1858_Gutzkow_031_889.txt

!" mit einem Schluchzen sprechen, wie eine mit vierzig Jahren "mutterlos dastehende Waise" ... Die Verbindung mit Benno war ungetrübt geblieben; seine von unermüdlichem Hin- und Herreisen begleitete Vermittlerschaft hatte in den stürmischen letzten Lebensjahren des Freundes die äussersten Katastrophen zu verhindern gewusst ... Jetzt war alles so gekommen, wie jener Scherz in den zauberischen Tagen auf Villa Torresani bei Rom nicht ahnen liess und wie er doch, nach den Regeln der Nemesis, hatte enden müssen ...

Armgart und Tiebold konnten an Benno's Leiche noch manche Melodie aus alten zeiten vernehmen ... Diese Melodieen rissen freilich schmerzlich ab – "Durch wessen Schuld –?" lag in Tiebold's Blicken, als er die hohe, so seltsam anders, als er erwartet, entwickelte Gestalt Armgart's betrachtete und an den rätselhaften Abschied erinnerte, den sie ihnen beiden einst im Schloss zu Westerhofihres Gelübde wegenhatte geben können ... Jetzt erdrückte ihn fast eine Art "Ehrfurcht" vor Armgart's Geist und gereiftem Urteil ...

Die Veränderung des tiefbetrübten Lebenskreises wurde die mächtigste, als Bonaventura unmittelbar nach Benno's Bestattung zu seiner inzwischen in Rom angekommenen Mutter gerufen wurde und in der Tat der Graf, trotz aller Gährungen seines inneren, erklärte, das Bedürfniss zu haben, auch seinerseits den Präsidenten zu begrüssen und deshalb mit Paula den Erzbischof zu begleiten ... Monika erglühte über diese Ausrede, die einer ganz andern Rücksichtsnahme galt, vor mächtigster Regung einer Entrüstung, die sie sich nur gerade jetzt in dieser allgemeinen Trauerstimmung auszusprechen scheute ...

Ein Glück, dass Tiebold's rege Fürsorge für alle und über alles wachte ... Das Begräbniss des Freundes, die Ausschmückung des Grabes, das Errichten eines Denksteins, alles das fiel auf seinen teil und nichts liess er sich von dem, "was sich ja von selbst verstände", nehmen ... Er sagte: "Auf unserm gegenseitigen Contocorrent hat Benno noch so viel Saldi und Ueberträge zu gute, dass ich sie in d i e s e m Leben nimmermehr auslöschen kann!" ...

Armgart, wie die Sonne am herbstlichen Tag, dankte ihm voll wehmütiger Freudeso für sein Kommen wie für sein längeres Bleiben – ...

9.

Zwischen dem Ionischen und dem Mittelmeer erstreckt sich die eine Hufeisenhälfte des südlichen Italien und berührt in ihrer Spitze beinahe das Haupt der alten Trinacria, Siciliens ...

Die Scheide zwischen beiden Meeren bilden die Ausläufe der Apenninen mit den hohen Bergspitzen des Monte Januario und Monte Calabrese ...

Zwischen beiden erhebt sich eine bewaldete, hier in schroffe Felsklüfte zerspaltene, dort in grüne, weidenreiche, aber engumschlossene Täler sich absenkende Gebirgskette, der Silaswald ...

Wer da weiss, dass man auf dem Aetna, während unten die Dattelpalme und Feige grünt, auf der Höhe von Schneestürmen überfallen werden' kann, begreift, dass zwar auch der benachbarte Silaswald an seinen Füssen und an beiden Meeren hin die ganze Pracht der südlichen Vegetation entfaltet, auf seinen Höhen aber und in seinen Schluchten den Alpencharakter der Schweiz tragen mussschmale, an reissenden Berggewässern hingehende Wege, Täler, die von hohen Felsen umgeben sind, auf denen Adler horsten, Wälder, an die sich seit Jahrhunderten die Axt nicht legte, weil die Mittel und die Kräfte fehlen, die Stämme in die Ebene zu führen ... Oft wirft die Sonne ihre südlichen Strahlen senkrecht in die feuchten Felsritzen und lässt in ihnen eine tropische Luft entstehen, wie in einem Treibhause; aber an anderen Stellen pfeift dann wieder durch die offenen Lücken zwischen den von Zwergeichen umkränzten Spitzen des Hochgebirgs die Bora so eisig, dass die Hirten ihre ungegerbten Schaffelle, mit denen sie den nackten Körper bekleiden, über und über zusammenbinden müssen wie die Grönländer ... Weisse spitze Hüte decken die schwarzbraunen, scharfgeschnittenen Köpfe mit ihren dunkelbraunen Augen, deren lange schwarze Wimpern manchen Physiognomieen einen sanften, gutmütigen Ausdruck geben ... Andere blicken dafür wieder desto wilder ... Die Schaffelle sind am Leib nach innen, an den Füssen nach aussen gekehrt und bis zum groben Holzschuh hinunter durch Schnüre befestigt ... Ein braunroter Mantel dient als Decke für die Nacht oder gegen die zuweilen urschnell ausbrechenden Gewitter ... Die Tätigkeit der Silaswaldbewohner ist grösstenteils Viehzucht ... Die Ziegen Calabriens, die zu Tausenden an den schroffen Felsabhängen ihre Nahrung suchen, während die Hirten den Dudelsack blasen oder auf der alten Pansflöte vielstimmiges Echo wecken, liefern jene elegantesten Handschuhe von Paris und Mailand ...

Wer im Silaswald nicht Ziegen treibt oder für Schafe und Rinder die fetteren Weideplätze sucht oder Kohlen brennt, verlegt sich auf das einträgliche Gewerbe des Schmuggels, seit uralten Tagen für dies buchtenreiche Land ein ebenso überliefertes wie der Raub ... Hier weht die classische Luft, die uns umfängt, wenn wir von den Taten des Hercules, der die Landstrassen säuberte, von Teseus, von den strengen Gesetzen der Republiken des alten Griechenland lesen ... Von Osten her weht hellenische Luft, vom Süden sarazenische ... Flibustiertum ist die eigentliche Lebensbewährung aller dieser am Meer wohnenden Völker, die auch schon deshalb das Leben nicht so ruhig, wie andere, nehmen können, weil unter ihnen der Boden vulkanisch wankt und zu sagen scheint: Was du dir nicht heute genommen vom Ueberfluss der Erde, das verschlingt vielleicht schon morgen der uralte Neid der Götter auf unser Menschenglück – ...