diese beim Spazierengehen führte. Sie war mutlos geworden und so vergrämelt wie ein Mädchen, das jeden Augenblick den Stundenschlag erwartet, an welchem es dreissig Jahre zählt.
Zwanzig zählte sie schon; denn zwei Jahre führte sie das herumziehende Leben, das sogar Reiz für sie bekam in den täglichen kleinen Abwechselungen der Bühnenchronik, in der lebhaften und feurigen Anwaltschaft für das äussere Interesse der Familie, der sie sich angeschlossen hatte, endlich innerlich in der Parteinahme für Serlo gegen seine Frau. Es gab Scenen der Erbitterung. Ost genug wurde das Wort gesprochen, dass entweder die "Gattin" oder Lucinde gehen müsste. Serlo, der auf liebevolle Hingebung keine Ansprüche mehr gemacht hatte, der glücklich war, dass noch einmal ein blick, der Handdruck eines teilnehmenden Wesens ihn lohnen konnte für sein Dulden, Serlo vermittelte diesen Zwiespalt, so gut es immer ging. Um den Frieden wiederherzustellen, hatte er gewisse Hülfsmittel, die nicht fehlschlugen. Er rühmte, was die Kinder in der Musik für Fortschritte machten; Lucinde unterrichtete sie. Er liess Lucinden Scenen aus den classischen Stücken recitiren. Sie sprach sie mit Verständniss, wenn auch kalt und schwunglos. Die Begeisterung wird der Abend und der Anblick der Zuschauer geben! sagte der Kranke. Er deutete auf die grossen Vorteile hin, die ihnen allen würden geboten werden, wenn endlich Lucinde sich entschliessen könnte, in das so verwaiste und so teuer bezahlte Fach der "Liebhaberinnen" von Gestalt und Schönheit einzutreten.
War der Friede auf diese Weise wiederhergestellt, so erzählte er mit Gemütlichkeit von seinem vergangenen Leben. Die Schärfe, die er früher besessen, hatte ihn in der Schule der Leiden immer mehr verlassen, nur die bittere Ironie war ihm geblieben, das Salomonische: Alles ist eitel! Er wollte seine Philosophie des Lebens, dass alles Wahn, alles Verkehrteit und Narrheit wäre, von seinen frühesten Anfängen her beweisen. Besonders lange verweilte er in der Schilderung seiner ersten Anläufe zur geistlichen Laufbahn ... Serlo schilderte Menschen mit derselben Lebhaftigkeit wie Gegenden. Seit Jahren führte er Tagebücher und las daraus Stellen vor, über deren Bitterkeit und Satire er oft den Kopf schüttelte, gleichsam als wenn er nicht begreifen konnte, wie er einst so hätte denken und fühlen können. Er nannte dann das, was er las, abgeschmackt, wahnbetört, oft aber auch wieder, offen von sich selbst gestanden, klug und treffend. Manchmal, wenn er beim Blättern auf Torheiten stiess, auf Racheplane, Anfeindungen, die er selbst erlitten oder angezettelt hatte, sagte er mit vollem Ernst: Ich war damals verrückt! Wir alle sind verrückt! Jeder ist's innerhalb seines eigenen Interesses! Und wir wissen es sogar selbst sehr gut! Mindestens, wenn wir zurückblicken und uns vergegenwärtigen, wie wir damals waren, damals das sagen, das tun konnten! Bei anderm, was er erzählte oder las, sagte er dann wieder ganz offen von sich selbst: Wie gut das von mir war, wie edel! Ja, darf man sich denn nicht selber lieb haben? ... Wenn Madame Serlo zuhörte, was selten geschah – sie hatte zu jeder Zeit, nicht bloss Abends, einen Schlaf, der nur: Ich will! zu sagen brauchte und sie schon schnarchen liess – sagte diese: Nein, lies lieber aus dem allen heraus, dass du einst mehr Courage hattest! Und die könntest du noch haben, wolltest du dich nur herausreissen!
Herausreissen! ... Es war das ewige Wort ... Es schnitt dann wieder alles entzwei.
Einige betrügerische Directionen hatten die Familie bis an den Rand des Elends gebracht. Lucinde musste das Opfer, das sie immer in Aussicht gestellt hatte, jetzt endlich vollziehen und einen Schritt tun, der ihr innerlich widerstrebte. Man unterhandelte mit einem ansehnlichen Teater über ihr erstes Auftreten. Die Umstände hatten es gefügt, dass sie den ersten Schritt an die Lampen gerade in jener Stadt tun sollte, in welcher sie einst von der Frau Hauptmännin von Buschbeck in diese wirre Welt war eingeführt worden.
Diese Stadt wiederzusehen, flösste ihr Schauder ein.
Jahre waren vergangen, seit sie dort gelebt. Wie mancher konnte ihrer eingedenk geblieben sein! Ein dunkles Gerücht hatte ihr von ihren beiden letzten Geschwistern kein glückliches Wiedersehen in Aussicht gestellt. Beide Knaben sollten aus dem Waisenhause zu Lehrherren gekommen sein, dann aber sich schlecht bewährt und sogar schon den Gerichten gelegenheit gegeben haben, sich mit ihnen zu beschäftigen. In der Schweigsamkeit über ihre Angelegenheiten, die ihr eigen war, sprach sie Serlo nur obenhin vom Vergangenen, kein klares Wort von ihren Besorgnissen, sonst würde dieser sie entweder widerlegt oder die Anknüpfung mit der Bühne gerade dieser Stadt widerraten haben. Die Verhandlung mit dem Vorstande war schriftlich erfolgt; die persönliche Vorstellung fiel nicht ungünstig aus; Lucinde hatte sich Gewalt angetan und machte einen Eindruck, der etwas versprach. Nach Madame Serlo's kecker Aussage hatte sie sogar bereits auf kleinen Bühnen "sechs bis sieben mal mit glänzendem Erfolg" gespielt. Sie bekam die Zusage, dass sie als Jungfrau von Orleans auftreten durfte. Auch die Bitte um einen veränderten Namen wurde gewährt.
Madame Serlo konnte diese Entscheidung, die sich noch vierzehn Tage hinziehen konnte, im Orte selbst nicht abwarten. Einmal hätte man des bessern Eindrucks wegen eine gute wohnung nehmen müssen, deren grössere und für alle ausreichende Ausdehnung die vorrätigen Mittel überschritten haben würde; dann aber auch war ihr eine Stellung angeboten worden bei einem jungen Fürsten, der erst vor