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selbst gezogenen Schranken. Sie hat allmählich dabei die schöne Stadt sich "herausgeluchst", die herrlichen Gärten, die grossen denkmalgeschmückten Plätze, die Soldaten, die Offiziere, die schönen Umgebungen und die bezaubernden Fernblicke in sonnenbeschienene Ebenen und nach neuen blauen Hügelrändern hin; sie erwischt aus dem Bücherschranke des, wie sie gehört hatte, noch gar nicht verstorbenen niederländischen Hauptmanns Bücher; sie dringt darauf, dass sie, noch immer nicht eingesegnet, wenigstens in die Kirche gehen darf; sie schreibt seitenlange Briefe nach Langen-Nauenheim, worin sie freilich das Ausbleiben des Korbes entschuldigen und eine Menge Erfindungen mitteilen muss, weil die gnädige Frau die Briefe erst liest, ehe sie sie abgehen lässt. Und nun macht es ihr gerade Spass, die komischsten Erdichtungen zu schreiben, nur damit die "Alte" sich ärgert oder in jene Blindheit verfällt, die sie überkommt, wenn ihre unruhigen und gespenstischen Gedanken ganz nach innen gehen. Lucinde schreibt von Bällen und Gastereien, und die Alte liest es, als hörte sie die Geigen rauschen und die Schüsseln klappern. Sie lässt den Brief abgehen und ist sogar milder als sonst, weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen Zustande herauskommt.

Um so grässlicher ihr Erwachen! Dann war's doch, als beschuldigte sie Lucinden, der "schwarze Teufel", wie sie sie nannte, wolle sie erwürgen. Dann hatte die menschenfeindliche, geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre javanischen Pfeilspitzen. Wie der Taubenfalk schoss sie hinter Lucinden her, wenn diese nur einmal gelacht hatte; sie krallte mit ihren dürren Fingern in sie ein wie jener, wenn er aus Himmelshöhen niederschiesst. Die böse Frau hatte keinen Schlaf. Sie fürchtete entweder Gespenster oder sich selbst. Sie leuchtete um Mitternacht in die Winkel. Kam sie an die Bettlade Lucindens, so hielt sie das Licht über die Halbschlummernde und schrie sie an: Das kann schlafen! Das kann die Augen zutun! Oft musste Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens vorlesen, Reisebeschreibungen, Erzählungen von den Wilden, zuweilen auch Legenden. Frau von Buschbeck ging jährlich einmal zur Kirche; sie war katolisch. Wenn aber Lucinde um ihre Einsegnung drängte, nahm sie alle Bücher fort und sagte: Unser Herrgott ist der Satan! Sie war so geizig, dass sie sich eine alte Guitarre, auf der sie in den Abendstunden klimperte, nicht einmal neu mit saiten beziehen liess. Auf zwei saiten spielte sie alte sentimentale Lieder und pfiff dazu. Da sie dies ohne Lippen tun musste, so klang es wie leiser klagender Nebelwind auf der Heide. Der Anblick dieser grotesken Scene war Lucinden nicht vergönnt, denn Frau von Buschbeck schloss sich ein, wie sie fast immer tat, besonders nach jedem ersten im monat, wo der Postbote eine ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte. Da mochte sie zählen, was ihr Geiz aufhäufte. Oft lauschte Lucinde und hatte die listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubentür gedrückt. Sie unterliess aber auch das, als eines Tages auf der entgegengesetzten Fläche der Scheibe das volle Antlitz der plötzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmännin sie angrinste. Sie war von dem Anblick so entsetzt, als hätte ihr eine Fledermaus auf der Nase gesessen. Sie bebte so, dass sie nicht einmal entfliehen konnte, sondern ruhig geschehen liess, dass die Tür sich öffnete und sie zur Strafe ihre gewöhnliche körperliche Züchtigung erhielt.

Dabei liefen Tag und Nacht zusammen. Hatte Lucinde bis drei Uhr nach Mitternacht vorgelesen, so meinte die Hauptmännin, bis vier wäre nur noch eine Stunde und man könnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen, worunter sie Nähen und Stricken verstand. Die Hemden und Strümpfe, die Lucinde lieferte, gingen und kamen: sie behauptete, für eine Anstalt, die gut zahle; sie spare alles für Lucindens Zukunft. Oft wurde sie, wenn gar zu böse Stunden kamen, so tückisch, dass Lucinde manche Arbeit dreimal tun musste, nur damit ihre Peinigerin über dies und jenes ihren Willen hatte.

Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlass.

Er erklärte rundweg, Frau von Buschbeck sollte auf dem amt erscheinen und sich wiederum rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten, wie schon öfters.

Eine Menge Menschen aus dem haus und der Nachbarschaft drängte nach. Beinahe wäre ein Act der Volksjustiz ausgeführt worden, denn man fand wirklich Lucinden an Händen und Füssen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Küche, in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Gerät aufbewahrte. Dort lag sie schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur wasser und Brot, weil sie, wie sie beschuldigt wurde, aus "Bosheit" zwei chinesische Tassen zerschlagen hätte mit der Drohung, alles Zerbrechliche auf der Servante zu zertrümmern, wenn sie noch ferner jedes kleine Misgeschick, das sie beim Abstäuben oder Putzen beträfe, mit "künftigem Abzug von ihren Ersparnissen" büssen müsse ... Im haus hatte man das Jettchen der Frau Hauptmännin zwei Tage lang nicht bemerkt, Anzeige gemacht, und so kam es zum Durchbruch.

Lucinde machte auf dem amt dem Polizeirichter, Stadtamtmann genannt, einen wunderlichen Eindruck.

Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art fast vollkommen entwickelt. List und Verschlagenheit waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens, der ihr aber schön stand, wenn ihre dunkelbeschatteten Augen glühten, ihre Lippen trotzig sich aufwarfen und dabei ein ständiges scheues und ironisches Lächeln um den kleinen zierlichen Mund spielte. Das schwarze Haar war in Flechten geordnet, die voll und schwer um die Stirn gingen. Selbst die hände, die doch