1858_Gutzkow_031_904.txt

und unterm Fuss zerbröckelnde Felsenpfad hinauf, bis endlich ein lautes Bellen des Tieres anzeigte, dass seine Anstrengungen belohnt waren ... Hubertus folgte und sah, wie der Hund an einem Holzgatter kratzte, das einen mannshohen Felsenspalt verschloss ... Offenbar war dieser hinterwärts sich erweiternde Raum eine menschliche wohnung ... Hell schien an einer andern Seite, der See zu, durch einen kleinern Spalt das Licht des Mondes ...

Kaum hatte Hubertus, den Hund beschwichtigend, die Pforte des Gitters ergriffen und sie geschlossen gefunden, kaum einige Gerätschaften wie Tische, Sessel unterschieden, so beschien auch vom jenseitigen, zum Meer gehenden Spalt aus der Mond eine auf einem Lager am Boden ausgestreckte menschliche Gestalt ...

Die Freude, die Aufregung des Hundes war nicht mehr zu stillen ... Hubertus schwebte zwischen Leben und Tod – ... Gleichviel ob dort der Pilger, der Gefangene Pasqualetto's, lag oder ein Angehöriger der Räuber, sein Leben hing an einem Haar ... Er packte den Hund und erstickte ihn fast durch Zusammenwürgen der Kehle ...

Der Schläfer auf dem Lager erhob sich indessen ... Hubertus sah einen Kopf, den ein langer weisser Bart umflutete ... Es war nicht möglich, die Gesichtszüge zu erkennen ... Die Gestalt erhob sich allmählich ... Der Mondstrahl der jenseitigen Felsöffnung beleuchtete sie ... Der Mann kam langsam näher und mit einer Hubertus nun bekannten stimme hörte er auf italienisch: Was ist dein Begehr? – Weisst du nicht, dass der Eingang am andern Gitter ist –? ...

Jetzt unterbrach der Gefangene sich schon selbst ... Er erkannte den Hund und sank zu diesem nieder ... Machtlos streckte er durch das Gitter die hände nach ihm aus ...

Hubertus liess die Kehle des Tieres jetzt frei und sagte in deutscher Sprache: Mann! Mann! Du bist es! Gott gelobt! Ich komme, dich zu befreien! Erhebe dich! Auf! Auf! Verweilen bringt Gefahr – ...

Noch hatte Frâ Federigo, der es war, nicht die Sprache gewonnen; er sah nur auf seinen Hund ... Aus Piemont bis hieher war ihm das treue Tier gefolgt ... Hubertus konnte nun dem Tier nicht mehr wehren; durch lautes Bellen gab es seine Freude kund ... Aber ohne Zweifel gab es auf dem einsamen Felsen Schläfer, die geweckt werden konnten ... Auch Federigo erhob sich jetzt von seinem Niederknieen, hielt seine hände durchs Gitter, zog den sich aufbäumenden Sultan zärtlich an sich und suchte ihn zu beruhigen ...

Inzwischen entdeckte Hubertus die Stelle, wo ein Eingang hinter dem Felsen an der Meeresseite lag und wie dieser zu erreichen war ... Er entdeckte ein Bret das von den Räubern aufgelegt und wieder weggenommen werden konnte und das den Zugang zur Höhle bildete ... Das Bret stand an die Felsenwand gelehnt und musste über eine Spalte gelegt werden, unter welcher ein tiefer Abgrund gähnte ... Hubertus hatte Mühe, den Hund zurückzuhalten, der schon Miene machte, hinüberzuspringen ...

Glücklicherweise schwieg jetzt Sultan und winselte nur vor Begier, über die furchtbare Lücke zu kommen! ... Hubertus legte das Bret sorgfältig auf und konnte auf eine andere Kante des Felsens gelangen, auf welcher sich bequem bis zu jener dem Meere zu gelegenen Oeffnung gehen liess, die in halber Manneshöhe den Eingang bildete ...

Da fand denn Hubertus seinen Reisegefährten, den Pilger von Loretto ... Er fand den greisen, einem Schatten ähnlichen Bewohner dieses grausamen Behälters, eines Nestes für Raubvögelfand ihn in den Umarmungen seines Tieres, die Augen voll Tränen und sprachlos vor Bewunderung und Freude ...

Zu Verständigungen war keine Zeit gegeben ... Hubertus, gleichfalls vom Pilger sofort als der Gefährte jenes deutschen Mönches Klingsohr erkannt, drängte zu sofortiger Flucht ... Lasst mich hier sterben! sprach Federigo ... Doch Hubertus zog ihn an die Oeffnung und deutete auf Stimmen, die am Fuss des Felsens ihm vernehmbar schienen ... Es ist die Welle, die brandet! sagte Federigo und tastete schon unwillkürlich nach seinem Pilgerkleide, raffte einige Wäsche zusammen und suchte seinen Stab ...

Ich bringe Euch nach Rom! sprach Hubertus. Mich schicken Eure Befreier! Wer weiss, ob diese Bösewichter, wenn ich auch den Kahn gewinne und allein entfliehen wollte, Euch nicht inzwischen an einen andern Ort führen, falls ich auch morgen mit der Küstenwache hier einträfe und Euch abholen wollte ... kommt lieber sogleich! ... Ihr habt Recht, nur die Brandung ist's! ... – WohlanGut Heil –! ...

Hubertus half dem Greise zusammenraffen, was um ihn her ausgebreitet lag und nur irgend rasch zu erfassen war ... Selbst die Decken, auf denen er schlief, bürdete er sich auf; die Papiere, auf die ihn Rucca so ausdrücklich verwiesen hatte, ballte er zusammen ... Der Hund hüpfte und tänzelte nur um beide her und schon waren sie zur Oeffnung hinaus, schon schwankte Federigo auf dem schmalen Stege über die grausige Tiefeschon rafften sie die andern Sachen zusammen, die sie ans Gitter der grösseren Oeffnung geworfen hatten, schon schickten sie sich an, in eilendem Schritt den Felsenpfad hinunter zu entfliehen und das Ufer und den Nachen zu gewinnen ...

Das kluge Tier, gleichsam als merkte es