die Vorsicht, die hier zu üben war, begleitete sein Laufen und Wiederlaufen, sein Springen und Schmeicheln nur mit einem leisen freudigen Winseln ... Aber dennoch war es auf dem Eilande lebendig geworden ... Federigo hielt inne ... Lichter schwankten unterwärts am Gestade auf und nieder, fackeln leuchteten auf, Laternen ... Durch einen Spalt des immer noch schroffen Gesteins sah Hubertus, dass der Knabe den Nachen verlassen hatte und wahrscheinlich zum Lager der Räuber gegangen war und diese geweckt hatte ... Vorwärts! Vorwärts! trieb er den Befreiten an ... Dieser folgte, sprach aber besorgt den Namen Grizzifalcone's aus ...
Wisst Ihr denn nicht, dass Euer Peiniger tot ist? flüsterte Hubertus ...
Er ist tot – seit acht Tagen – wiederholte er dem Staunenden und setzte hinzu: Und ich bin es selbst, der ihn erlegte ...
Unglücklicher! rief Federigo voll Entsetzen über diese Tollkühnheit und die mögliche Rache seiner Genossen ... Er hielt aufs neue seine Schritte an ... Nun aber war schon der Weg zu schroff, als dass sein Fuss sich noch selbst regieren konnte; er musste vorwärts wider Willen ...
Indessen wuchs der Lärm an den Stellen, wo man Licht bemerkt hatte ... Nur noch hundert Schritte waren die Fliehenden entfernt vom Nachen; dennoch konnte der kurze Weg den Tod bringen ... Die Gefahr wuchs, als Sultan die Herbeieilenden bemerkte, wütend zu bellen anfing und sich zum Angriff rüstete ... Schon sprang er einigen Männern entgegen, die mit Pistolen und Flinten, halbnackt und schlaftrunken, von einem Felsenvorsprung her sich näherten ...
Indessen hatte Hubertus den Nachen gewonnen und den ermatteten Federigo mit Gewalt vom Ufer zu sich herübergezogen ...
Sultan! Sultan! riefen beide im schaukelnden Kahne, den Hubertus schon losband ...
Da blitzte Pulver auf den Feuerröhren der Ankommenden auf, Schüsse fielen, Kugeln sausten ... Darüber flog der Nachen vom Ufer ...
Sultan, der nachsprang und von Federigo's ausgestreckten beiden Armen nachgezogen werden sollte, sank unter, getroffen von einer Kugel, die seinem Herrn gegolten ... Von der unruhigen Brandung geschleudert flog der Nachen machtlos in die Weite ... Das treue Tier blieb auf dem Meeresgrund oder in der Gewalt der Verfolger zurück ...
Mit einem Schmerz, der sich in lauten Jammertönen kund gab, brach Federigo auf dem Boden des Fahrzeugs zusammen – ...
Ja – dieser wunderbaren Nacht mit ihrem Gefolge von Freude und herzzerreissendem Leid musste jetzt Hubertus gedenken auf dem stillsten Orte der Welt, in diesem einsamen Gebirgstal Calabriens, ruhend auf einem Stein, um den selbst die Eidechsen und Käfer jetzt schliefen ... Bilder des Kampfes, Bilder neuer Gefahren traten vor sein erregtes Gemüt ... Eine Ahnung, welche mit dem von Neapel hinweggenommenen Eindruck der Falschheit zusammenhing, sagte dem schlichten Mann, der alles, nur kein Menschenkenner war: Wenn sich Federigo's ruheloses Leben erneuerte! Wenn der hochbetagte Greis in seinem düstern Waldesdunkel nicht länger sicher bliebe! ...
Seit jener Flucht vom Felseneiland bei Ascoli waren fast zwölf Jahre vergangen ... Doch traten gerade heute alle Einzelheiten derselben vor die Seele des einsamen, hier wie am grab der natur wachenden Wanderers ... Er gedachte, wie damals der erste Schmerz um den Verlust des wie man glauben musste toten Tieres alles andere überwog – wie die Flüchtlinge damals sich vorstellen mussten, wie oft der brave Sultan gefangen gewesen sein musste, um ein Jahr zu brauchen, die Spur seines Herrn von Piemont bis zur Mark Ancona wiederzufinden –! ... Und am Ziel seines edlen Naturtriebes1 musste das treue Tier zusammenbrechen – ...
Aber Hubertus gedachte nun auch, wie damals mit dem anbrechenden Tage die sorge wuchs und ihre Kräfte nicht mehr ausreichten, den Nachen zu regieren – wie der Nachen ans Ufer getrieben wurde und die Landung neue Gefahren brachte, da Federigo dem Vorschlag, sich den Grenzbeamten zu überliefern und nach Rom zu fliehen, aufs allerentschiedenste widersprach, immer und immer als das Ziel seiner vor dreiviertel Jahren unterbrochenen Pilgerschaft nach Loretto, das er sich nur der Merkwürdigkeit und des allgemeinen Pilgerstromes wegen hatte ansehen wollen, nur den Silaswald in Calabrien bezeichnete ... Wie erbebte noch jetzt des guten Bruders Teilnahme unter der Erinnerung an die seltsamen Gründe, welche für diese Reise damals Federigo angab und Hubertus wohl schwerlich sämmtlich erfahren hatte – ...
Die von Ceccone geleiteten Fäden der Verlockung der Bandiera in einen Aufstand der Räuber hatten ebenso in Federigo's Händen gelegen, wie die jener Mittel, durch welche sich Grizzifalcone die Erkenntlichkeit des Fürsten Rucca erwerben wollte ... Jene Listen, welche er dem Räuber hatte schreiben müssen, besass er – er warf sie zu Hubertus' Erstaunen zerrissen ins Meer ... Lebhafter war Federigo's Drang, die Insurgenten in Korfu zu warnen ... Federigo hoffte irgendwo eine Post anzutreffen, um einen Brief nach Korfu an die ihm wohlbekannten Adressen der Emigration zu schicken ... Dies tat er dann auch ... Um die Landung in Porto d'Ascoli zu hintertreiben, um vor den Namen zu warnen, die bisher nach Korfu gleichsam als Einverstandene und zur Invasion Ermunternde geschrieben hatten, ergriff er die erste gelegenheit, um einige Zeilen aufzusetzen ... Hubertus erfuhr, dass der Gefangene in jener Höhle Briefe, deren Zusammenhang und Bestimmung