardinal nun an Rom gebunden, müsse dann und wann von Coni herüber kommen, könne sich ihr, ihrer Macht, ihrem Einfluss nicht entziehen, dass sie Fefelotti mit Indignation von sich wies und diesen Gegenstand nie wieder zu erwähnen bat ...

Auffallend war es, dass der neuernannte Cardinal, dem am Tage der Uebergabe des Purpurhutes eines der ersten Fürstenhäuser Roms die üblichen Honneurs machteOlympia, die Herzogin von Amarillas wohnten diesen Festen nicht beidoch noch so lange in Rom verblieb ... Der Herbst war gekommensogar auf den Winter kehrte der jüngste der Cardinäle immer noch nicht nach seinem Erzbistum zurück ... Niemand wusste die Veranlassung dieser verzögerten Abreise ... Bonaventura selbst schützte für sein Bleiben Studien über Rom vor ... Sein einziger Umgang war Ambrosi und die Salem-Camphausen'sche Familie ... Selbst als es mit Olympia zu den unangenehmsten gesellschaftlichen Reibungen kam, blieb dennoch Bonaventura bis in das neue Jahr hinein ... Er will den Carneval sehen! hiess es ... Man beruhigte sich scheinbar, nur Fefelotti umgab ihn mit Spionen ...

Auch Lucinde forschte ... Ganz leise hatte sie einige Fäden von einem Verkehr aufgegriffen, welchen der neue Cardinal mit Neapel, ja mit dem Silaswalde unterhielt ... Ende August schon hatte sie in Erfahrung gebracht, dass Frâ Hubertus und jener Einsiedler, welcher ihnen vor Jahren soviel zu schaffen gemacht, auf Befehl der Inquisition gefangen genommen worden ... Noch zuckte Fefelotti, den sie deshalb befragte, die Achsel und sagte: Die Jesuiten liessen diesen Ketzer allerdings gefangennehmen, mussten ihn aber mit seinen Genossen an die Dominicaner ausliefern! Sie kennen die Eifersucht der weissen Kutten gegen die schwarzen! ... Lucinde hörte, dass Bonaventura's Verbleiben in Rom mit Geheimnissen des Sacro Officio zusammenhing; die klare Uebersicht des Tatsächlichen fehlte ihr noch ... Sie durfte erbangen über ein Wiederbegegnen mit Hubertus; aber sie wollte glücklich sein, wollte hoffenfasste alles im heitersten Sinne auf und fürchtete für nichts ...

Heute sass sie in der allerlebhaftesten Spannung ... Der Grund, warum sie heute noch nicht zur Ruhe gehen wollte und konnte, war kein anderer, als die noch wie im Sturm der Mädchenbrust gefühlte Spannung ihrer Ungeduld, ob die für morgen früh beim ersten Morgengrauen angesetzte endliche Abreise des Grafen – m i t oder o h n e Paula stattfand – ...

Das gräfliche Paar lebte sehr zurückgezogen in einem der grossen Hotels an Piazza d'Espagna ... Der Schleier des Geheimnissvollen, welcher Bonaventura, der seinerseits bei Ambrosi wohnte, und die Freunde umgab, war selbst für Lucinden in den meisten Dingen undurchdringlich ... Lucinde hatte auch für die gegenwärtige Situation nichts anderes erspähen können, als die Absicht des Grafen, in erster Morgenfrühe die längst beabsichtigte und immer wieder aufgeschobene Reise nach Deutschland anzutreten ... In erster Morgenfrühe sollte ein Bekannter eines ihrer Bedienten von Piazza d'Espagna, wo dieser im Hotel aufwartete, die Nachricht bringen, ob Graf Hugomit oder ohne seine Gemahlin abgereist war ...

Reiste der Graf m i t Paula, so war es ihre Absicht, für ihre noch immer glühende Liebe eine neue Demonstration zu versuchen ... Sie wollte beim Cardinal Ambrosi vorfahren, wollte die Urkunde Leo_Perl's, eingesiegelt, mit einem Schreiben an Bonaventura versehen, am Palast der Reliquien abgebensie wollte die Bitte hinzufügen, den Empfang ihr durch eine ausdrückliche Meldung an ihren Wagenschlag oder einen Gruss am Fenster beantworten zu wollen ... Reiste Paula nach Wien, so hatte sie die Absicht, sich aufs neue in der Glut ihrer nur mit dem tod ersterbenden Liebe zu zeigen, selbst mit Gefahr, den Bund, der sich gegen Bonaventura verschworen zu haben schien, zu Gegnern zu bekommen und die Protection Fefelotti's zu verlieren ... An ihre schon grauen Haare, an ihren gekrümmten rücken, an ihre sechsunddreissig Jahre sollte sie dabei denken –? ... Was ist einem Weib von Geistihr Spiegel! Liebesfähigkeit gibt ihr der Wille und des Willens ewige Jugend! ... Da scheut sie keinen Wettkampf mit der glatten Wange des Mädchenseine "Jungfrau" war sie ohnehin geblieben bei allen ihren Herzensconflicten mit Oskar Binder, Klingsohr, Serlo, Nück, Ceccone, FefelottiGräfin Sarzana war sie nur am Altar geworden ...

Lucinde nahm aus ihrem Schreibbureau ihr Kästchen ... Es hatte die Form einer grösseren Reisecassette, war von schwarzgefärbtem Holz und mit einem guten Schloss versehen ... Sie schloss es aufblätterte in Serlo's Papierenliess einige Brochen von Türkisen und Diamanten am Lichte