schien ganz zu fehlen ...
Das Vorspiel ging wohl ohne Störung vorüber, der Ton hinter der Scene wurde jedoch schon spöttisch. Um ihr gleichsam zu schmeicheln und sie für den ausgebliebenen Beifall zu trösten, sprach man luat von der Indolenz des Publikums. Hier und da hörte sie Worte aus der bekannten Parodie des Abschieds Johannens von ihrer Heerde. Auch die Schlussworte wiederholte jemand: "Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder!"
In Harnisch und Helm sah Lucinde imposant genug aus. Dies schöne natürliche Haar in schwarzen Lokken, diese dunkeln Augen, dieser schlanke, jetzt für die Kriegerin nicht mehr zu hohe Wuchs ... Sie hätte sich nur zu ermannen, die stimme zur Kraft und Entschiedenheit zu erheben brauchen und würde sich vor Demütigung gerettet haben. Aber sie blieb zerstreut, mutlos, ausserhalb der Situation, versäumte die Stichwörter, sah und hörte nur auf das, was sie umgab. Von allem, was Serlo ihr angeraten, tat sie das Gegenteil. Sie liebte auch die Menschheit nicht, sie hasste sie ja! So schleppte sie sich durch den ersten Act, schwunglos, und bei aller Schärfe ihres äussern Ausdrucks, ihres Verstandes, bei allem Reichtum ihrer Lebenserfahrung erschien sie ein grosses, unreifes Kind.
Der Schluss des Actes blieb ohne Beifall, ja er erweckte im ganzen Teater das laute Ausbrechen einer Verwunderung ...
Hatte sich ihre erste Jugendgeschichte verbreitet, ihr Ursprung von einem dorf der Nachbarschaft, ihr Dienstverhältniss im haus des frühern, exilirten Stadtamtmanns, oder war das Publikum durch eine Darstellerin der Isabeau zur Heiterkeit gestimmt ... im zweiten Acte wurde die Aufnahme bedenklich. Das Lager der Engländer wird vorgeführt, der Streit der Heerführer folgt, ihre Aussöhnung. Nun muss dem Darsteller des Lionel einfallen, zu betonen: "Glück zu dem Frieden, den d i e Furie stiftet!" Es war dies eine von den feinen Nuancen, die entstehen, wenn unsere "Künstler" zu "denken" anfangen. Alles lachte hellauf. Jeder sah die Erscheinung der corpulenten und so grimmigen Isabeau im geist als Furie vor sich. Nun kam die Verwandlung. Johanna sollte Burgund und Frankreich versöhnen. Kein Ton war jedoch Lucinden fremder als der, Streitende zu versöhnen. Bei den schwach gehauchten Worten: "Und einen Donnerkeil führ' ich im mund" klatschte jemand ironisch. Man lachte aufs neue, sie verliert die Besinnung und kann sich zu den letzten Worten nicht mehr sammeln. Der Vorhang fällt, ehe sie die Scene ganz beendet hatte. Sie taumelte in die Garderobe zurück ... Der Gaukeltraum ihres Lebens war zu Ende.
Als der Vorhang wieder aufgehen soll und alles um sie her grauenhaft still ist, kommt der Vorstand der Bühne, ein freundlicher, wohlwollender alter Herr, dem die jüngere Generation den Ruf verschaffen wollte, dass er "einen Misgriff nach dem andern" beging, und liess die Frauen aus der Garderobe treten. Er sagte Lucinden mit mildem, aber entschiedenem Tone:
liebes Kind! Sie werden nicht weiter spielen! Auf den Proben konnte' ich diese Unsicherheit nicht erwarten! Sie sind entweder nicht bei der Sache oder talentlos! Unsere gewöhnliche Darstellerin hat sich bereits angekleidet und wird die Rolle zu Ende führen!
In dem Augenblick hörte man auch schon den stürmischen Beifall, mit dem die "echte Johanna" empfangen wurde.
An Selbstbeherrschung fehlte es Lucinden nicht. Nun bekam sie Haltung! Doch wenn sie auch hätte in Vorwürfe oder Klagen ausbrechen wollen, der Director würde sie nicht angehört haben. Er wurde in die fürstliche Loge gerufen.
Hohn verfolgte die Unglückliche nicht, als sie sich umgekleidet hatte, ihrem Mädchen ihre Sachen gab und in Begleitung desselben nach haus ging. Sie musste die ganze Länge der hintern Bühnenwand passiren und vor allen denen, die zu dem kommenden Krönungszuge gehörten, vor mehr als hundert Menschen, vorübergehen. Der Spott schwieg: massenhaft verhöhnt der Mensch den Unglücklichen nicht. Einzelne lassen sich zwar den Hufschlag des Esels auch dann nicht nehmen, und so sagte einer: Gute Nacht! Da lachten denn freilich alle, aber nur über den Mut, jetzt einen solchen "Witz" zu machen ... man sah, als sie durch die Leute ging, auf den Sprecher, nicht auf sie.
Lucinde war auf der Strasse, in der Dunkelheit der Gassen. Die Menschen, die ihr begegneten, wussten nichts von ihrem Geschick und darin fand ihre starke natur schon wieder Kraft, schon wieder Anhalt. Nur Serlo wiederzusehen, zu dem so zurückkommen zu müssen ... das benahm ihr den Atem. Sie fühlte, dass sie, die sich der Zeit nicht mehr entsinnen konnte, seitdem sie geweint, jetzt in Tränenströmen sich baden müsste, wenn sie in sein Zimmer träte, der Schein der kleinen Lampe, bei dem er zu schlafen pflegte, auf sein Antlitz fallen würde und sie ihm berichten müsste, wie es ihr ergangen!
Mühsam stieg sie, keuchend, an der Lehne der Treppe sich haltend und die erstaunten fragen der Dienerin, die aufrichtig gemeinten Trostgründe derselben, die von einer angelegten Kabale sprach, nur mit Stillschweigen aufnehmend, in ihre wohnung hinauf. Je näher sie dem dritten Stocke kam, desto schneller ging sie. So hatte sie noch nie das Bedürfniss nach einer Stelle, um niederzusinken, so noch nie nach einem Menschen, dem sich auszuweinen, so noch nie die Wonnen des Trostes geahnt, der in einer einzigen rein, aber auch ganz rein und selbstlos mitfühlenden