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Auch Frâ Hubertus wurde später dortin abgeführt ... Der Erzbischof nahm sich des Klerikers an, berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und wieder kam die Weisung, den Worten des Bruders Hubertus vollen Glauben zu schenken und ihm jede Nachsicht zu gewähren ... Die Nachforschung nach dem verunglückten gefährten des mit Pension nach Stromboli geschickten Boccheciampo geriet ins Stocken ... Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera, kam Hubertus auf freien Fuss ...

Wie Hubertus erst heute wieder jene Stelle des Ringkampfs gesehen, wie er jetzt zu jenem Felsenpfade über sich emporblickte, der damals ein Todespfad für zwanzig Menschen geworden war, brachte ihm die bange Stimmung seines Gemüts in voller Gegenwärtigkeit auch den Augenblick zurück, wo er damals, nach Entlassung aus seiner Haft in Cosenza, von jenem Kreuze aus, das er am verhängnissvollen Orte vom Sindico zu San-Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand, ein Wagstück vollführte, welches allen, die davon erfuhren, unglaublich erschien ...

Mit Stricken, Hacke und Beil stieg der Tollkühne am schroffen Felsabhang nieder und suchte dem Opfer beizukommen, das dort unten noch im feuchten Schose des an jener Stelle von Menschenfuss noch nicht berührten Neto ruhte ...

Im Ringen hatte Hubertus bemerkt, dass Picard unter seinen zerlumpten Kleidern ein Portefeuille trug, auch Geld und Geldeswert bei sich hatte ... An letzterm lag ihm nichts; im erstern aber fand er vielleicht Aufklärungen über die ihn wahrhaft empörende und mit höchstem Zorn erfüllende Täuschung, der er sich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren, als er glaubte, Picard wäre nach Amerika gegangen ... Nur eine so von frühster Jugend gehärtete, an jede Lebensgefahr gewöhnte natur, wie die seinige, konnte die Schwierigkeit dieser Unternehmung überwinden ... Hundertmal glitt sein halbnackter Fuss am zuletzt völlig senkrechten, glücklicherweise strauchbewachsenen Abhang aus ... Nichts hielt dann die Wucht des Körpers, als ein Zweig, eine Wurzel, welche die schon blutig zerrissene Hand unterstützte ... Wo ein hervorragender Stein oder ein Ast kräftig genug schien, befestigte der Mutige mitgenommene Stricke, die den Rückweg erleichtern sollten, falls sich aus der Tiefe der Schlucht selbst kein anderer Ausweg bot ... Ganz allein, und ohne irgend einen Zeugen sich an diese mutige Unternehmung wagend, kam Hubertus, blutend an Armen und Füssen, endlich bei den an dieser Stelle gehemmten, in einem Kessel wildtobenden Fall des Neto an ...

Hoch spritzte der Schaum des von zerrissenen Felsblöcken zurückgeworfenen Gewässers aufweitab nur vom rand des Strombetts liess sich an den büsche mühsam weiterklettern ... Die Kohlenaugen des alten Jägers spähten rundum ... Hubertus fand, dass der Wildbach irgendwo ein Hemmniss hatte ... Von Weissdornbüschen wildüberwuchert zeigte sich ein Vorsprung, um den das schäumende Gewässer sich herumzwängen musste ...

Endlich fand sichunter den büsche das Schreckbild einer zerschmetterten und verwesten Leiche ... Der Kopf war schon unkenntlich, aber die andern Glieder hatten sich noch unzerstört erhaltendie kühle Wasserluft verzögerte die Auflösung ...

Eine Weile währte es, bis Hubertus es wagte näher zu treten und den vollen Anblick des Schreckens dauernd zu ertragen ... Ein Dolch, den er nach Landessitte in seiner Kutte trug, schnitt die Kleider der Leiche auseinander ... In den Taschen lag noch Geld, eine Uhr; die Brieftasche war nicht zu finden ... Hubertus durchsuchte den ganzen Körper ...

Das Portefeuille war verschwunden ... Ohne Zweifel war es beim Sturze aus der tasche geglitten ... Aber auf dem steinigen Grund der krystallenen Woge blinkte Gold auf ...

Hubertus blickte weiter um sich ... Da lagen auch Blätter Papier, eingeklemmt in die spitzen Steine ... Die nassen Blätter gingen beim Aufnehmen auseinander ... Hubertus sah, dass es Bruchstücke waren, die einem Pass oder einem ähnlichen Document angehörten ... Wieder suchte er mit spähendem Auge ... sie fanden sich, jetzt auch am Ufer, einzelne zerstreute Blätter ... Vom Regen und vom Schaum des Neto waren sie so aufgeweicht, dass sie schon beim Aufnehmen unter der Hand auseinandergingen ... Dennoch nahm er alles vorsichtig an sich und wickelte es zum Trocknen in sein Taschentuch ...

Nach langem Suchen dann nichts mehr findend, nahm er einige wild durcheinanderliegende Steine, bildete in Manneslänge in der Erde eine Höhlung, warf in sie die Reste des verwesten Körpers und bedeckte alles mit den Steinen und buschigen Weissdornzweigen, die er mit dem Dolch abschnitt ... Uhr und Geld nahm er in sein Bündel noch hinzu, sprach einen kurzen Segen und machte sich auf den Heimweg, dessen noch gesteigerte Schwierigkeiten die Gewandteit seines Körpers überwand ...

Von jener Brieftasche fand sich nichts mehrer durfte sich sagen, dass die Papierreste, die er gefunden, hinreichten, um einem so kleinen Behälter schon einen ansehnlichen Umfang zu geben ... Das Geld floss dem nächsten Opferstock an der Kirche von SanGiovanni zu; die Uhr und die Papiere wurden bei passender gelegenheit für einen Besuch bei Federigo aufgespart ... Sie zu lesen verhindertennatürliche Schwierigkeiten ...

Nicht zu oft durfte es Hubertus wagen, die Bluteichen zu besuchen ... Nur dann ging er, wenn ihn zu mächtig die sorge für den immer mehr verwitternden Greis ergriffnach einem stürmischen Wetter, nach einem Briefe, deren zuweilen welche für Federigodann waren sie eingelegt an Hubertusbeim Guardian