Ein Gericht hat er nicht über Sie halten wollen, sondern über sich ... Sie können nicht begreifen, wie sein Leben von Deutschlands heiligen Eichen ausging, wie die Wipfel der Tannen, unter denen Sie einst betrogen wurden, Herzogin – wir alle wissen es mit Beschämung – doch ihm die süssesten Märchenträume sangen ... Anfangs wand er sich künstlich vom Zauber seiner Heimat, seines deutschen Vaterlandes los und verbitterte künstlich sein Gemüt gegen die Welt, in der er lebte ... Da fand er dann Sie und der künstliche Hass wurde ein scheinbar natürlicher ... Ihnen, dem land seiner Mutter, Ihren Interessen, Ihren Hoffnungen widmete er sich ganz ... Das wurde zum Fieberbrand, der ihn zuletzt verzehrte ... Der nordischen sehnsucht zum Süden ging es immer so ... Nun aber, nun weht ihn noch einmal die Kühle aus den deutschen Eichen an – umgaukeln ihn die Bilder aus den grünen Tannenwäldern der Heimat des Mannes, der ihn erzog, seines wahren Vaters, des Dechanten – lassen Sie ihm diese letzte Erquickung des Verlorenseins in seiner deutschen Jugend nach dem heissen Sonnenbrand, während Sie drei ja einst – genug zusammen glücklich waren – ...
Die Zauberei eines Mädchens sehe' ich, das ihn in seinen letzten Augenblicken bestrickt! unterbrach Olympia und ihre Zähne glänzten, wie sie der Wolf im Anblick seiner Beute wetzt ...
Lästern Sie nicht, Fürstin! sprach Bonaventura voll Unwillen, doch kehrte er zur Milde zurück und sagte zur Mutter: Reisen Sie mit Gott, Herzogin! ... Sie haben lange ein Herz besessen, das sich Ihnen opferte ... Wenn dies Herz im letzten Augenblick umfangen sein will nur von jener Einsamkeit, die den armen verstossenen Knaben, der sich selbst so oft einen Zigeuner im Leben nannte, umfing, wenn er an die grünen Wälder zurückdenkt, die Sie verfluchten, weil Ihr Ehrgeiz dort betrogen wurde, lassen Sie ihm diese Erinnerungen ... Armgart von Hülleshoven schloss ebenso die Augen seines zweiten Vaters, des Dechanten ... Ich vermochte nichts gegen einen Wunsch des Freundes, der so fest, so unwiderruflich fest ausgesprochen wurde – ...
Die Herzogin weinte und schien sich zu ergeben ... Sie erinnerte sich der letzten Jahre in London, die unausgesetzt für Benno nur Qualen geboten hatten – Olympia hatte wieder angefangen, ihre tyrannische natur, Eifersucht und jede Plage geltend zu machen – ... Die Mutter verstand, was Benno getan, als er floh, und was er eben tat – sie verstand, warum sein schroff gewordener, verdüsterter Sinn so und nicht anders aus dem Leben scheiden wollte ...
Olympia fühlte die gleiche Berechtigung so harter Strafe, aber sie ergab sich nicht ... Starr blickte sie zur Erde ... Sie hatte sich allmählich setzen müssen ... Ihre Brust kochte vor Rache und Eifersucht ...
Die Tränen der Herzogin rührten den Erzbischof ... Er gedachte der eigenen Mutter, die nun auch vielleicht bald vom Leben schied und im brechenden Auge das Gefühl einer grossen Schuld zeigen konnte ... Er bemerkte die wiederholt bittenden Blicke des Grafen, der von Olympiens Kälte und ihrem drohenden Schweigen allmählich das Schlimmste befürchtete ... Schon hatte er gehört, dass sie in Verbindung mit Gräfin Sarzana stand ... Jetzt musste er sogar der Terschka'schen Drohungen gedenken ... Bitte! sprach er zum Erzbischof und deutete an, dass man besser täte, den Versuch zu machen, ob sich nicht Benno umstimmen liesse ...
Wollen Sie mir versprechen, sich ruhig zu verhalten? erwiderte Bonaventura ... Ich will noch einmal an Ihres Sohnes Lager treten ...
Die Frauen hoben flehend die hände, selbst Olympia ...
Da trat Paula, die inzwischen durch die andre Verbindung der Zimmer in der Nähe der Sakramentserteilung geweilt hatte, ihm entgegen und sank weinend in die einzigen arme, die sich ihr entgegenstrekken durften – die ihres Gatten ... Sie sagte mit erstickter stimme:
Er ist hinüber ...
Der Ausdruck des Schmerzes bei den beiden Italienerinnen war unverstellt ... Sie schwiegen eine Weile, wie vom Strahl des himmels getroffen – und in der Tat wie bestraft für all' die Qual, welche Frauen, unter dem Vorwande der Liebe, über die Freiheit des männlichen Willens und ein notwendiges Sichbewusstbleiben seiner Kraft verhängen können – ...
Sie drängten, Benno sehen zu wollen – die Mutter wie eine Irrsinnige – ...
Bonaventura erinnerte sie, wie oft der Freund von Angiolinens Tod gesprochen, wie oft er behauptet, die Schwester hätte die entsetzliche Scene zwischen ihm und der Mutter noch hören müssen, die toten verliessen die Erde weit langsamer als wir glaubten ... Und eben noch hatte der Freund in diesem Sinn um die Stille seines Sterbelagers gebeten ... Bonaventura bat die Frauen, zu bleiben ... Selbst Klagen, selbst Tränen nicht in seiner Nähe! ... Er hätte dies dem Freunde geloben müssen ...
Abbate Orsini ging eben mit den Sterbesakramenten an der offengebliebenen Tür vorüber ...
Der Anblick der Monstranz gebot den verzweifelnden Frauen Ruhe und Selbstbeherrschung ...
Bonaventura benutzte diesen Moment, um sich zu entfernen ... Graf Hugo begleitete ihn ... Es drängte beide an das Lager des toten Freundes ... Beide durften es Paula überlassen, mit der ihr eigenen Güte des Tons, mit der