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Robe sich in die allgemeine Gesellschaft zu mischen, dann in London zum Ketzertum übergetreten war, wieder nach Rom zurückkehrte, sein altes Priesterkleid – "re quasi bene gesta" sagte Lucindewieder anzogDem wurde erwidert: All diese Wandelungen im Leben Wenzel von Terschka's beruhen auf Verleumdung! Nie war er vorher ein Priester! Nie war er ein Protestant! Jetzt erst führte ihn das Bedürfniss der Heiligung über ein leichtsinniges Leben in die geschlossenen Räume eines Busshauses! Erst jetzt ist er geistlich geworden; jetzt in den Orden des heiligen Ignaz getretenund auch jetzt erst heisst er Pater Stanislaus ... Allen denen, die etwa an der Richtigkeit dieser Darstellung zweifeln mochten, musste dieselbe glaubhaft erscheinen, wenn sie die hohle Wange, das düster irrende Auge, den scheuen blick, den fast verstummten Mund, eine erschreckende Vernichtung an einem Mann wiederfanden, der sonst in Gesellschaften wie Quecksilber glitt ... Der dritte Donnerstag war es heute, wo der unheimlich brütende, willenlos gewordenealte Mann bei Gräfin Sarzana sass ... Mit dem Schlag der zehnten Stunde brach er jedesmal auf; er, dem sonst die Nacht gehören musste ... Punkt fünfzehn Minuten nach zehn musste Pater Stanislaus hinter seinen düstern Mauern sein ...

Lucinde urteilte über diese Eindrücke, wie über etwas, was sich von selbst verstand auf dem Gebiet ihres Wirkens und Lebens ... Sie, die ja auch in dieser Weise zu den Wiedergeborenen gehörte, liess ganz ebenso Terschka gelten ... Sie begrüsste ihn ohne jeden Schein einer Kritik und gab dem Pater Stanislaus die Ehre, die seinem stand gebührte ...

Nur ein einziges nagendes Gefühl quälte Lucinden unausgesetzt ... Sie, die sonst die Reue als "unnütze Selbstquälerei" verwarf, bereute doch Eines ... Es war ein Wort, das ihr einst bei ihrer ersten Bekanntschaft mit Cardinal Ceccone über den damaligen Bischof von Robillante entfallen war: "Ich besitze in meinen Händen etwas, was ihn auf ewig vernichten kann!" ... Dass ihr dies Wort hatte entschlüpfen können, war nur möglich gewesen im ersten Rausch über die ihr gewordenen neuen Erfolgeauch im Zorn nur über Bonaventura's damalige Abreise von Wien ... Bonaventura hatte sie in einer Stadt, wohin sie ihm verkleidet durch ganz Deutschland nachgereist war, zurückgelassen, ohne sich weiter um sie zu kümmern ...

Oft hatte sie diese Aeusserung, die sie auch aus Furcht vor den Drohungen des Grafen Hugo tat, wenn sie daran erinnert wurde, in Abrede gestellt, hatte ihren Sinn harmlos zu deuten gesucht; aber Ceccone, Olympia, die Herzogin von Amarillas hatten die Aeusserung behalten, oft wiederholt und so rückhaltlos wiederholt, dass sie Fefelotti bekannt wurde ... Dieser, von Hass und Rache gegen Bonaventura seit Jahren unveränderlich erfüllt, hatte der Vorgeschichte Bonaventura's nachgespürt, dem Verschwinden seines Vaters, dem beraubten Sarge auf dem Friedhof von sankt-Wolfgang ... Nach ihrer fernern frühern Aeusserung: "Käme, was ich habe, zu Tage, so müsste der Unglückliche auf ewig in ein Kloster!" fehlte nicht viel, dass die seit dem tod Benno's zu einem grossen Schlage der Rache Verbundenen, Fefelotti, Olympia, die Herzogin, schon aus sich selbst heraus die volle Wahrheit trafen ... Zu einer solchen Entsagung konnte nur Jemand gezwungen werden, der mit einem dem Priestertum widersprechenden Makel behaftet war ... Selbst die Besuche Terschka's, sein lauerndes Umblicken und grübelndes Schweigen schien dem Privatgefühl Lucindens, das von ihrer öffentlich gespielten Rolle abwich, mit einer Verschwörung gegen Bonaventurasogar mit ihrem Kästchen in Verbindung zu stehen ...

Bonaventura war noch in Rommannichfach begnadet und höher noch gehoben, als er schon stand ... Im Sommer angekommen, hatte er seine Mutter sterbend gefunden, sie aus dem Leben scheiden sehen, von seinem Stiefvater, der dann nach Deutschland zurückkehrte, Abschied genommen und eben nach Neapel reisen wollen, als er durch einen jener plötzlichen Einfälle, welche an dem inzwischen wieder auf den Stuhl Petri zurückgekehrten Stattalter Christi alle Welt kannte, zum Cardinal erhoben wurde ... Quid vobis videtur? hatte es aus des heiligen Vaters mund im Consistorium geheissen und alles blickte auf Fefelotti ... Die alte Regel, zu solchen persönlichen Willensacten des Papstes zu schweigen und ihm die volle Gerechtsame seines Herzens zu lassen, Cardinäle nach eigener Gemütsregung zu ernennen, wurde auch hier innegehalten so sehr sich die zeiten verändert und die Porporati den Charakter einer Ständekammer angenommen hatten, aus deren Majorität weltlichverpflichtete Minister kamen ... Die Trauer eines Sohnes um seine Mutter war die nächste Ursache dieser Erhöhung ... Ein Erzbischof musste hierher nach Rom zu solchem Leide kommen – –! Der heilige Vater konnte ihm dafür nur den Purpur schenken ...

Fefelotti schäumte vor Wut über die ewigen "Rückfälle" des "unverbesserlichen Schwärmers", der die dreifache Krone trug ... Er stürmte zu Lucinden, warf ihr die Veränderung ihrer Gesinnungen für den Verhassten vor, reizte sie durch Paula's Glück, die gleichfalls in Rom war, und verlangte von ihr geradezujenes Gewisse, das sie gegen die "Creatur einer ihm feindlichen Partei", wie er Bonaventura nannte, seit Jahren in Händen hätte ...

Die düstern schwarzen Augenbrauen zusammenziehend stellte Lucinde ihre ehemalige Aeusserung wiederholt in Abrede ... Jetzt zumal, wo sie mit Bonaventura auf dem