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kurzem sein Regiment angetreten hatte und für sein Land eine neue Aera beginnen wollte durch Verbesserung des Ballets seines Hofteaters. Schon war diese unglückliche Familie so weit gekommen, dass sie auf den Erwerb durch ihre Kinder sehen musste. Diese entschloss sich die Mutter jenem jungen Fürsten für sein Ballet anzubieten. Lucinde verstand genug von der Welt, um den Seufzer und das bittere Lächeln sich deuten zu können, als Serlo dies hinter seinem rücken gemachte Arrangement erfuhr. Zu krank, um die Reise schon jetzt weiter fortzusetzen, nahm er Abschied von den Seinigen. Als er die Kinder küsste, standen ihm Tränen in den Augen. Er schien die Ahnung zu haben, entweder dass er sie nicht mehr wiedersähe oder welcher Zukunft sie entgegengingen.

In dieser Stadt nun musste über Lucinden alles, was an ihrem Lebenshimmel sich düster und unheildrohend zusammengezogen hatte, zu gleicher Zeit ausbrechen.

Sie suchte erst niemand auf, verbarg sich auf ihrem Zimmer, studirte mit ängstlicher Spannung ihre Rolle. Ob sie nach der alten Magd sich erkundigen sollte, die ihr zur Einsegnung einst das Gesangbuch geliehen? Ob sie suchen sollte von ihr manches in Erfahrung zu bringen, was sie und die Ihrigen betraf? Es war gefahrvoll für die Stellung, die sie jetzt in der Gesellschaft einnehmen musste, und doch hätte sie gern von diesem gehört und von jenem, vom Stadtamtmann, von Herrn Gutmann, von der bewussten Dame aus der Gesellschaft, von der bösen Buschbeck, von Oskar Binder, von der Heimat, vor allem von ihren beiden Brüdern. Sie wurde letzteres endlich Serlo schuldig, der ihr die Pflicht, sich um diese erst jetzt von ihm in Erfahrung gebrachten Geschwister zu bekümmern, als unerlässlich vorschrieb. Sie erwiderte: Warum gerade diesen Kelch, Serlo? Wir sind ein Nest wilder Wasservögel gewesen! Wir flogen aus und hatten keinen Trieb, zusammenzugehören! An unserer Mutter lag's! Wir liebten den Vater, hassten die Mutter, aber unserer aller Art war und ist dennoch nach ihr! ... Wenigstens zu jener Frau versprach sie zu gehen, bei welcher ihre Schwester gestorben war.

Hier erfuhr sie vielerlei. Der Stadtamtmann war aus politischen Gründen in den zeiten einer ewigen Gährung beungnadet und versetzt worden; die Frau Hauptmännin war aus der Stadt verschwunden und vielleicht an den Rhein gezogen, wo sie eine Schwester gehabt haben sollte. Der junge Commis, mit dem sie vor fünf Jahren in die Welt gegangen, verbüsste noch sein Verbrechen des Kassendiebstahls und der Wechselfälschung im Zuchtause; der Kaufmann Gutmann hatte fallirt und war mit der bewussten vornehmen Dame, da er sich von seiner Frau, sie aber von ihrem Gatten hatten scheiden lassen, in die weite Welt gezogen ... Ihre eigenen Geschwister? Die hatten nicht gutgetan. Von ihren Meistern kamen sie in eine neu errichtete Besserungsanstalt im inneren des Landes ... Bei allen diesen herzzerreissenden Mitteilungen trommelte es in den Strassen wie sonst und die Querpfeife schrillte und die Commandos der Wachparade hallten wider und die Brunnen gingen wie sonst und auf dem grössten platz der Stadt riefen die Kinder wie sonst ein berühmtes Echo wach und glänzende Carrossen rasselten aus den Gastöfen heraus, weil in dem Lustparke des Fürsten, dem Schauplatze der ersten Triumphe des "Hessenmädchens", heute, wie sonst, die berühmten wasser sprangen.

Lucinde kam zu Serlo und sagte:

Ich bringe trockenes Reisig zum Einheizen! Winterholz! Ganz wie die alte Lene, die im Langen-Nauenheimer Forst frei sammeln durfte!

Sie erzählte dann. Serlo erwiderte:

Das ist die Welt!

Der Tag kam heran, wo an den Strassenecken zu lesen war: "Die Jungfrau von Orleans. Romantische Tragödie von Schiller. Jeanne d'Arc: fräulein Konstanze Huber, als Gast." Sie hatte, sie wusste selbst nicht warum, den Namen des Pfarrers von Eibendorf angenommen.

Ihre Befangenheit steigerte sich am Morgen vor dem verhängnissvollen Tage bis zur zaghaftesten Furcht.

Man hatte sie im Bureau und auf der probe mit einer scheinbar zuvorkommenden, dem Erfolg aber jedenfalls mistrauenden Artigkeit behandelt.

Dass man den Versuch überhaupt wagte, war eine gefälligkeit gegen Serlo, der aus frühern bessern Verhältnissen unter dem Personal einige teilnehmende Freunde hatte.

Lucinde brachte von der probe keine erfreuliche Stimmung heim und erzählte, was sie aus dem Benehmen der Mitspielenden herausgefühlt.

Serlo lag auf dem Sopha ausgestreckt; gerade von Tag zu Tag wurde sein Befinden bedenklicher, – er sprach mit einer eigentümlich peinlichen Aufregung:

Nehmen Sie's doch, liebe Freundin, ganz so wie es ist! Gerade da, wo man aus der Verstellung eine Kunst gemacht hat, lässt man sich im gewöhnlichen Leben ganz so gehen, wie man ist! Es gönnt Ihnen eben niemand einen Erfolg, selbst die nicht, die Sie um meinetwillen protegiren! Höchstens eine alte gutmütige person, die Sie ankleidet und dabei an ihr Trinkgeld denkt! In dieser Laufbahn muss man sich eben alles selbst erobern!

Lucinde, sprach die Befürchtung aus, dass ihre frühern Verhältnisse hier bekannt geworden sein dürften und gegen sie sprechen würden ...

Sie werden selber für sich sprechen, erwiderte Serlo, wenn Sie nur in Ihrer ersten Scene gefallen haben! Man braucht ja in dieser Rolle nur laut und deutlich das zu sagen, was vorgeschrieben steht!

Lucinde war am Tage der Vorstellung in der Stimmung, die sie selbst mit der Erwartung verglich, hingerichtet zu werden. Hätte sie nicht den unabweislichen Zwang gehabt, schon auf die kleine Summe rechnen zu müssen, die sie für diesen Abend