das Madonnenfest hingen, bald nach den bunten Uniformen der Soldaten, von denen einige Liebkosungen mit ihr wechselten wie "Bisch guët?" "Willsch Rössli reita?" und ähnliche deutsche Herzenslaute, die auch keineswegs der Mutter in ihrem Sinn verloren gingen; denn auch ohne Wörterbuch, und keinesweges nur durch den Austausch von Blikken und Geberden, verstehen sich in guten Dingen alle Nationen – nur Hass und Eigennutz hat die Verschiedenheit der Sprachen erfunden ... Durch den dolmetschenden Beistand der Umstehenden kam es heraus, die Frau war an den Gewürzkrämer Dionysio Mateucci in Nocera verheiratet, hiess ursprünglich Rosalia Vigo und wollte nach San-Firmiano, wo ihr Bruder im Kloster lebte ...
Auf diese Mitteilung hin belebten sich Scagnarello's Züge und niemanden mehr, als dem Pepe wurde nun voll Staunen und Verwunderung die ganze geschichte dieser Frau erzählt ... Die Rosalia Vigo! Die Schwester des ehemaligen Pfarrers von San-Giovanni in Fiore! ... Das ist nur gut, dass Herr Dom Sebastiano (der Pfarrer von Spezzano) beim Erzbischof in Cosenza ist – denn noch in seiner letzten Predigt an Mariä Ascensione nannte er ihren Bruder einen Unglücklichen, der im Fegfeuer noch einmal so lange sitzen müsse als andere, weil ihm sein geschorenes Haupt mit heiligem Priesteröl gesalbt wäre und bekanntlich Oel im Feuer nicht eben löscht ... Scagnarello war nunmehr auf die interessantesten Neuigkeiten und noch ein ganz besonders gutes Trinkgeld gefasst ...
Vollends hörte er von der Absicht der Schwester des Pfarrers, ihren geliebten Bruder wohl gar aus SanFirmiano ganz abzuholen und mitzunehmen ... Der seitwärts schielenden Blicke einiger alten Bettler von Spezzano, des Murmelns einiger Graubärte, der Bekreuzigungen einiger Matronen, die Hexen nicht unähnlich sahen, achtete Scagnarello nicht – obgleich er alles zu deuten verstand und vollkommen wusste, wie sehr es eine ganz eigene Bewandtniss hatte mit der geschichte des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore ... Ach, auch Rosalia Matteucci verstand, warum einige alte Schäfer, die in der Nähe standen und den Soldaten gegenüber ihre Flinten, über ihre Schaffelle hinausragend, mit aller Keckheit trugen – sie wollten zur Messe nach Rossano – auf ihre grossen Hunde blickten und deren Blässe berührten, die der Pfarrer von Spezzano mit Weihwasser besprengt hatte ... Pepe und die Gallina und alle Pferde, Esel und Maultiere, alle Hunde und Katzen, überhaupt was nur irgend mit dem Menschen hier in näherem Umgang lebte – das wilde Heer des nächsten Umgangs der Flöhe u.s.w. ausgenommen – hat in Italien durch Priesters Hand die Heiligung empfangen2...
Mit dem allgemeinen, die junge Frau mehr beschämenden, als erhebenden Rufe: Das ist die Rosalia Vigo! Die Schwester des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore! fuhr die Schweigsame und nun recht in Gedanken Verlorene endlich nach sieben Uhr aus dem noch hellsonnigen Spezzano in die schon dunkeln Felsenschluchten nieder ... Schauerlich durfte es ihr erklingen, als am Fuss des Felsens, auf dem Spezzano liegt, ein Schweinehirt, der dem auf dem zerbröckelten Gestein des Weges hin- und hergeschleuderten Karren Platz machte, ihr einen Willkommen kommen und Abschied auf einer riesigen Meermuschel blies ...
Scagnarello offenbarte im Fahren dem Hirten, der ihnen folgen konnte – sogleich ging es wieder bergauf – sein abenteuerliches Unternehmen, noch in die lichte Mondnacht hinaus bis in den Torre del Mauro von San-Giovanni fahren zu wollen ... Rühmte er sich auch nicht, mitzuteilen, was er damit verdiente, so schilderte er doch die Fahrt als eine, die sich schon allein durch die guten Leute von San-Giovanni belohne ... Im grund alles nur, um die vollere Zustimmung des Pepe zu gewinnen, dessen beide Ohren an dem furchtbaren Klange der Muschel einen musikalischen Genuss empfunden haben mussten; Pepe schlich, wie in sehnsuchtsvolle Gedanken verloren ...
Auch Rosalia blieb nachdenklich ... Ohnehin an Unterhaltung durch den Lärm der rauschenden Gewässer, die wieder ohne Brücken zu passiren waren, gehindert, begann sie ihre Marietta in Schlummer zu singen ... Sie brachte dies zu stand nicht etwa durch ein heiteres Wiegenlied, sondern durch einen einzigen, lang gehaltenen Ton in A ... Diesen setzt die italienische Mutter so lange endlos fort, bis ihr Kindchen einschläft ... Eine Melodie würde' es ja wach erhalten – ...
Auch Scagnarello rief seinem Pepe unausgesetzt ein Wort, das freilich im Gegenteil ein Wachbleiben und muntres Traben hervorrufen sollte: Maccaroni! ... Der Neapolitaner legt dabei den Ton auf die letzte Silbe ... Soll es dem Zugtier die Hoffnung erwecken, am erreichten Ziel seines Führers Lieblingsspeise teilen zu dürfen, oder ist es noch ein alter Rest der hier einst üblich gewesenen Griechensprache, wo Μακαριε! ein Schmeichelwort war, wie: "Du
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altes gutes Haus!" –? Gleichviel, Pepe tat sein Möglichstes ... An die Stelle der Liebkosungen traten freilich auch zuweilen die in Italien üblichen energischen Peitschenhiebe ...
Zur Linken sah man nach einer Stunde nichts mehr, als einen Wald von riesigen Farrenkräutern, die sich zum Ufer des auf dem Gebirgskamm entspringenden Neto niederzogen ... Zur Rechten starrte die schroffe Felswand ... Jenseits der Anhöhe leuchteten noch in der Sonne die Kronen eines Buchenwaldes, die dann jede weitere Aussicht versperrten ...
Miracolo! ... begann jetzt Scagnarello; ihr sagt, Euer Bruder würde San-Firmiano verlassen können und wieder nach San-