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sangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen, die aus alten zeiten stammend das Lob des Höchsten priesen und die heilsame Veranstaltung der Erlösung und die Hoffnung aller Christen ... Dazwischen läutete ein Glöcklein, von welchem sie wussten, dass es denen, die vielleicht noch entfernt waren, den Weg zur Hütte andeuten sollte ... Alles das geschah wie im tiefsten Frieden ...

Wohl hätten die Wanderer sich sagen mögen: Wer wollte diese stille Andacht stören! Wer könnte hier etwas finden wollen, was vor Gott oder Menschen ein Verbrechen wäre! ... Dennoch mussten sie eilen, die gefahrvolle Feier zu unterbrechen ...

Nach einer kurzen Stille, welche die Wanderer durch einen die Betenden erschreckenden Zuruf aus der Ferne nicht unterbrechen mochten, begannen die Stimmen aufs neue und liessen nach einem vollen, mächtig an den Bergwänden widerhallenden Gesang jene Pausen eintreten, von denen die Wanderer wussten, dass sie die bis zu ihnen herauf nicht hörbare stimme Federigo's füllte ... Federigo sprach dann die Worte vor, die zu singen waren ... Alles das, erinnerungsfrisch vor ihre Seele tretend, bewegte sie um so mächtiger, als noch immer der Anblick der Hütte selbst verborgen blieb ...

Endlich aber zeigten sich die Windungen von Radgleisen, die im grünen, weichen, oft morastigen, dann von den herrlichsten Farrenkräutern überwucherten Boden von kleinen Karren zurückgeblieben waren ... Es mussten heute von weitweg, auch von Rossano und Conigliano die dem Ziegenhirten wohlbekannten Nachkommen der Waldenser erschienen sein ... Der helle Lichtstrahl des immer höher und höher über dem Meeresspiegel heraufgestiegenen Sonnengeschirrs fiel auf die obern Ränder des Tals ... Die Nebel zerteilten sich und nun hatte ihr besorgter und zugleich verklärter blick die volle Aussicht auf die Gruppe der Menschen, die da unten versammelt waren und die sie meist kannten ... Kinder lagen im Grase; andre hielten die Mütter auf ihren Armen; Männer in zottigen Schafspelzen, andere im kurzen Rock des Alpenjägers, Fischer, die vom Meer herübergekommen, in ihren roten Mützen und ihren braunen Mäntelnalle umstanden die Hütte ... Ein Haufe von nahezu achtzig Seelen, hochbetagte Greise darunter; aller Mienen mit jenem Ausdruck, den eine gutmütige Denkart geben ... Noch verdeckten sie das Bild des Mannes, der ihnen, auf die zufällige Veranlassung seiner Begegnung mit Ambrogio Negrino, zehn Jahre lang hier nichts, als nur die geschichte ihrer unglücklichen Vorfahren erzählte und nicht hindern konnte, dass sie von ihm Belehrung und Anleitung zu reinem Sinn, zur Beurteilung des Glaubens begehrten, in welchem sie leben mussten ... Federigo entielt sich jeder Aufwiegelung ihres an die Gebräuche der herrschenden Kirche gebundenen Gewissens ... Auch war die Höhe der Bildung, die im Waldensertal bei Castellungo geherrscht hatte, hier nicht anzutreffen ...

Schon wollte Negrino hinunterrufen, da hinderte ihn die jetzt hörbar werdende weiche, volle, innig zum Herzen dringende stimme des Sprechers ... Die dem Volk vollkommen verständliche, wenn auch fremdartige italienische Rede desselben fesselte sie ... Was bestimmte nur die Warner, diese Feier nicht zu unterbrechen! Was gab ihnen so urplötzlich ein felsenfestes Vertrauen auf den Gott, der sich in jedem Menschenherzen, auch in dem der Verfolger, offenbaren müsse –! ... Hubertus kündigte sich sonst durch scherzende Töne an, die ihn bei Jung und Alt im Gebirge bekannt machten; jetzt beschien der erste Sonnenstrahl, der sich durch den Imperatore und den Gigante stahl, die glänzende Stirn, die weissen Locken des Freundes und Lehrers, sein unter weissen Brauen aufgeschlagenes begeistertes Augejetzt stand er im Pilgerkleid von schwarzem rauhwollenem Tuch, mit entblösstem Halse, um den Leib einen schwarzen Seidengürtel, so hoheitsvoll und edel, dass alle drei aufhorchen und den Fuss hemmen mussten ... Die Farbe des Antlitzes, die hände, alles sah am Freunde blasser und krankhafter aus als sonst ... Das von ihren Augen wieder aufgenommene teure Bild eines Greises, den für seine letzten Lebenstage noch durch die Erregung seines Geistes ein jugendliches Feuer durchglühte, schloss doch in der Tat die Besorgniss nicht aus, dass diese Lebenstage kaum bis zum beginnenden Winter andauern konnten ...

Federigo sah die Dahereilenden nicht ... Sein blick war nach innen gewandt ... Schon sprach er Worte, welche die Kommenden allmählich im Zusammenhang verstehen konnten ... Zu den Erweckungen der Waldenser hatten im Piemont gewisse Formen einer öffentlichen beichte gehört ... Wie die ersten Christen sich ein Gemeindeleben aus ihren Privatbeziehungen bildeten und eine Oeffentlichkeit der letzteren einführten, bei welcher nicht fehlen konnte, dass die persönlichsten Leidenschaften zur Klage und Rüge kamen, so walteten die Diaconen und "Barben" auch bei den Waldensern des Amts der Gerechtigkeit und des Auflegens von Bussen und Strafen ... Ebenso trat auch hier bei diesen Versammlungen einer nach dem andern vor und wurde entweder aus eigenem Antriebe oder durch Mahnung veranlasst, sich zu verteidigen, sich zu erklären, Lehre oder Versöhnung anzunehmen ... Hubertus und Paolo Vigo kannten den Segen, welchen diese Verständigungen der kleinen Gemeinde unter ihren Gliedern schon seit lange hervorgebracht hatten1 – ...

Unterwegs hatte Paolo Vigo seinen Begleitern, so wenig sie auch durch Gespräch ihre Schritte hemmen mochten, doch gelegentlich wiedererzählt, warum Frâ Federigo, als die Genossen Negrino's ihn endlich zur Abhaltung mindestens Einer Versammlung im Jahre überredeten, gerade den Tag des heiligen Bernhard dazu wählte ... Nicht nur, dass in der