.i. die elfte Stunde schlagen und machte sich, von Unruhe getrieben, noch früher auf den Weg, als er anfangs beabsichtigt hatte ... über die Höhen wehte ein frischer Nachtwind ... Noch eine halbe Stunde brauchte er, bis er am Klostertor die Glocke zog ...
Hier sollte ihn aber dann sogleich ein glücklicher Zufall begrüssen ... Es war Paolo Vigo selbst, der heute den Pförtnerdienst verrichtete ... Eine edle Gestalt voll ernster Würde, mager, abgezehrt, begrüsste ihn ... Der Pförtner trat Hubertus mit dem frohesten Willkommen entgegen ...
Hubertus sah ihn voll Erstaunen, band sich seine beim Steigen losgegangene Kuttenschnur fester und sprach:
Das muss ja dem Guardian ein Traum eingegeben haben, Euch gerade heute an die Tür zu stellen! Ihr seid noch wach? Ich bitte Euch, bleibt es ja! ... Weckt unsere Schlafsäcke die Matutin, so lasst Euch nur vom Guardian auf der Stelle Urlaub geben – ...
Nicht wahr? Um unsern Vater aufzusuchen –? ... fiel Paolo Vigo mit lebhaftester Erregung ein ... Ich konnte mir doch denken, dass Ihr gerade zum zwanzigsten August wieder zurücksein würdet ...
Zum zwanzigsten August –? ... Verderbt mir den Willkomm nicht! entgegnete erschreckend Bruder Hubertus ... Bei sankt-Hubert! Wo hatte' ich meinen Kalender! ... Haben wir heute den heiligen Rupert und bei Witoborn die ersten Schnepfen – –! Und ich – ich – – Esel –! ...
Morgen ist doch sankt-Bernhard! bestätigte Paolo Vigo. Wisst ihr das nicht –? ... Ich stehe wie ein Soldat auf Schildwacht und bitte Gott, mir eine gute Ablösung zu geben ... Ihr seid voll guter Anschläge, Bruder; sagt, wie fang' ich es an, sofort zu den Bluteichen zu kommen! ... drei Nächte hatte' ich denselben Traum und keinen guten mein' ich ... Ich hörte an meiner Zelle kratzen, wie von einem Hunde, der herein wollte ... Ich sah im Geist den guten Sultan vor mir ... Oeffnete ich dann, so fand ich nichts – ... Dreimal das hintereinander! – Ich glaube an solche Dinge nicht – aber ich meine doch – Federigo ist krank oder es geschieht ihm sonst nichts Gutes – ...
Der heilige Bernhard ist morgen –! sprach Hubertus dumpf und vor sich hinsinnend, immer besorgter und im Ton des härtesten Vorwurfs gegen sich selbst ... lebe' ich so in den Tag hinein! ... Ihr träumtet vom Sultan? Und ich träume schon seit Neapel von nichts, als von Wölfen, die an den Bluteichen eine Lämmerheerde fressen ... Wisst Ihr hier denn auch nicht, warum unser San-Giovanni drüben so voll Soldaten steckt? ...
San-Giovanni? ... entgegnete Paolo Vigo bestürzt ...
Euer Pfarrhaus und alle Scheunen sind voll .... Auch in Spezzano siehts wie im Lager aus ... Ist morgen sankt-Bernhard –! ...
Glaubtet Ihr, dass ich um irgendetwas Anderes Urlaub wünschte, als um an diesem Tage – Nun Ihr wisst doch, dass ich jedesmal, wo ich an diesem Tage nicht bei den Bluteichen war, erklärte, ein Jahr aus meinem Leben verloren zu haben –! ...
Hubertus hatte sich inzwischen durch die niedrig und rundbogig gewölbten Gänge zum Refectorium begeben, wo noch auf dem Speisetische die Lampe brannte ... Paolo Vigo folgte ihm in den anmutig kühlen, von kleinen gewundenen Säulen arabischen Geschmacks getragenen Raum ... Ein Schrank entielt die Vorrichtung, sich zu einem hier immer bereitstehenden Kruge voll Wein durch Drehen eines Hahns frisches Quellwasser zur Mischung zu verschaffen ... Das wasser tröpfelte hörbar von den oberen Bergen zu ... Hubertus war erschöpft; Paolo füllte einen der im Schrank stehenden hölzernen Becher mit Wein und wasser und erwartete vom so schweigsam gewordenen Sendboten nähere Aufklärungen über Verhältnisse, die beiden gleich teuer und wert waren ...
Alles ringsum blieb still ... Nur die Wasserleitung tröpfelte geheimnissvoll und lauschig in dem wieder geschlossenen Schrank ... Düstere Schatten warf die matte Lampe durch die altertümliche Halle ...
Briefe sind ja von Cosenza gekommen? ... fragte Hubertus, der die Meldung der Ankunft Rosalia Mateucci's über die andern, ihm viel wichtigeren Dinge vergessen hatte ...
Briefe von Cosenza? Nein! Aber vom Sacro Officio aus Neapel! entgegnete Paolo Vigo und setzte hinzu: Leider! Sie geben dem Guardian keine Hoffnung ... Spracht Ihr denn nicht den Monsignore? ...
Die bange Vorstellung, die den Alten schon lange beschäftigte, es könnte einen Schlag auf Federigo und seine geheimverbundenen Anhänger gelten, trat mit quälender Gewissheit vor seine vom mühevollen Wandern ohnehin erhitzten Vorstellungen; aus fieberhaftem Blut steigen nach körperlichen Anstrengungen Wahnbilder und krankhafte Gedanken auf ... Der zwanzigste August war seit zehn Jahren in den fast unzugänglichen Schluchten des Silaswaldes ein Tag, wo anfangs nur drei oder vier Männer, jetzt schon oft zwanzig bis dreissig mit ihren Familien sich versammelten ... Hubertus äusserte seine entschiedensten Besorgnisse und Paolo Vigo redete sie ihm keinesweges aus ... Schon berechnete Paolo, ob nicht vielleicht die Einquartierung in seinem Pfarrhause Anlass geben könnte, den Guardian um Urlaub zu bitten – ... Sinnend