Wenn sich auf einem zweirädrigen, aber menschenüberfüllten, von einem Pferd und einem Maultier zugleich gezogenen Karren, der in Kalkstaub gehüllt die Felsenstrasse von Cosenza sich hinaufwindet, die Furcht ausspricht, dass auf dem Wege bis Spezzano der Abend hereinbrechen würde und mancher seine kleine Baarschaft an ein mit Flintenläufen unterstütztes: Gott grüss! hingeben müsste, so hatte sie vollkommene Begründung ... Nur dürfen ebenso die acht Personen, die an dem zweirädrigen Karren wie Bienen an einem Baumast hängen, dem Impresario der Gebirgsdiligença, Meister Scagnarello, Recht geben, der die unausgesetzten, bald liebkosenden, bald drohenden Anstachelungen seiner Tiere mit einem lauten lachen unterbrach, als ein Handschuhmacher aus Messina in seinem sicilianischen Dialekt noch von dem furchtbaren Räuber Giosafat Talarico zu meckern anfing und vom Scagnarello hören musste:
Das wisst ihr also noch drüben nicht, wer euer vornehmer Nachbar geworden ist? ... Auf Lipari, dicht vor eurer Nase, könnt ihr den Vater Giosafat und seine ganze Familie wie einen Prätore leben sehen ... Seine Excellenz der Minister waren selbst von Neapel nach Cosenza gekommen, sprachen ein ernstes Wort mit dem tapfern Mann und für achtzehn Ducati monatlich vergnügt er sich jetzt auf der Jagd am Strand der See ... Sie klagen in Cosenza, dass seitdem so wenig wilde Gänse mit dem Südwest zufliegen ...
Die Gesellschaft, die auf dem Karren trotz eines Umfangs desselben von nur acht Fuss Länge und sechs Fuss Breite doch in mehreren Stockwerken sass, ordentlich, dem Preise nach, ein Coupé, ein Intérieur und eine Impériale hatte, ja noch Körbe, Säcke und Felleisen in einer wahren Laokoon-Verschlingung unterzubringen wusste, musste bestätigen, dass Meister Scagnarello vollkommen Recht hatte ... Nachdem die Regierung in Cosenza damals an einem Tage zwanzig Insurgenten, die Brüder Bandiera an der Spitze, hatte erschiessen lassen, musste sie wohl des Blutes für einige Zeit genug haben ... Del Caretto, gewöhnlich der "Henker Neapels" genannt, kam nach Cosenza, nahm die Fürbitte des Erzbischofs für die durch einen glücklichen Zufall gefangene Bande des Giosafat Talarico, der an Morden und unzähligen Räubereien mit Pasquale Grizzifalcone in der Mark Ancona wetteifern konnte, in ernste Erwägung und vollzog es wirklich, was der alte Principe Rucca in Rom und der selige Ceccone nur für eine erwägenswerte Möglichkeit gehalten hatten ... Lipari erhielt den Giosafat zwar nicht als Bürgermeister, wie sich, vor dem Schuss des deutschen Mönches Hubertus, Grizzifalcone von Ascoli geträumt hatte, aber er lebte daselbst freier und vergnüglicher, als Napoleon auf sankt-Helena ... Mit den achtzehn Ducati hatte es seine vollkommene Richtigkeit1...
Darum war es aber im Silaswald noch nicht eben viel geheurer geworden ... In Cosenza sah man ja hinter den Gittern eines Turms dieser alten Stadt, wo einst am Busento Alarich, der Gotenkönig, sein geheimnissvolles Grab gefunden, genug halbnackte Gefangene um Almosen betteln und, wenn sie keins erhielten, hinterher eine höhnische Frazze schneiden ...
Bis die Diligença Signors Scagnarello in der notwendigkeit war, um der engen Wege willen die Tiere so zu spannen, dass sein Maultier voran, sein Rösslein hinterher ging, war die Zahl seiner Passagiere bedeutend zusammengeschmolzen ... Der Handschuhmacher traf die Ziegen, die er erhandeln wollte, schon in Pedaco, dann wollte er sich um den unheimlichen Silaswald herum nach Rossano auf die grosse Ledermesse begeben – ein Männlein war's, wie die feinen Leute dort gehen, in dunkelgrüner Jacke, kurzen braunen Beinkleidern, braunen Strümpfen und schwarzen Kamaschen, mit einem braunen Mantel und einem weissen Hut, so spitz wie ein Zuckerhut, eine rote Feder darauf, als gehörte auch er zur Bande des Talarico ... Hinter ihm her wurde vielfach gelacht, auch von zwei Priestern, die hier in vergnüglichster Weise ganz zum volk gehören und oft vertrauter mit den Räubern sind, als mit ihren Verfolgern ... Zuletzt blieb dem Scagnarello von Männern nur noch ein Soldat treu, der den Weg von Cosenza zu Wagen machte, obgleich er zu den berittenen Scharfschützen gehörte – Sein Pferd lag hüftenlahm, erzählte er, in Spezzano, einem Oertchen, das sonst keine Besatzung hatte, heute aber mit Soldaten überfüllt war – eine Erscheinung, die die Passagiere nicht zu sehr überraschte, denn wo waren nicht die Truppen jetzt nötig, um heute eine Verhaftnahme eines noch aus den kaum beschwichtigten Stürmen der letzten Jahre zurückgebliebenen versteckten Compromittirten vorzunehmen, morgen eine wiederum drohende neue Conspiration zu ersticken – Sicilien und Calabrien hatten auch für ihre politischen Vulkane geheime Zusammenhänge genug ...
Ausser dem Soldaten blieb auf dem Karren noch eine Frau mit einem kind, die weiter wollte als bis Spezzano und schon seit Cosenza mit Signore Scagnarello in Unterhandlungen stand, was sie wohl zahlen würde, wenn sie die Diligença noch bis in die letzte fahrbare Gegend des Gebirges benutzte, bis nach San-Giovanni in Fiore hinauf ... eigentlich wollte sie zum Franciscanerkloster San-Firmiano, wo die hierorts bekannte Welt aufhörte; denn jenseits Firmianos begann die Wildniss, die nur den Räubern, einigen Hirten und den Geistern gehört, sowohl den alten dortin gebannten classischen, als welche im Volksglauben besonders noch Cicero und Virgil spuken, wie den neueren muselmännischen, besonders seeräuberischen, vorzugsweise dem berüchtigten Renegaten Ulusch-Ali und ähnlichen Dämonen, die schon manchen hier in die Hölle abholten ...
sechs Uhr war es und doch lag das enge Tal, aus dessen Mitte Spezzano auf einem hochgelegenen Felsen hervorragte, schon in einiger