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Dämmerung ... Nur das Städtchen selbst oben langte noch in den vollen goldenen Sonnenschein ... Der Ort war schwer zu erreichen ... Langsam wand sich der Weg auf und ab, oft tief hinunter über das brückenlose wilde Rauschen hier des Crates, dort des Busento, die querdurch vom Wäglein mit Sack und Pack passirt werden mussten, bald wieder hinauf in die steilste Höhe, wo es dann einen entzückenden, die Phantasie dieser Reisenden wenig beschäftigenden Fernblick auf das dunkelblaue Meer bis hinüber zu dem Felseneiland Lipari gab ... In den Schluchten war die Vegetation die üppigste, aber kaum liess sich begreifen, wie sich an den schroffen Abhängen den Kastanienbäumen beikommen liess, um die schweren Lasten, die sie trugen, abzuernten ...

In Spezzano, einem Oertchen von einigen hundert Seelen, einem Durcheinander von Lumpen, Schmutz, von wie Wäsche aufgehängten frischgewalzten Nudeln, von wildwuchernden riesigen Feigenbäumen an Schuttaufen alter Castellmauern, fanden die beiden letzten Passagiere die grösste Aufregung durch die Soldaten, die schon einen Tag hier campirten ... Das rasselte mit langen Säbeln über die höckerigen Strassen, die fast erklettert werden mussten. Die Pferde konnten nur am Zügel geführt werden ... Ausser den Reitern gab es ein Detachement Fussschützen, die zur Schweizerarmee gehörtenLeute, die nicht eben heiter blickten, da die militärische Zucht in den Schweizerregimentern von furchtbarer Strenge ist und die Offiziere gegen die Gemeinen mit einer das deutsche Gemüt wahrhaft verletzenden Unfreundlichkeit verfahren ... Fast scheint es, als hätten die in der Schweiz so wenig bedeutenden höhern Ansprüche einiger alten Adelsgeschlechter, besonders in den Urcantonen, durch die militärische Organisation der Fremdenregimenter sich in Rom und Neapel eine Satisfaction für die heimatliche Abschaffung des Mittelalters holen wollen ...

Was aber mag denn nur vorgehen? fragte jetzt doch Signor Scagnarello, als er seinen Pepe, das Maultier, und seine Gallina, das Rösslein, ausspannte und ganz Spezzano zusammenlief, um die wichtigen begebenheiten des Tränkens, Fütterns, Verwünschens der Wege, Verwünschens der Fliegen, des Ausscheltens des noch trinkscheuen "Pepe", Schmeichelns der alten geduldigen "Gallina" lachend und spottend mit durchzumachen – (in Italien geht das nicht anders und Neapel scheint vollends die Stammschule aller Possenreisser zu sein und trotz der schönen, edlen, malerischen Gestalten, die überall sich lehnten und kauerten, den Uebergang vom Affen- zum Menschentum zu vertreten) ... Was mag nur vorgehen? rief Scagnarello im Stall ... Die Kopfsteuer haben wir doch schon am ersten bezahlt und die Vettern des Talaricodie hoffen ja auch auf ihre Anstellung beim Zollfach und halten sich ... Das fest der Madonna von Spezzano ist erst übermorgen und zu unserer Illumination, sehe' ich, hilft von den Soldaten Keiner, obgleich die Offiziere beim Pfarrer wohnen ... Die Swizzeri bringen uns nie etwas, sondern holen nur ... Von Spezzano –! ... Unser armes, frommes Spezzano! ... Bauen sie nicht schon wieder der heiligen Mutter Gottes einen Triumphbogen und die Bora hat erst zu Maria Ascensione alle Lampen zerbrochen –! ...

Von den durch die letzten Abstrafungen revolutionärer Regungen gründlich abgeschreckten Bewohnern Spezzanos konnte niemand diese starke Einquartierung begreifen, noch auch von den Soldaten, die ihre eigene Verwendung nicht kannten, darüber eine Aufklärung erhalten ... Ein bunter Kreis bildete sich um das von Scagnarello gehaltene Gastaus, die "Croce di Malta", wo seine Giacomina die Militärchargen bewirtete und des Hausherrn Einmischung in ihr Departement nicht litt ... Die Offiziere hörten dem Handel der von Cosenza mitgekommenen jungen Frau zu, die, ihr Kindlein im Schose, auf einem verwitterten Steinblock sass und ihre Weiterreise nach San-Giovanni in Fiore in die Wildniss hinein und zwar aufs lebhafteste erörterte ... Alles bewunderte den Mut Scagnarello's, der sich bereitwillig fand, nach einer einstündigen Rast seines Pepe, noch bis in die späte Nacht hinaus in die Berge zu fahren. Die alte Gallina besass die Ausdauer nicht, wie der wilde ohrenspitzende Pepe, dem die Freuden im "Torre del Mauro", dem besten und einzigen Wirtshaus von San-Giovanni in Fiore, so lebhaft von seinem Herrn geschildert wurden, als müsste die ganze aussergewöhnliche Unternehmung, die der Frau baare zwei Ducati (Taler) kostete, erst von seiner gnädigsten Zustimmung abhängen ...

Die Frau, die sich ihrerseits des freundlichsten Gesprächs der auf guten Erwerb bedachten Giacomina zu erfreuen hatte, kam aus Nocera, das über Cosenza hinaus dicht am Meere liegt ... Sie hätte ihrem kind zufolge noch jung sein müssen; aber sie trug schon, wie hier überall die Frauen, die Spuren zeitigen Verblühens ... Sie war die Frau eines Krämers in Nocera und konnte sich etwas zu Gute tun auf die Feinheit ihres Hemdes, das mit schönen Spitzen besetzt teils über ihr Mieder hinauslugte, teils an den Achseln sichtbar wurde, wo die Aermel ihres braunen Kleides nur durch Schnüre am Leibchen befestigt waren ... Auf dem Kopf trug sie ein rotgelbes Tuch, das in Ecken gelegt flach am schwarzen Scheitel auflag und mit seinen Enden, die mit gleichfarbigen Franzen besetzt waren, an sich gar schelmisch in den Nacken fiel ... Die schwarzen Augen der sonst schmächtigen und behenden Frau gingen hin und her, schon vor Aufregung über die wilde Bewegung in dem sonst so friedfertigen Spezzano ... Ihre kleine Marietta zappelte bald nach den bunten Lampen, die schon an den Gerüsten für