1858_Gutzkow_031_91.txt

als Ehrensold zu erwarten hatteSerlo bedurfte gerade jetzt wieder der sorgsamern ärztlichen Pflege und mancher bessern Auswahl in seiner Kost –, sie würde, wie sie sagte, diesen Kelch an sich haben vorübergehen lassen.

Wie sie um vier Uhr sich rüstete, ihre Wäsche durch ein gemietetes Mädchen ins Teater schickte und sich dann halb zögernd selbst auf den Weg machen wollte, war Serlo ein wenig eingeschlummert. Sie blickte aufs Sopha. Seine Augen waren geschlossen. Er atmete schwer. Der Husten, dem nachzugeben die Brust kaum noch Kraft hatte, machte sich nur in stossweisen Krämpfen bemerkbar, wie bei den intermittirenden Atemzügen eines Sterbenden. Dieser Zustand beunruhigte sie nicht ... Sie hatte ihn schon oft erlebt, schon oft hatte man das Erlöschen der Lebensflamme ganz nahe geglaubt. Sie legte dem Schlafenden ein Kissen unter den Kopf, rückte einige Stühle dem Sopha näher und wollte jetzt gehen, so sehr ihr auch fast die Sinne schwanden.

Da blickte der Kranke empor.

Ich habe Sie ganz wohl gehört, gute Freundin! hauchte er leise. Ich werde Sie doch so nicht gehen lassenohne meinen Segen?

Nun richtete er sich ein wenig auf und sprach mit erhöhter stimme:

Lucinde, wenn Sie spielen, denken Sie nur nicht an die paar Menschen, die Sie vor sich sehen, sondern allein an die Menschheit im grossen und ganzen! Verachten Sie die, die Sie sehen, und lieben Sie die, die Sie nicht sehen! Lassen Sie die Hörer fühlen, dass Sie eine Prophetin sind, die in diesem Augenblick jeden beschämen will, der im Gemeinen und Geringen lebt! Das Auge sieht den Himmel offenund hört keine Dissonanz dieses elenden Lebens mehr! Dort oben, so glauben Sie wenigstens, wird alles Harmonie werden! Dort werden wir erfahren, warum wir hienieden die volle schöne Ahnung des Glückes haben durften und doch so viel leiden mussten! So hab' ich als Kind immer den Märtyrern nachgefühlt, wenn die um ihren Glauben so Grauenvolles erfahren mussten. Knien musst' ich dann in der Einsamkeit und denken: Nun kommt nur heran, ihr römischen Landpfleger und Proconsuln alle! Gebt mir nur die tödtliche Wunde! Das wird mich gleich in die Freuden des Paradieses versetzen! Dieser Glaube ist hin ... aber wenn er uns irgend noch einmal aufleben kann, ist es in der Poesie. Blikken Sie nur immer empor und tun Sie sich nichts auf den schönen Harnisch zugute! "Mein ist der Helm und mir gehört er zu!" Wer da auf Bertrand zuspringt und sich wie eine Amazone geberdet, hat schon verloren! Für diese Seherin, die ihre Zukunft kennt, ist das Ueberbringen dieses alten kriegerischen Schmuckes eine ganz einfache, sich von selbst verstehende Bestätigung ihrer Vision der Gottesmutter. Von da an beginnt in ihr die festeste Zuversicht und eine einfache, demütige Unterordnung unter den Rat des Verhängnisses! Mit dem Himmel spricht sie, wie andere mit sich selbst. Vergleicht sie dann ihre schwache Menschenkraft mit der Grösse der ihr gestellten Aufgabe, dann darf sie einen elegischen Ton anschlagen, zu dem jedoch die Musik der Verse nicht zu viel verleiten darf. Mitleid mit sich selber fühlt sie, sie spricht es aus, wenn sie Lionel sieht. Warum sie gerade den liebt, nachdem sie Tausende von Männern gesehen, ... ich weiss es nicht, beste Freundin! Ist es, weil Lionel einmal vom ersten Helden und Liebhaber gespielt werden mussobgleich die Rolle undankbar istder Dichter wollt' es einmal so. Es ist kein Werk des Genius, dies Drama; es lag dem Schöpfer im Gemüt, nicht im verstand; es will einfache kindliche Hingebung bei allenbeim Publikum und beim Spieler. Aus diesem Geist heraus sprechen Sie! Dann: "Leichte Wolken heben mich!" und geben Sie Acht,

Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide!

Hinaufhinaufdie Erde flieht zurück

Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!

Jetzt küsste er ihr noch, da Lucinde sich zu ihm niederbeugte, die Stirn, lächelte, neckte sogar, sprach von der Art, wie sie beim Hervorruf sich zu verneigen hätte, riet ihr Vorsicht an im Gefecht mit Lionel ... dann winkte er mit stummer Handbewegung ... so ging sie.

In der Garderobe war man freundlich. Darsteller geringerer Rollen machten ihr Lobsprüche über ihr Aussehen als Hirtin; aber schon war es ihr bedenklich, dass sie irgendwo zwischen den Coulissen hörte, sie wusste nicht von wem: "Ganz das Hessenmädchen!"

Sie sass dann, ehe noch der Vorhang aufging, schon unterm Drudenbaume. Aus den Coulissen wurde sie lorgnettirt. Gestalt, Kopf, Auge, alles war bedeutungsvoll, wenn nicht zu scharf, zu stechend, auch zu

Der Director ermunterte sie.

Als der Vorhang aufgezogen und der Dialog im Beginn war, durfte sie schweigen. Sie konnte sich Mut fassen, die zahlreich versammelte Menge zu übersehen.

Statt jedoch jetzt nach Serlo's Anweisung mit aller Gewalt an die Abwesenden zu denken, in die Höhe und gegen Himmel zu blicken, unterschied sie gerade die Anwesenden. Ihr scharfes Auge zeigte ihr diese Persönlichkeit und jene, sie sah die Plätze, wo sie früher selbst gesessen. Ihr Sinn wurde zerstreut und der erste wohltuende Eindruck, den sie machte, hielt sich nicht. Man fand sie hager, eckig, unsicher, man sah Verstand, wo man Gefühl erwartete. Die begeisterte Kraft eines hohen Willens