der Sapienza und des Collegio anregend waren ... Ihr Vorsprung war dabei der, dass sie alles Vergangene so nahm, wie Gegenwärtiges ... Die Menschen hatten nach ihrer Auffassung zu allen zeiten dieselben Schwächen, dieselben Bedürfnisse; die Forderungen der natur waren sich zu allen zeiten gleich ... "sonderbar!" sagte sie – "Die Gelehrten sind auf diese Voraussetzung so wenig gerüstet! Für das Natürlichste, für den Gebrauch eines Nasentuches in der Hand Cicero's, muss ihnen erst ein Citat aus einem alten Schriftsteller die beruhigende Anlehnung geben!" ...
Von Klingsohr, dem es gegangen, wie den deutschen Lanzknechten im Mittelalter, wenn sie bis zu dem altgefährlichen Capua kamen, schrieb ihr Abdallah Muschir Bei: "Ist er nun zu seinem Vater und zum Kronsyndikus! O, dieses eitlen Prahlers! Er erstrebte eine Bedeutung, zu welcher ihm weniger Fleiss und Beharrlichkeit, wie er vorgab, als schöpferisch geistige Kraft fehlte! Statt letzteres offen einzugestehen, schmähte er die Trauben, die ihm zu hoch hingen! Das ganze deutsche Volk ist wie Klingsohr und gewiss fressen es auch noch einmal die Kalmücken und Tartaren!" ... Lucinde teilte diese Ansichten ... Als sie die ihr von Klingsohr hinterlassene Habe desselben musterte, Brauchbares verkaufte, seine Papiere, seine angefangenen philosophischen Werke unbarmherzig ins Feuer warf, sogar seine Gedichte, in denen doch nur sie besungen war, liess sie sich selbst von jener Brieftasche nicht rühren, die einst in Klingsohr's und ihrem eigenen Jugendleben eine so grosse Rolle gespielt hatte ... Nachdem sie einen Augenblick zweifelhaft gewesen, ob sie dies Angedenken an die düsteren Verwickelungen im haus der Asselyns und Wittekinds nicht gleichfalls mit in jenes Kästchen von Ebenholz legen sollte, das ihren ganzen Lebensschatz entielt – mit zu den noch unverkauften Gold- und Silbergeschenken Nück's – zu all den Briefen und Blättchen, die sie von Bonaventura's Hand besass – zu Serlo's Denkwürdigkeiten und zur Urkunde Leo_Perl's – verbrannte sie es – gerade an einem Tage, wo drei deutsche Pilger bei ihr vorgesprochen hatten, die zu Fuss nach Rom gewallfahrtet kamen, Stephan Lengenich, Jean Baptiste Maria Schnuphase und der Paramentensticker Calasantius Pelikan aus Wien ... – Alle drei erhielten zeitig den gesandtschaftlichen Rat abzureisen – sie betranken sich täglich ...
So gab es der Abwechselungen genug, zu denen sich dann die Reisen, der Aufentalt in Genua, in Coni gesellte, bis die Revolutionen ausbrachen, wo sich Lucinde in Venedig und glücklicherweise durch die hülfe hielt, die ihr aus dem Orient kam ...
Jetzt war ein halbes Jahr seit "Wiederherstellung der göttlichen Ordnung" verflossen ... Wieder war die römische Saison, kurz vor dem Carneval, in aufsteigender Höhe ... Wieder war ein "Donnerstag" gewesen ...
Lucinde sass, zufrieden mit der Zahl ihrer heutigen Gäste, mit der Erinnerung an ihre eigenen Einfälle und Repliken, die sie zum Besten gegeben (was mustert man nicht alles nach einem Gesellschaftsabend am Effect, den man im Leben machen soll oder will!) ... Die Herzogin von Amarillas war zugegen gewesen, noch immer tief in Trauer gehüllt – im übrigen starr, versteinert, bis zum Peinlichen unbeweglich geworden ... Olympia Rucca, die zur Besserung ihrer Finanzen mit ihren Schwiegerältern Frieden geschlossen hatte und sich gleichfalls noch derselben Trauer widmete, die auch nicht Ercolano, ihr Gatte, um Cäsar Montalto abgelegt hatte – Ercolano sah in Benno's verhältnis zu Olympien nur eine persönliche Aufopferung der Freundschaft zu Gunsten seines Friedens, zur Vereinfachung seiner Sorgen um eine "nun einmal schwer zu behandelnde" Frau – "Es gibt solche Ehemänner –!" sagte Lucinde ... Auch Fefelotti, der wiederum allmächtige Cardinal, war dagewesen und hatte Lucinden durch eine heimlich zugeflüsterte Mitteilung erfreut ... Sie hatte den Atem des Mannes zwar nicht gern in ihrer Nähe, aber sie hörte doch mit Vergnügen, was er ihr heute zugezischelt ... Es erfüllte sich also, dass (irgendwo in Europa) mit einem hochbetagten luterischen Landesvater, bei dessen Hofteater die beiden fräulein Serlo als Tänzerinnen engagirt, dann im geheimen zu Freiinnen von *** erhoben waren, durch Vermittelung dieser Favoritinnen ein für Rom günstiges Concordat abgeschlossen werden sollte ... Hatte auch Lucinde, die dies Arrangement zu stand gebracht, gerade kein besonderes Interesse an der Summe, die man ihr zahlen wollte, wenn die Freiinnen von *** nebst ihrer alten Mutter so lange weinten und sich kasteiten und sich abhärmten und den alten Landesvater selbst beim Champagner und nachts zwölf Uhr, wenn er im Mantel verhüllt nach haus schlich, durch ihre Gewissensbisse peinigten, bis dieser nachgab und den für ein protestantisches Land schmählichen Vertrag mit Rom abschloss1 – ihr genügte schon, sich die Curie gründlich verpflichtet zu haben und bitterlächelnd – an Serlo's Phantasieen über die Zukunft seiner Töchter denken zu können – ...
Heute war ein neuer Gast zum dritten mal dagewesen – Pater Stanislaus aus dem Al Gesù, Wenzel von Terschka ... sechs Monate hatte dieser Verlorene in Rom verweilt, ohne dass ihn jemand erblickte ... Man sagte allgemein, er hätte eine qualvolle Gefangenschaft, dann eine glorreiche Umänderung seines Sinnes zu bestehen gehabt und nun wäre er nahezu ein Heiliger geworden ... Jedem, der etwa erstaunte, wie hier möglich gewesen, dass ein Mann erst Priester, dann als solcher weltlich beurlaubt, beauftragt, in kurzer