Armen, so bitte' ich nur noch dies ... Es kommt ein Augenblick, wo ich oder irgendwer euch mitteilt, welche Anwendung ihr von diesen Stäben machen sollt ...
Die Hütte brannte nieder ... Eine Viertelstunde darauf waren auf einer rauchenden Trümmerstätte alle vier die Gefangenen der Inquisition ...
Fünfzehn auf der Flucht noch aufgegriffene Männer, an ihrer Spitze auf einem und demselben Karren Federigo, Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, kamen am Abend desselben Tages zu Spezzano nicht nur von Reitern und Fussvolk geleitet an, sondern vom Schwarm der Bewohner des halben Gebirgs ...
Das Kirchenfest von Spezzano mit all den Spässen, die mit tausend Lichtern und Lampen die Gotteit, wie die Chinesen den Neumond feiern, war im vollen Gange ...
Die Ketzer von den Bluteichen! hiess es – ... Und mancher staunte, darunter einem alten Bekannten zu begegnen ... An der Spitze des Zugs befand sich der "Hexenmeister, der von den Fanatikern verspottet, von den meisten mit unheimlichem Grauen betrachtet wurde ... Die Mehrzahl wurde nach Cosenza abgeführt ... Die vier verbundenen Freunde kamen nach Neapel ...
Der Abschied, den sie alle von einander und von den Ihrigen nahmen, liess selbst die von ihrem Pfarrer fanatisirten Bewohner von Spezzano glauben, dass die Ketzer Menschen bleiben wie andere ... Das Weinen der Frauen steckte an ... Die Volkshaufen konnten zuletzt von den Mönchen und Priestern, die anhetzen wollten, nicht mehr recht zu Beschimpfungen entflammt werden ...
Am meisten rührte der Abschied, den Rosalia Mateucci von ihrem in San-Giovanni in solcher Lage begrüssten Bruder, dem Pfarrer Paolo Vigo, nahm ... In Spezzano entriss ihm zwar eine Frau das Kind, das er segnen wollte, aber das halbe San-Giovanni, das bis Spezzano mitgezogen war, trat dazwischen und Scagnarello erbot sich sogar, die weinende Rosalia nach Cosenza umsonst zu fahren ... Was sie an Geld bei sich trug, hatte sie dem heissgeliebten, unglücklichen Bruder aufgezwungen, den in so unwürdiger, diesseits und jenseits verlorner Erniedrigung wiederzusehen ihr das Herz brach ... Paolo Vigo sprach laut über die Freude, leiden zu dürfen um des Heilands willen ... Als er laut betete, senkten sich die Häupter ... Niemand unterbrach seine feierlich erhobene Rede ...
Paolo Vigo zog allem, was ihn treffen konnte, das Glück vor, bei Federigo zu sein ... Alles hatte man ihm genommen, nur den Stab nicht, den auch die beiden andern Gefangenen trugen ... Der Pfarrer von Spezzano zeigte dem Guardian von San-Firmiano, der seinen beiden Klosterangehörigen bis Spezzano gefolgt war, eine Vollmacht des Erzbischofs von Cosenza, der zufolge das Kloster die beiden Leviten nicht reclamiren durfte ...
Rosalia Mateucci schwur dem hochheiligsten Erzbischof von Cosenza eine Rache – wie sie nur vom blick einer Neapolitanerin begleitet sein konnte ...
Transporte von Gefangenen waren und sind in diesem land an sich etwas Gewöhnliches ...
Der Wagen, begleitet von sechs Schweizer-Dragonern, glitt niederwärts – der kreidigen, staubbedeckten Landstrasse und – den blauen Wogen des Meeres zu – hin nach Neapel, wo Hubertus, mit Verzweiflung sich allein als den Urheber aller dieser Schrecken anklagend, nur einen einzigen Gegenstand suchte – die Rauchsäule des Vesuv" ...
Fussnoten
1 R e h f u e s ' "Neue Medea".
12.
Was Lucinde vor Jahren geahnt hatte, dass sie nach einer kurzen glänzenden Periode des Glücks nur zu bald wieder in Elend versinken würde, war allerdings nach dem tod Ceccone's für einige Zeit eingetroffen ...
Aber wie sie am Tage nach dem Hochzeitsfest Olympiens berechnet hatte, sie war wenigstens die rechtmässige Gräfin Sarzana geblieben ... In ihrer Teilnahme an den Demonstrationen modischer Kirchlichkeit lag eine Versöhnung für alles, was in zweideutiger Weise ihren Ruf treffen konnte ... Sie war eine Büsserin, trug nur dunkle Farben, senkte ihr ohnehin schon zur Erde sich neigendes Haupt in dem Grad, dass die jetzt fast Sechsunddreissigjährige einen gekrümmten rücken bekommen zu haben schien und mit ihren noch immer blitzenden Feueraugen die Menschen, das Leben und die Welt von unten her um so unheimlicher betrachtete ...
Jetzt, wo Friede und Ruhe wieder in Rom eingezogen war, hatte sie sogar die Mittel gefunden, eine Art "Kreis" um sich zu ziehen ... Die sorge um einen solchen "Kreis" ist nicht gering; sie ist mit steter Aufregung und mancherlei Aerger verbunden ... Sie hatte einen Donnerstag proclamirt, an dem ihr Haus allgemein und massenhaft zugänglich war, während sonst zu ihrem engern Kreise nur wenige "Intimitäten" gehörten ...
Diese Wiederherstellung war ihr in diesem Herbst und Winter nach vielen Mühen gelungen ... Die "Donnerstage" der Gräfin Sarzana waren besucht ...
Die wohnung, die sie innehatte, gehörte dem ältesten Rom des Mittelalters an und lag in der "Strasse der Kaufleute" ... Hier standen alte Paläste, die den herabgekommenen Geschlechtern alter Tage gehörten; dunkle, verwitterte Steinmassen, im Erdgeschoss und Bodengelass oft zu Waarenmagazinen benutzt, umgeben von baufälligen Nachbarhäusern ... Es lag ein gewisser Nimbus um diese altertümlichen Wohnungen und selbst im dritten Stock, den die Gräfin Sarzana bewohnte, war einer dieser Paläste leidlich "anständig", auch wenn man im Eingang an den Fässern eines grossen Kaufmannsgeschäftes vorüber