1858_Gutzkow_031_918.txt

.. Oft hatte Federigo's rührende stimme geklagt, dass besonders solche Torheiten verderblich wären, die selbst in den Gemütern der Edeldenkenden Raum gewinnen könnten ... Bernhard von Clairvaux, Abt eines Klosters in Frankreich, Lehrer seines Jahrhunderts, ein Orakel der Fürsten, ein Rat ihrer Ratgeber, ein Straf- und Bussprediger der Geistlichkeit, sogar den Päpsten ein: Bis hierher und nicht weiter! gebietend; – ach! auch der, wie die heilige und so edle Hildegard, sah in den Taten und Lehren der Waldenser nur die Eingebungen des Teufels –! ... Ambrogio Negrino und Hubertus waren nicht befähigt, sich zu all den Bildern und Erinnerungen aufzuschwingen, die von Paolo Vigo's fiebernderregten Lippen kamen ...

Herr, erleuchte die Weisen! verstanden jetzt auch die Ankömmlinge aus Federigo's Rede ... Mildere ihr Vertrauen auf die eigene Kraft! Wecke dem Guten und Gerechten Deine Fürsprecher im Rat der Grossen! Ersticke den Durst nach Rache im Gemüt beleidigter Machtaber! ...

Es schien in der Tat, als wollte Federigo von seinen Freunden Abschied nehmen ... Mehr als sonst riss ihn heute seine Rede hin ... Er berührte katolische Punkte, die er sonst vermieden hatteer wollte Niemanden die Möglichkeit nehmen, mit seinem Pfarrer in leidlicher Verbindung zu leben ...

Mit grosser Wehmut sprach er:

Der heilige Bernhard kann uns in vielem ein Vorbild seinhochragend wie jener Berg im Norden, der mit ewigem Schnee bedeckt, seinen Namen trägt ... Wisset, dass Bernhard jene Lehre, nach welcher auch die Mutter Jesu ohne Sünde empfangen sein soll, für Sünde hielt –! ... Ihr fragtet mich darum, weil der Heilige Vater diese neue Lehre zu verehren befohlen hat –! Nun wohl! Eines Weibes Name ist heilig, wohl trägt Maria die Erdkugel in Händen, wenn Maria die Kraft bedeuten soll, deren ein schwaches Weib in seinem Aufschwung fähig ist ... Wohl ist zu fassen möglich, wie die alte wilde grausame Zeit, die heidnische, die selbst des Heilands spottete, der am Kreuze sich selbst nicht hätte helfen können, doch vor einer Mutter erschrak, vor einer Mutter sich beugte – o noch den Mörder befällt vor seiner Hinrichtung die Trauer um den Kummer, den er seiner Mutter bereitete ...

Hier stockte der Redner und wollte abbrechen ... Aber einige Stimmen unterbrachen ihn und deutlich vernahm man aus einem schlichten Hirtenmunde, der dazwischen sprach, die Worte:

Wo Maria dann auch ganz die Königin des himmels werden soll, wo bleibt ihr Sohn? Wo kommt der wahre Mittler zu seiner ihm allein gebührenden Ehre? ...

Im höchsten Grade gespannt horchten die Ankömmlinge und sogen die Worte ein, welche Federigo erwiderte:

Lasset das gehen –! ... Seht, es war ja sogar ein anderer HeiligerBonaventura sein Nameein Heiliger, der zur Zeit jenes Bernhard lebteauch der hat den Psalm David's genommen: "Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zu Schanden werden!" – und hat in jedem Seufzer des Vertrauens und der Liebe zu Gott an die Stelle Gottesruchlos, um es nur auszusprechenein Weib mit seinen menschlichen Fehlen und menschlichem Elend gesetzt: "Maria, auf dich traue ich –! Mutter Gottes, du hast mich erlöset!" So den ganzen Psalm –! ... Und dennoch danken wir auch dem heiligen Bonaventura so viel Entsiegelungen der frischesten Lebensbrunnen des christlichen Geistes – ...

Nein, unterbrachen die Stimmen der Aufgeregten, er lästerte –! ...

Ich beschwöre euch, rief Federigo, habt Mitleid mit jenen armen Verblendeten, in deren Schoose ihr, kummervoll genug ihre Bräuche teilend, voll Bangen und voll Zagen lebt ... Lasst sie die Altäre einer Frau zu Ehren mit Zierrat und mit Bändern schmücken –! Lasst sie ihr Gebet des Morgens, des Mittags und des Abends wenigstens an Etwas richten, was dem Heiland verwandt ist –! ... Aber das ist wahr (nun erhob sich des Sprechers stimme, von dem man sah, dass ihn die Gesinnungen seiner Umgebungen fortrissen), wenn Maria es ist, die uns erlöst und vor Gott vertreten soll, so konnten jene Räuber, die mit dem Giosafat eure Hütten verbrannten, eure Heerden raubten, getrost auf ihrer fühllosen Brust ihr Bildniss tragen –! ...

Eine freudige Zustimmung ging mit Zornesruf durch die Reihen – ...

Wehe einem Kind, fuhr Federigo, aufgeregt und ganz sich vergessend fort, das für seine Bewährung im Leben nur die Nachsicht einer Mutter hat! ... Nie, nie, wenn auch heute in Spezzano die Lampen brennen werden, nie sollt ihr auf Fürsprache nur der Mutterschwäche hoffen! Denkt an die klugen Jungfrauen, die im Dunkeln ihr Oel hüteten und die Lampen nur anzündeten, wenn ihr rechter Bräutigam, der Heiland, kam! ... Nein, ich sehe es, ihr glaubt nicht an die Wahrheit eines gotteslästerlichen Bildes, das sich in einer der grossen und herrlichen Kirchen Milanos befindet und das einen Traum unsres heutigen heiligen Bernhard darstellen soll –! ... Zwei Schiffe steuern dem Himmel zu; des einen Steuer führt der Herr; des andern Maria ... Jenes bricht zusammen und seine Mannschaft sinkt in den Abgrund; dieses gleitet sicher dem Hafen des himmels zuMaria streckt ihre hülfreiche Hand nach