bot ihr, die in so viele Geheimnisse seines Daseins eingeweiht war, die ihn vor den schrecklichen Folgen der Rache Hammaker's vom Hochgericht hernieder bewahrt hatte, den Mitgebrauch seines Vermögens, das er, nach einer Trennung von seiner Frau, so weit an sich gebracht hatte, als ihm sein eigen Erworbenes nicht entzogen werden konnte ... Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann, wenn beide die Religion wechselten ... Auch das schlug Nück vor ... Er schilderte den "schwarzen Falken", einen Indianerhäuptling voll Tapferkeit, Grossmut, Gerechtigkeitliebe, der an nichts geglaubt hätte, als an den "grossen Geist" – ... Er erläuterte die Philosophie Buddha's mit wenig Federstrichen – ... Jedenfalls schlug er nicht den verhassten "Rückschritt" des Protestantismus, sondern, wenn sie wolle, Islam oder Judentum vor ... Lucinde war damals so unglücklich, dass sie diese Zeilen lange mit Aufmerksamkeit betrachtete. Es war ein Brief in den Wendungen, wie sie Nück liebte – Cynismus abwechselnd mit Melancholie ... Offen gestand er, dass er sich daheim nicht mehr hätte halten können; zu schlimme Gerüchte hätten ihn verfolgt; ein ruheloser, unstäter Geist irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus, der sich, weil er wisse, dass er einen Kopf, zwei arme und zwei Beine hätte, ein vernünftiges Wesen dünke ... Rom, für dessen Macht und Herrlichkeit er sonst seine eigene Vernunft eingesetzt, erschiene ihm eine wüste Einöde ... Er müsse sein altes von haus mitgebrachtes Rom nehmen und über die langweilige Stadt, die er hier anträfe, "überstülpen", um hier nur auszuhalten ... Nur den ihm geistesverwandten Klingsohr hätte er besucht und von diesem die Empfehlung eines ehemaligen türkischen Priesters, der Christ geworden, erhalten ... Um seinerseits umgekehrt vielleicht ein Türke zu werden, lerne er von diesem die türkische Sprache ... Er bot Lucinden an, sein Weib zu werden und mit ihm nach Kairo zu gehen ...
Sie antwortete ihm nicht und Nück verschwand dann aus Rom ... In Neapel vervollkommnete er seine Kenntnisse im Türkischen, ging nach Stambul, von da nach Brussa ... Ohne ihr die ihm bewiesene Kälte nachzutragen, schrieb er Lucinden als Abdallah Muschir Bei ... Die beredtesten Schilderungen zeigten ihn als leidlich glücklich; er beschrieb seine Einrichtung, den Harem seiner Frauen; – nur bedauerte er, dass er krank und alt wäre ... Gerade dies von Erdbeben heimgesuchte, jedoch über alle Beschreibung schöne Brussa hätte er gewählt, weil die berühmten Schwefelquellen der Stadt "direct aus der Hölle flössen" ... Seinen Justinian könne er nun nicht mehr verwerten und hätte auch nach so langer Advocatenpraxis ein unwiderstehliches Bedürfniss nach Ehrlichkeit ... Deshalb wolle er – Kaufmann werden, wie sein Schwager Guido Goldfinger – im Orient befleissigte der Kaufmannsstand sich wirklich der Ehrlichkeit ... An den berühmten Seidenwebereien Brussas beteiligte sich Abdallah Muschir Bei mit Kapitalien ...
Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen seitdem nie sechs Monate, wo nicht über Stambul und Venedig her ein Geschenk an kostbaren Stoffen, seidenen oder wollenen, an Teppichen und Shwals, auch an kostbaren Geschmeiden für sie ankam ... Da in diesen Briefen jeder seinen Standpunkt beibehielt, so konnten sie nicht ohne Reiz zur Fortsetzung bleiben ... Abdallah verharrte dabei, dass er Lucinden geliebt hätte, liebe und lieben würde in Ewigkeit ... Auch noch jetzt könnte er seinen Sklavinnen nur Geschmack abgewinnen, wenn seine Phantasie sie in Lucinden verwandelte ... Die Geschenke Abdallah's zurückzuschicken oder abzulehnen war zu umständlich – Lucinde behielt sie und verkaufte sie gelegentlich, wenn sie in Not war ... Ein einziger Shwal half ihr dann auf Monate ...
Ihre demnach mit türkischem Geld unterhaltenen "ultramontanen Donnerstage" wurden von allen jenen Menschen besucht, die nach Rom ziehen, wie die Weisen des Morgenlands nach Betlehem ... Alle Nationen waren hier vertreten ... Die süsslächelnden jesuitischen Abbés der Franzosen; die englischen Katakombenwallerinnen, die im feuchtmodernden Tuffgestein die andertalbjahrtausendalten Fusstapfen der Wiseman'schen "Fabiola" suchten; deutsche Künstler, die den Untergang des Geschmacks von den zu weltlichen Madonnen Raphael's herleiteten und an Giotto anknüpften; Gelehrte, die alle gangbaren Geschichtsbücher umschrieben, so, dass sie immer das Gegenteil dessen, was die deutschen Kaiser erstrebten, als das Richtigere darstellten, die Päpste zu allen zeiten Recht behalten liessen – meist fanatische, geistvolle Menschen – und Gräfin Sarzana wusste selbst Die unter ihnen zu fesseln, die nicht die Intrigue liebten ... Das Deutsche, mit dem sie oft begrüsst wurde, behauptete sie vergessen zu haben; schon lange sprach sie ihr Italienisch mit Feinheit und jedenfalls in jenem rauhen, tiefliegenden Ton, der am gewöhnlichen Organ der Italienerinnen den bekannten Wohllaut ihres Gesangs bezweifeln lassen könnte ... Ihre Kunst, einen Abend belebt zu machen, Niemanden zu lange im Schatten stehen zu lassen, galt für musterhaft ... Gelehrte Streitigkeiten duldete sie bis zu einem gewissen Grade, der jedoch bei weitem über den der Oberflächlichkeit hinausging – ... Viel hockte sie unter Büchern, die ihr Klingsohr bis an seinen vor einigen Jahren erfolgten Tod zutrug – die Hektik, die Cigarre und der Orvieto untergruben ihn –; sie lernte unaufhörlich und konnte aus Bibel und Kirchenvätern eine Menge Beispiele für Behauptungen anführen, die den grössten Lichtern