nun wieder alles nachtstill geworden war und jeder auf seiner Zelle wieder sein Lager erreicht hatte, erhob sich Hubertus von dem seinigen ... Hatte Paolo Vigo Urlaub erhalten, so musste ein andrer Pförtner für ihn eingetreten sein und jedenfalls erwartete ihn dann der Beurlaubte nirgend anderswo, als in seiner eignen Zelle ...
Letztere erreichte Hubertus ungesehen, trat bei Paolo ein und fand ihn in der Tat bereit, das Kloster zu verlassen ... Auf die freudige Botschaft, seine teure Schwester wäre in San-Giovanni, war ihm die erlaubnis erteilt worden, ihrem Besuch zuvorzukommen und sie, wenn ihn sein Herz dazu triebe, überraschen zu dürfen ... Bleibt aber Ihr zurück! setzte Paolo Vigo bittend hinzu ... Alter, Ihr seid zu erschöpft ... Und nur darin steht mir bei; geht morgen früh meiner Schwester entgegen und haltet sie vom Kloster eine Weile entfernt, bis ich um die achte Stunde von den Bluteichen in San-Gio wieder zurück sein und Euch Alle bei meinem alten Messner Pallantio begrüssen kann – ...
Wie zwei Jünger, die für ihren Meister ihr Leben zu lassen bereit sind und um den Vorzug in den Beweisen ihrer Liebe streiten, so standen sie am offenen Fenster und stritten, ob es nicht geratener wäre, Paolo Vigo überliesse den gang nach den Bluteichen, um die am Morgen dort Versammelten zu warnen, an Hubertus und ginge lieber selbst nach San-Gio zur Ueberraschung für seine Schwester ...
Mein Sohn! bat Hubertus ... An mir ist wenig gelegen ... Wenn aber Euch zum zweiten Mal eine Strafe träfe, wie sie Euch schon einmal so lange Eure Freiheit gekostet hat! ... Jetzt brächet ihr ja geradezu auch das Herz Eurer Schwester! ... Sie versprach, am Morgen zum Kloster zu kommen ... Ihr liebliches Kind wird Euch die Wange küssen ... Wagt nichts Neues wieder, nachdem Ihr schon so lange gebüsst habt ...
Paolo Vigo hatte jedoch den Geist empfangen, der in edlen Dingen den Menschen unwiderstehlich zum Selbstopfer treibt ... Eine heilige Glut durchloderte ihn, seine Augen funkelten, wie die Sterne über den leise Flüsternden ... Er ergriff die Hand des Greises und sprach:
Weiss ich doch nicht – ich ahne die letzte Stunde unseres Freundes ... Krank ist er zum Tod schon seit lange und es geht das Gerücht, dass sein stilles Wirken entdeckt ist ... Seit jenem letzten Brief, den Ihr aus Rom brachtet, muss eine grosse Veränderung mit ihm vorgegangen sein ... Ich sah ihn seitdem nur einmal – und da schon wollte er Abschied nehmen für immer, wogegen meine Worte kaum aufkommen konnten ... Es schien, als wenn er eine wichtige Kunde aus der Welt empfangen hatte, die ihn zur Auferstehung, zur Beendigung seiner Einsiedlerschaft und zur Rückkehr ins Leben rief ... Schon aus freien Stükken schien er gehen zu wollen und nun ahn' ich, er hätte besser getan, dieser Regung zu folgen – ... Wenn man ihn heute holte, am Tage der Versammlung, ihn in die Kerker der Inquisition würfe –! Lebt wohl, Alter –! ...
Nicht ohne mich –! ... sprach Hubertus und blieb dem Unheilverkündenden unabweislich zur Seite ...
Mein Fuss ist jünger, als der Euere! bat Paolo und wollte nicht dulden, dass Hubertus weiter, als bis an die Zelle des Pförtners folgte ...
Während noch beide, und mehr mit Geberden als mit Reden, die ohnehin geflüstert werden mussten, stritten, erscholl in einiger Entfernung ausserhalb des Klosters ein klagender musikalischer Ton ... Er kam von einer Pansflöte, wie sie hier die Hirten blasen ... Aus kleinen Rohrstäben ist eine einfache Scala zusammengesetzt, die unter geübten Lippen eine in nächtlicher Einsamkeit wohllautende wirkung hervorbringt ...
Horch! rief Paolo Vigo und bedeutete Hubertus, Acht zu haben ...
Die Flöte blies eine Melodie ... Es waren die einfachen Töne eines Kirchenliedes ...
Tanto – Christo – amiamo! ... sprach Paolo Vigo mit Ueberraschung der Melodie nach ... Es ist die Erkennungslosung der Freunde ... Man ruft uns ... Seht ihr, eine Gefahr ist da ... O – mein Gott –! ...
Auch Hubertus lauschte voll höchster Betroffenheit und räumte ein, so könnte sich nur ein Verbündeter zu erkennen geben ...
Herüber von der Mauer des Klostergartens tönte die sanfte Flöte fort und fort ... Sie blies das alte Waldenserlied "Tanto Christo amiamo –" zu Ende ...
Pater Cölestino! rief nun schon Paolo Vigo mit starker stimme in eine Oeffnung, die aus dem Corridor in die Zelle des Pförtners führte ... Ich gehe ... Bemüht Euch aber nicht ... Ich öffne schon ... Gelobt sei Jesu Christ! ...
Amen! rief Pater Cölestino von drinnen her und liess getrost den Beurlaubten den Riegel selbst zurückschieben ... Nur langsam erhob er sich, um ihn wieder anzuziehen ...
Doch auch Hubertus war inzwischen schon ungesehen entschlüpft und kaum konnte Paolo Vigo ihm folgen ...
Mit raschen Schritten gingen beide dem Orte zu, wo aufs Neue unausgesetzt die Melodie der Hirtenflöte ertönte ...
Endlich, an einem breitastigen, der Klostermauer sich anschmiegenden türkischen Haselnussstrauch entdeckten sie einen alten Hirten und