Höhe des August die wichtigsten Ernten beendet waren, Frâ Federigo hatte ihm auch das Gedächtniss des Abtes Bernhard von Clairvaux als ein festzuhaltendes Spiegelbild frommerer zeiten dargestellt, wo einsichtsvolle freimütige Priester noch zu heilsamen Zwecken in den Rat der Grossen traten ... Siebenhundert Jahre war es her und in der Blütezeit des Mittelalters, als ein hoher Ernst die Völker ergriff und Männer erstehen liess, die in einer wilden, kriegerischen Epoche kaum von solcher Weihe und Tatkraft erwartet werden durften ... Damals, als die Philosophie in Frankreich, England und Italien erblühte, die Dichtkunst sogar über das rohere Deutschland hie und da einen milden Glanz der Sitten verbreitete, die Kreuzzüge einen seltenen Aufschwung des Gemüts und der Phantasie hervorriefen, zerstörte Rom und die herrschaft der Päpste noch nicht alle Hoffnungen der Völker und verdunkelte noch nicht alle Lichtschimmer einer besseren Aufklärung ... Ein einfacher Bürger in Lyon, Pierre Vaux (Peter Waldus), las damals die Bibel in einigen Abschnitten, welche in die gewandteste und poesiefähigste Sprache damaliger Zeit, die provençalische, übersetzt waren ... Ein wunderbarer Lichtglanz überfiel ihn beim Lesen des den Laien gänzlich unbekannten Buches – gerade wie die Jünger, die nach Christi Tod im Dunkeln wandelten, plötzlich an ihrer Seite einen Wanderer bemerkten, der so mächtig die Schrift auslegte ... Waldus las seine Entdeckungen Befreundeten vor, liess auf seine Kosten die Bibel noch vollständiger in die Sprache seiner Landsleute übersetzen und nahm die einfachen Formen des ersten apostolischen christentum an ... Sein Vermögen gab er seiner Gemeinde; ihre Priester, denen die Ehe unverboten blieb, wählte die Gemeinde selbst; von den Sacramenten behielt man nur Taufe und Abendmahl; letzteres hörte auf ein mystischer Act zu sein und blieb nur noch ein Opfer der Erinnerung; es war eine Reformation ohne Schulgezänk, ohne Disputation der Teologen, eine Läuterung der Lehre allein durch das Herz ... Mit reissender Schnelligkeit verbreitete sich das Wirken der Waldenser ... Ein ganzer Gürtel Europas von den französischen Abhängen der Pyrenäen an bis nach Süditalien fiel vom herrschenden Kirchengeiste, vom weltlichen Streit der Päpste mit dem Kaiser und von Geistlichen ab, die damals sogar die Waffen führten und oft im glänzenden Harnisch zu Ross sassen, im wildesten Kampfgewühl die zum Segnen bestimmte Hand mit Blut besudelnd ... Mit einem warmen, lebendigen Eifer für die apostolische Reinheit der Lehre und des kirchlichen Lebens ging Hand in Hand die Gesittung ... Gerade dieser Gürtel Europas wurde der blühendste an Gewerbfleiss, Erfindungen, in Künsten und Wissenschaften ... Immer weiter und weiter schwang sich ein lichteller Iris-Bogen über Europa ... Burgund, Deutschland, Böhmen erglänzten von seinem siebenfachen Strahl ... Wo der Webstuhl sauste, wo die Industrie der Städte mit dem Betrieb des Ackerbaues zu regem Austausch ihrer Erzeugnisse verkehrte, da erschollen auch bald die neugedichteten Lieder zum Lob des Höchsten ... Ganze Städte, ganze Länderstrecken hatten schon keinen andern Gottesdienst mehr, als den der Waldenser, der Humiliaten, Armen Brüder, der selbst die Kirchen und ihre Pracht für überflüssig erklärte und jeden grünen Rasenplatz, jedes Laubdach einer Eiche für eine Gott wohlgefällige Kapelle erklärte ...
Paolo Vigo schilderte die furchtbare Verfolgung, welche von Rom aus über diese Bekenner des reinen christentum anbrach ... Die Päpste nannte er, die zum Morden aufforderten ... Jene Schreckenstaten des Abtes von Citeaux und jenes Vorbildes eines Alba, des Grafen Simon von Montfort, schilderte er, wie sie mit Feuer und Schwert Männer, Weiber, Kinder vertilgten ... Damals kam der Satz der römischen Kirche auf: "Ketzern ist keine Treue zu halten"; päpstliche Legaten schwuren auf die Hostie, dass, wenn die Ketzer ihnen die Mauern öffneten, sie nur allein mit einigen Priestern einziehen würden, um die betörten Bewohner zu bekehren; geschah es aber, so warfen sie die Priesterkleider ab, zogen verborgene Schwerter, die Reisigen der fanatisirten Glaubensarmee brachen nach und kein Säugling auf dem Mutterarm entkam dem allgemeinen Blutbade ... Beutegier, Habsucht schürten die Verfolgung ... Simon von Montfort, Abt Arnold schlugen herrenlos gewordene Länderstrecken zu Fürstentümern zusammen ... Damals war Raimund, Graf von Toulouse, das unglückliche Oberhaupt der bedrängten evangelischen Bekenner, wie späterhin das Haupt der Hugenotten Coligny ... Endlich flüchteten sich die letzten Reste dieses unablässigen Mordens in die Berge, die Pyrenäen, die Alpen, die Apenninen ... Jahrhundertelang erhielten sie sich dort, trotz einer sie auch hier erreichenden zweiten blutigen Verfolgung, die dann das Werk der neuen Kreuzritter wurde, der Jesuiten ... Damals griffen sie in den Tälern Piemonts wieder zu den Waffen ... Zu den tapfern Namen, die in älteren Tagen mit Maccabäermut ihre heilige Sache, Haus, Herd, Weib und Kind verteidigten, gesellten sich neue, wie Heinrich Arnaud, der in offener Schlacht mit einer kleinen Schaar Tausende zurückgeschlagen hatte, sich über die steilsten Felsen Piemonts zurückzog, ein Lager in einer Schlucht wie eine Festung erbaute, acht Monate lang, nur von Kräutern lebend, mit seiner kleinen Schaar gegen die Kanonen kämpfte, die auf sein kleines Häuflein von den Felswänden aus ein mörderisches Feuer unterhielten, bis sich Arnaud endlich mit dem Rest seiner Schaar, 350 an der Zahl, einen ruhmvollen Abzug erkämpfte ... Wie dann auch in Calabrien die Waldenser hingesunken waren, hatte Federigo oft genug erzählt ... Damals starb Negrino in Cosenza den Hungertod, Pascal in Rom auf dem Scheiterhaufen .