1858_Gutzkow_031_908.txt

bot, zur obersten Saumtierstrasse empor ... Hier erwartete sie jedoch schon der schreckhafte Mönch, ein Knochenskelett ... Hubertus trat ihnen mutig entgegen ... Picard! rief er, noch zweifelnd; aber Picard war es, er erkannte den Räuber ... Zurückbebend sagte dieser, und zum Tod erschrocken, in deutscher Sprache: Jesus Maria! Seid Ihr es, Bosbeck? Ich glaubte Euch in Rom! Dort wollt' ich Euch aufsuchen! Steht uns bei! Wir müssen nach Spezzano ... Sind Soldaten in Spezzano? unterbrach der andere auf italienisch ... Picard fuhr fort: Ist alles vorüber, Alter so erzähl' ich Euch, wie schlecht es mir am Ohio gegangen ... Und wieder rief mit wildem Ungestüm der andere: Sagt rasch, rasch, rasch; sind Soldaten in Spezzano? ...

Was wollt ihr mit Soldaten? antwortete Hubertus, der wohl begriff, dass des Italieners Worte nach Soldaten ein Verlangen nach ihnen und keine Besorgniss ausdrückte ... Sie werden euch fangen –! setzte er forschend hinzu. Gewiss seid ihr von der Bandiera-Bande aus Korfu ...

Das mag recht sein! erwiderte der anderees war Boccheciampo ... Aber nur schnell! Schnell! Führt uns auf dem kürzesten Wege nach Spezzano! ...

Aus Dem, was die atemlosen und erschöpften Männer sonst noch vorbrachten, ersah Hubertus, dass sich beide von den übrigen Flüchtlingen getrennt hatten, sich mit den ausgestellten Posten der bewaffneten Macht in Verbindung zu setzen hofften und ohne Zweifel einen Zug anzeigen wollten, welchen, wie er erfuhr, der Rest der Insurrection von den Bluteichen aus diese Nacht über den Kamm der Montagne delle Porcine hinweg unternehmen wollte, um den Meerbusen von Squillace und von dort die See zu gewinnen ... In San-Giovanni di Fiore, hörte er, würde dieser Zug um Mitternacht ankommen und leicht von den Truppen aufgehoben werden können, wenn diese ihm nicht sofort bis zu den Bluteichen entgegengehen wollten ... Hubertus sah die verräterische Absicht ...

Diesen Zug wollt ihr angeben? fragte er und hielt schon Picard's Arm fest ...

Picard kannte die Stärke des Mönchs und erblasste nicht wenig über die funkelnden Augen, deren unheimliche, einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht er aus seinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen sollte ...

Mit dem Narren in die Hölle! rief Boccheciampo, Hubertus' Gesinnung ahnend, zog ein Pistol und ergriff zu gleicher Zeit Picard's Arm, um seinen gefährten zu befreien und ihn sich nachzuziehen ...

Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Pistol zurück, sah auch, mit einem zuckenden Blitz des Auges, dass Picard mit der Linken ein blankes Messer aus seinen Lumpen zog ... Doch schon hatte den wilden Mönch der Anblick zweier Bösewichter, die, um den Preis ihrer eigenen Freiheit, andere ins sichere Verderben ziehen wollten, zur Wut entflammt ... Seine Hand drückte Picard's Arm so mächtig, dass dieser aufschrie und seinen Arm für gebrochen erklärte ...

Hubertus suchte am Felsen seinen rücken zu dekken, ohne dabei Picard's rechten Arm loszulassen ...

Lasst mich! schrie dieser, drängte vorwärts und drohte mit seinem blitzenden Messer in der Linken ... Wie ein dem Ertrinken Naher, mit der ganzen fieberhaften Kraft, deren selbst die Feigheit fähig ist, wenn sie sich vor äusserster Gefahr zu retten sucht, suchte sich Picard loszuwinden und dem Italiener zu folgen, dessen Pistol sich jetzt zur Mehrung seiner Wut als nicht geladen erwies ...

Nun musste Hubertus auch Boccheciampo abwehren ... Alle drei rangen ... Hubertus gegen zwei ... Immer näher kam der wilde Knäul dem jähen Abgrund des Felsenweges ... Mit verzweifelnder Anstrengung wollten sich die Ringenden der andern Seite zuwenden, wo die Felswand wieder höher emporstieg ... Da riss sich mit einer höhnischen Lache Boccheciampo plötzlich aus dem Knäul los, stürzte die andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh ...

Mit einem gellenden Schrei suchte Picard sich im Fall zu haltenVergebens; die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer ... Unten rauschte die wilde Flut des Neto ... Hubertus hielt sich an einer hervorragenden Strauchwurzelein Momentund er hörte, dass Picard, der die Besinnung verloren hatte, unaufhaltsam in die zuletzt nur noch schroff sich absenkende Tiefe stürzte ...

Eine Besinnung, eine Entschlussnahme war anfangs auch für Hubertus nicht möglich ... Eine Viertelstunde verging, bis er so viel Kraft gesammelt hatte, um sich wieder auf die Strasse hinaufzuarbeiten ... Da hörte er in der Ferne Schüsse ... Als er auf die Strasse kam, hatte sie ein Piket Soldaten besetzt und hielt Boccheciampo gefangen ... Auch den Mönch nahm man mit und liess ihn streng bewachen ...

In der Nacht krönte sich Boccheciampo's Verrat ... Aus dem Turm zu San-Giovanni, in welchen Hubertus, ohne die Flüchtlinge warnen zu können, gefangen gesetzt wurde, vernahm er, wie oberhalb Firmiano's, wo ein einsamer, unbekannter Waldweg über den höchsten Gebirgskamm führt, ein kurzer verzweifelter Kampf der kleinen Schaar stattfand, die auf ihrem Wege gekreuzt und zuletzt gefangen genommen wurde ... Boccheciampo hatte den Soldaten die richtige Anzeige ihres nächtlichen Zugs gemacht ... Man führte die Verlorenen nach Cosenza – ...