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! ... Wir wissen, dass diese Krieger das Gebirge durchstreifen seit den blutigen Aufständen an den Meeresküsten ... Wer weiss, ob sie nur uns suchen ... Wo Weiber und Kinder zugegen sind, konnte nichts Uebles geschehen ...

Ambrogio Negrino musste ihm diese Voraussetzung nehmen ... Er erzählte, was von ihm in San-Giovanni gehört worden ... Paolo Vigo und Hubertus rieten, lieber sofort das Aeusserste anzunehmen und die Sicherheit zu suchen ... Seit dem Aufstand der Bandiera war nicht vorgekommen, dass sich zu gleicher Zeit eine so grosse Anzahl von Soldaten in diesen Gegenden hatte erblicken lassen ... Viele der Frauen hatten Soldaten im Leben nicht gesehen ... Sie standen starr vor Entsetzen und mehrten die Ratlosigkeit der Männer, von denen die Mehrzahl sich verteidigen wollte ...

Federigo bat alle, sich der sorge um ihn selbst zu entschlagen und nur auf die eigene Rettung bedacht zu sein ... Den Zumutungen zur Flucht widerstand er entschieden, ordnete die Leute so, dass sie in zerstreuten Haufen sich auf die Heimkehr über solche Wege begaben, die nur ihm bekannt waren ... War auch das Tal so eng, dass ein auf dem Gebirgskamm plötzlich fallender, schon als Alarmzeichen dienender Schuss ringsum in siebenfachem Echo widerhallte, so fehlten Auswege nicht und nicht alle Gebirgsspalten konnten zu gleicher Zeit besetzt sein ...

Inzwischen mehrten sich die verdächtigen Zeichen und schon wurden die militärischen Commandos hörbar ...

An ein Entrinnen ist nicht zu denken! sagte zu aller Schrecken der jetzt für immer dem Verderben geweihte Pfarrer von San-Giovanni ... Ambrogio und Hubertus schilderten zu wiederholter Bestätigung, was sie in San-Giovanni und Spezzano gesehen hatten ...

Inzwischen war von den Entschlosseneren unter den Männern ein Rückzug angeordnet worden, der vielleicht über die Serra del Imperatore möglich war ... Eiligst warf man die Gerätschaften auf die Karren, gebot den Kindern Ruhe, brachte die Maultiere und Esel in Bewegung und in einer Viertelstunde war es um Federigo's Hütte still geworden ... Nur noch Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino blieben zurück ...

Inständigst bat sie der Greis, jenen Felsenspalt, den er kannte und für vollkommen sicher erklären musste, statt seiner aufzusuchen ... Eilt euch, meine Freunde! sprach er ... Kümmert euch nicht mehr um mich ... Meine Stunden sind gezählt und ich habe nicht einmal eine schlimme Hoffnung für michich habe sie nur für euch ...

Wir sind dort alle sicher ... entgegnete Ambrogio ...

Ich beschwöre euch, geht allein! wiederholte Federigo ... Ich suche mein Ende ... Lasst, lasst mir, was beschieden ist –! ... Ich versichere euch, es wacht nicht nur Gott über mich, sondern auch manche Freundesseele unter den Menschen ... Soll ich euch, meine geliebten, teuern Freunde, unglücklicher machen, als ihr jetzt schon mit euerm geteilten, zaghaften Herzen seid? ... Gott ist mein Zeuge, ich pflanzte nichts in euch, was nicht schon in euch war! ... Ich hielt euch zurück, euch den grössten Gefahren preiszugeben ... Wenn ich mich dem Drängen nach Entscheidung heute fügte, so ist es billig, dass mich die Folgen allein treffen ... Flieht, flieht –! ... Bewahrt euer geheimnis, lehrt diese Menschen das ihrige hütenbald brechen neue zeiten an! ... Vielleicht vernimmt noch Euer Ohr den Sieg des Evangeliums von Rom! ...

In diesem Wettstreitdie Verehrer des Greises wollten sein Schicksal teilenmehrte sich die Unruhe ringsum ... Das Tal wurde lebendiger ... Von Aexten getroffen brachen hie und da die Zweige zusammen ... Hier blitzten Flinten auf, dort entluden sich welche ... Federigo wehrte Hubertus, der ihn auf seinen Armen forttragen wollte ... Rettet nur euch! bat er wiederholt ... Für mich ist gesorgt ...

Alle starrten, als sie sahen, wie Federigo jetzt in seine Hütte trat, dort ein brennendes Licht ergriff, die Flamme an die Wände hielt, die von dürrem Moose gefugt waren, und seine Einsiedelei in Flammen steckte ...

Paolo Vigo suchte das verzehrende Feuer abzuhalten von den Gedankenschätzen, die hier in Büchern und Blättern aufgehäuft lagen und aus denen er jahrelang Trost und Erhebung geschöpft hatte ... Aber die Papiere und Bücher brannten schon und bald züngelte die Flamme um die ganze Hütte ...

Gedanken an Rettung und Flucht verliessen nun die drei Freunde gänzlich ... Willenlos liessen sie den Greis gewähren ... Sein Betragen war seltsam ... So fast, als käme ihm dieser Ueberfall erwünscht, ja als wäre er früher oder später auf einen solchen vorbereitet gewesen ...

Aus dem Brande ergriff er einige wenige Bücher, um sie zu retten und seltsamerweise noch drei Stäbe, von denen er jedem der Freunde einen einhändigte mit den Worten:

Schützt euer Leben und euere Freiheit – ... Bewahrt aber, jeder von euch, wie irgend möglich, diesen Stab, den ich euch auf die Seele binde –! ...

Nun vollends blieben sie wie angewurzelt stehen ...

Er wiederholte seine Worte und setzte hinzu:

Sucht mit äusserster Anstrengung euch diese Stäbe zu erhalten ... Wenn ihr nicht entweichen wollt, ihr