musste und die Treppen mit Wollsäcken verengt fand, die innenwärts auf die oberen Böden gewunden wurden ... Darum hatten die inneren Gemächer, zumal wenn sie erleuchtet waren, doch durch Bauart und architektonische Ausschmückung ein beinahe fürstliches Aussehen ... An ihren "Donnerstagen" bedienten mehre Diener in Livree ... Für gewöhnlich hatte die Gräfin nur ihrer zwei ... Auch eine Equipage, eine gemietete freilich, durfte nicht fehlen ...
Es war ein geheimnis, woher die Einnahmen dieser deutschen Dame flossen ... Oft hatten ihr Bonaventura, Paula, Graf Hugo vergeblich Pensionen angeboten ... Ceccone's letzter Wille verlangte, dass sie zeitlebens das kleine Palais bewohnte, in welchem ihm Graf Sarzana den Tod gegeben ... Sie bezog es nicht; verwertete aber die Vergünstigung durch Vermietung ... Als Olympia in London selbst nicht mehr mit ihren Einnahmen auskommen konnte, stellte sie die Bedingung, dass Gräfin Sarzana das Palais ihres Onkels entweder bezog oder die Nutzniessung an sie, seine Erbin, abtrat ... Lucinde zog letzteres vor ... Nun, wo ihr jährlich tausend Scudi fehlten, traten die harten zeiten ein ... Ihre "Missionsreisen" wurden ihr zwar bezahlt, sie wohnte in Ordenshäusern, auch hatte sie eine hülfe, die ihr manchmal in äussersten Fällen beistand – die alte Fürstin Rucca ... Nur wurde auch diese vom Herzog Pumpeo so in Anspruch genommen, dass sie Schulden hatte und dann im Gegenteil von Lucinden zu borgen kam ... Lucinde nahm in solchen Fällen keinen Anstand, über die Börsen derer zu gebieten, die unter ihren Bekanntschaften reich waren ... So bei Frau von Sicking, die auf ihren geistlichen Tendenzreisen oft nach Rom kam und Lucindens Protection begehrte ... Treudchen Lei, deren Gatte, Piter Kattendyk, sich nicht nur in die ernste Lebensaufgabe geworfen hatte, Stadt- und Commerzienrat zu werden, sondern sich auch mit der so schmählich von ihm beleidigten Kirche und Religion auszusöhnen (Professor Guido Goldfinger hatte das Geschäft gerettet und schwang sein Scepter über die Hauptbücher mit tyrannischer Gewalt), auch Treudchen Piter Kattendyk liess ihrer Freundin Gräfin Lucinde Sarzana eine regelmässige, wenn auch nur kleine Pension auszahlen ... Goldfinger hatte diese als Tribut der Familie, desgleichen infolge letzten Willens der selig verblichenen Schwiegermutter Wally Kattendyk, anerkannt und sogar etwas vergrössert unter ausdrücklicher Nebenbedingung, dass Lucinde in der Peterskirche an einem gewissen Altar für das Haus Kattendyk und die Angehörigen desselben jährlich eine Messe lesen lassen sollte – sie erstand sie wohlfeiler, als von Deutschland aus möglich war ...
Alle diese Hülfsmittel würden nicht ausgereicht haben, z.B. dem Andenken des Grafen Sarzana, trotzdem, dass er für die Sache des "Ateismus" gefallen war, auf dem Kirchhof an Porta Pancrazio ein glänzendes Denkmal zu setzen, im eigenen Wagen zu reisen, einen alten Palazzo in der Strada dei Mercanti zu bewohnen, einen Jour fixe, regelmässig zwei Bediente und eine Equipage zu halten – wenn nicht Lucinde noch einen Beistand gefunden hätte, welcher der frommen Convertitin seltsamerweise – aus der Türkei kam ...
Gräfin Sarzana kannte Italien und wusste, dass dort Speculation nicht schändet ... Sollte es allmählich herauskommen, dass sie einen Handel mit allerlei kostbaren türkischen Waaren, Shwals, Seidenstoffen, Kleinodien trieb – was tat ihr das –! ... Diese Dinge kamen ihr aus Kleinasien zu, wo in Brussa, an den Abhängen des Olympos, da wo einst im ambrosischen Licht die Götter Homer's getront, Abdallah Muschir Bei wohnte, ein vornehmer reicher Mann, Renegat, niemand anders, als der ehemalige päpstliche Sporenritter und Oberprocurator Dominicus Rück ...
Wir kennen die Schreckensscene, als Ceccone, der ohne Lucindens Plaudereien nicht leben konnte, in einem Cabinet, dessen Tür durch Zufallen von innen sich von selbst verschloss, bei ihr verweilte, Sarzana mit blanker Klinge die Tür sprengte und nach dem Cardinal stach ... Als damals Lucinde zu den "Lebendigbegrabenen" geflohen war, liess sich eines Tages am Sprachgitter ein Fremder melden, welcher seinen Namen nicht nennen mochte ... Ueberall Mord und Verrat fürchtend, wagte sich Lucinde nicht ans Gitter, sondern liess sich verleugnen ... Dieselbe Meldung kam acht Tage später wieder ... Als sie nun tiefverschleiert und wie eine Nonne am Gitter erschien und den Mann erkannte, welcher sie zu sprechen wünschte und den sie zum letzten mal gesehen als einen fast von ihrer eigenen Hand Erhängten, erbebte sie, überflog in schneller Fassung die gegenwärtige Stellung, in der sie sich befand, ihre Rücksichten, die Gesinnung, die sie zur Schau tragen sollte, wechselte nur wenige kalte Worte mit ihm und gab sich ganz den Nimbus, der ihr als Gräfin und Fromme gebührte ... Bei einer dritten Meldung nahm sie den unheimlichen Besucher gar nicht an ... Inzwischen blieb sie bei den alten Parzen des Klosters wohnen und sah die wahnsinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen sterben ... Jetzt schrieb ihr Rück ... Ob sie denn ganz die deutsche Heimat vergessen hätte, ob sie ihn für unwürdig hielte, dem Puppenspieler Weltgeist hinter die Coulissen zu sehen, mit einzublicken in die Gedankenmaschinerie einer grossen, stolzen und die Welt verachtenden Seele, wie die ihrige – oder ob sie Furcht haben könnte – vor wem? – vor was? – Vor sich selbst – doch gewiss am wenigsten! – Wohl gar vor ihm –! ... Er