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Auch nicht das ABC? ... "Nein!" ... Im Namen Maria kommt zweimal A vordas gab zweimal 1 ... "Da nahm der Pfarrer für das zweite 1 das Doppelte; manchmal das Dreifache; so hab' ich zehn Jahre auf 'Maria' und die Heiligen gesetzt, aber nicht mehr gewonnen, als ausreichte, um den Pfarrer zu bezahlen –" ... Der Pfarrer liess sich bezahlen? ... "Ich bezahlte die Messen, die meine toten aus dem Feuer erlösten!" ... Nun, mein Sohn, sagte der Alte von den Bluteichen, so nimm einmal den Namen "Jesus!" Siehst du, das sind auch fünf Buchstaben, auch fünf Zahlen und die letzte nimm dann gleichfalls doppelt – 9. 5. 18. 20. 36 ... – So hab' ich sie behalten –! unterbrach sich ScagnarelloGewinnst du, sagte der Hexenmeister, dann danke deinem Erlöser durch gute Anwendung des Geldes! Verlierst du aber, so nimm an, dass er dir eine christliche Lehre geben wollte und dich bloss durch deine Arbeit reich machen wird! ... Der Mann aus Cotrone spielte und gewanneine Terne; es ist auch so ein ganz reicher Mann ... Das Ding sprach sich aus; alles setzte auf den Namen Jesus; es hat aber keinem mehr so glücken wollen, wie dem Mann aus Cotrone ...

Rosalia seufzte über diese Zaubereien und sann über Scagnarello's Aeusserung, dass der Mann von Cotrone wohl noch eine besondere Anweisung bei diesem kabbalistischen Spiel des Einsiedlers von den Bluteichen hinzu empfangen haben müsste ... Sie hatte die vollkommene Geneigteit, dieser Meinung zuzustimmen ... Zuletzt bat sie ihn beim Blut des heiligen Januarius, von solchen durch die Hölle angeratenen Lottonummern, auch von den Bluteichen, von den nächtlichen Versammlungen, welche dort die Geister hielten, besonders aber von dem erschossenen feurigen Hunde und den blutigen Taten des Bruders Hubertus zu schweigen und auf eine baldige glückliche Ankunft in San-Giovanni zu hoffen ...

Nach einer halben Stunde, welche Scagnarello im schmollenden Gespräch mit Pepe und zuletzt mit Klagen über die teuere Zeit und die von der Hitze versengte zweite Heuernte zubrachteletzteres im Interesse eines erhöhten Trinkgeldesdeutete er mit der Peitsche auf einen im Mondlicht grell beleuchteten Gegenstand an demselben Wege, welchen sie fuhren ...

Schon lange hatte auch schon Rosalia ihr Auge auf diesen Punkt gerichtet und fragte jetzt:

Seht Ihr denn da etwas, Signor? ...

Es istso wahr ich Napoleone heisseendlich der braune Bruder ... Ich wette um meinen Pepeer ist's ...

Sein Maccaroni wurde jetzt wacker durch die Peitsche unterstützt ...

Die Frau konnte nicht umhin anzuerkennen, dass Scagnarello's Vermutung über einen an einem hölzernen Kreuz auf einem Stein sitzenden Mönch Wahrscheinlichkeit für sich hatte ... Die braune Kapuze war halb niedergeschlagen; so schwarz und starr konnte darunter hervor nur ein Kopf lugen, der so gut wie keiner war oder wenigstens nur dasjenige, was übrigbleibt wenn von einem Kopf Haare und Fleisch weggenommen werden ...

Scagnarello, jetzt vollends ermutigt und sogar von dem hinter den Felsen her immer heller und heller läutenden Glockenturm von San-Gio schon angenehm überrascht, schwang seine Peitsche und gab der hochgespannten Frau, die glücklich war, schon jetzt dem mann zu begegnen, welcher die gute Kunde aus Neapel nach San-Firmiano bringen sollte, jede tröstliche Versicherung ...

Ein Franciscaner, in Sandalen, mit brauner Kutte, den weissen wollenen Strick um die magere Hüfte, sass in der Tat auf dem Stein am Wege ... Es war Frâ Hubertus ... Er sass am Gedächtnisskreuz des von ihm vor Jahren hier in den brausenden Neto geschleuderten Jân Picard ... Als er die Klingel des Pepe hörte, stand er auf und ging fürbass ... Er schien keine Neigung zu haben, auf eine verspätete Equipage zu warten und sich in seinen wahrscheinlich düster angeregten Empfindungen stören zu lassen ...

Ihn einzuholen wäre beim Bergauf unmöglich gewesen, wenn ihm nicht Scagnarello alle möglichen Interjectionen nachgerufen hätte aus jenem unerschöpflichen, in seinem Reichtum noch von keinem Gelehrten würdig abgeschätzten Wörterbuch der neapolitanischen Natursprache ... Zu den tatsächlichen Motiven, welche Scagnarello mit civilisirteren Worten einmischte, um den rüstigen Greis zum Stehenbleiben zu bewegen, gehörte, in seltsamen Abkürzungen freilich, die ganze geschichte der Frau, welche hinter ihm hochaufgerichtet stand, in der Linken mit dem schlafenden kind, in der Rechten mit ihrem Tuch, mit dem sie unablässig wehte; gehörte endlich auch ein Gruss vom Erzbischof von Cosenza und die ganze Ausmalung aller der Glückseligkeiten, die sich nun in San-Firmiano und in San-Spiridion zu Nocera begeben würden ...

Der lange hagere Knochenmann stand endlich still und lachte des tollen Gewälschs ... Sein Kopf wurde darüber ein einzigesGebiss von Zähnen ...

In der "Campanischen" Sprache, jenem Italienisch der Neapolitaner, in welchem die Buchstaben mit allen nur erdenklichen Freiheiten behandelt werden, oft der eine ganz für den andern eintritt und statt "Michel" Kaspar gesagt wird, hatte Hubertus in der Tat Fortschritte gemacht ... Er blieb stehen ...

Dann freilich entsprach seinem ersten frohen Gruss an die ihm sehr wohl erinnerliche Schwester Paolo Vigo's keineswegs sein fernerer Mitteilungsdrang ... Letzterer