1858_Gutzkow_031_886.txt

die ganze Aufrichtigkeit, mit welcher in solchen Lagen selbst der Schein der Grausamkeit von ihm nicht gescheut wurde ...

Meine Damen! begann er in italienischer Sprache ... Welches traurige Wiedersehen! ... Tröste Sie wenigstens die Gewissheit, dass mein edler Freund in den Armen von Menschen weilt, die ihn lieben ...

Mehr, mehr, als wir?! – Als wir?! – Lassen Sie uns zu ihm! riefen beide Frauen zugleich und wie im Ton der wildesten Eifersucht ...

Erfüllen Sie mir eine Bitte, sprach Bonaventura ... Die Augenblicke des Geliebten sind gezählt ...

Er stirbt? ... riefen beide zugleich und die Mutter brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus ...

In wenig Stunden ist seine edle Seele hinüber ... Lassen Sie ihm die Ruhedie jetzt um ihn her waltet ... Eben versieht ihndie Hand des Priesters ...

Ohne mich, ohnesein Weib? – fiel die Fürstin ein ...

Sie konnte nicht ganz ihre Rede vollenden ... Ein strafender blick traf sie sowohl aus dem Auge des Erzbischofs, wie aus dem des Grafen, der die Tür zuzog ... Dem Grafen war die Wiederbegegnung mit diesen Frauen eine so aufregende, dass Paula jetzt ihn beruhigen musste ... Angiolinens Tod, der Ritt Olympiens durch den Park von Schloss Salem stand vor seinen Augen ... Die Herzogin war im Casino damals anfangs seinem Schmerz teilnehmend verbunden gewesendie Zeit, die überlegung, die Beurteilung des Preisgebenkönnens ihrer Kinder hatte die freundliche Stimmung des Grafen von damals verändert ...

Beruhigen Sie sich beide, sprach der Erzbischof, ich achte die Ansprüche, die Sie auf den letzten Händedruck des Freundes haben – ...

Meines Sohnes! verbesserte die Herzogin und richtete ihr Auge auf die Tür, die zu den nach Benno's Lager auf andrem Wege führenden Zimmern offen stand und jetzt von Bonaventura geschlossen wurde, indem er sprach:

Nehmen Sie an, Sie hätten für immer von Ihrem Sohne Abschied genommen – ...

Für immer –? – riefen beide Frauen und Olympia fügte mit gellender Betonung hinzu: ...

Er w i l l uns nicht sehen –? ...

Bonaventura schwieg ...

Die Mutter blickte wie geistesabwesend um sich ... Dann schien sie nachzudenken, welche Empfindungen ihren Sohn zu dieser Erklärung hätten bestimmen können ... Endlich raffte sie sich mit leidenschaftlichem Entschluss auf und wollte an die Tür des Bibliotekzimmers ...

Der Erzbischof vertrat ihr den Weg und wollte jedes störende Geräusch verhindern ... Herzogin –! ... sprach er fest und bestimmt ...

Dann seine stimme mildernd und auf die der Herzogin sich anschliessende Olympia blickend, begann er:

geben Sie diese Beweisführung Ihrer Liebe auf! ... Niemand zweifelt daran! ... Aber der letzte Augenblick eines Sterbenden, sein letzter Wille sei Ihnen heilig ... Vereinigen Sie Ihre Klagen mit den unsrigen, weinen Sie mit uns –! ... An seinem Bett wacht die Liebe seiner Freunde – ... Lassen Sie ihm die stille Ruhe des Abschieds vom Leben ... Er entschläftin Gott ... Er bat nur um Einesumewige Ruhe ...

Welche Liebe? wandte sich jetzt Olympia mit einer Miene, als hätte sie des Erzbischofs Worte nicht verstanden ... Meinen Gatten will ich sehendenn das ist er –! ...

Sie rasselte an der Tür, bis Graf Hugo eintrat und ihr nicht endendes Mia anima! Mio cuore! zu beschwichtigen suchte ...

Wie aus einer fremden Welt verhallten diese Klagelauteohne Echo, ohne ein Zeichen, dass sie drüben vernommen und erhört wurden ...

Graf Hugo schloss noch die von innen verriegelte Bibliotektür ab, steckte den Schlüssel zu sich, ging zu Paula zurück und blickte nur im Vorübergehen auf den Erzbischof, andeutend, ob er nicht besser täte, zu Benno zurückzukehren und zu versuchen, ihn umzustimmen ...

Aber Bonaventura stand regungslos ...

Wir stören die heilige Handlung des Abbate Orsini, sagte er ... Beten können wir auch hier ...

Olympiens Augen wurden weiss vor Zorn ... Ihre Gestalt schien wie von Luft ... Sie schwebte hin und her und murmelte eine Reihe zusammenhangloser Worte, die dem Erzbischof sehr wohl als Erinnerung an sein Emporkommen und Verurteilung seiner Undankbarkeit verständlich waren ...

Nichtsdestoweniger wiederholte er: Beten wir! ...

Drüben hörte man die Klingel des Ministranten ... Weihrauchduft durchzog die Zimmer ...

Die Herzogin weinte nur noch ...

Bonaventura sprach ihr mit weicher stimme:

Die Seele unseres Freundes ist ebenso krank, wie sein Körper ... Lassen Sie ihm den letzten Frieden, um den er gebeten ... Mich, einen Priester, bat er, die Mutter und die ehemalige Freundin selbst dann noch fernzuhalten, wenn sein Auge gebrochen ist ... Es muss ihm ein heiliger Ernst mit diesen Wünschen sein ... Kann ich etwas dagegen tun? ... In jener Zeit, wo der Freund nur noch Ihnen und Italien angehörte, muss er schwer gelitten haben ...

Wahnsinn! ... Wahnsinn! ... rief Olympia ...

Sagen Sie: Verklärung und Erhebung vom Irdischen! entgegnete Bonaventura ...