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Tiebold! sprach Benno ... schreibe's – dem bestenFreundder Erde – ... AuchDuMitBona –! ...

Armgart versprach jeden seiner Aufträge zu erfüllen und setzte mit bitterm Lächeln, ja wie mit prophetischem Schwünge hinzu:

Stummes Rätsel der Frauenbrust! ... Starrer Mund, der nicht reden kann, wenn doch ein Mädchenherz überquellen möchte vom Drang nach helfenden Worten! ... Lieber erstirbt das eigene Leben in uns, als dass die Lippe zu brechen wäre, die Starrsinn schliesst! ... Ach nur dir, nur dir hab' ich jeden Gedanken meiner Brust geweiht! Nur dir jeden Schlag des Herzensdir hab' ich gesprochen in öden, sternenlosen Nächten – ...

Armgart –! hauchte Benno und erhob sichgeisterhaft und streckte seinen Arm so aus, dass der Graf, aufs tiefste von diesem freien Bekenntniss der Liebe überrascht, vom Zuspätkommen eines so heroischen Mutes erschüttert, sich zwischen die Umschlungenen drängen musste ...

Benno sah ihn lange und wildfremd an ...

FreundmeinerSchwester Angiolina! sprach er, wie jetzt ihn erst erkennend ... BezeugewasdieLiebe einesWeibesvermag –! ...

Auch in des Grafen Augen traten Tränen ...

Bona! Bona! wandte sich Benno an diesen, der eben zurückkehrte ... Dann sah er sich fieberhaft um, sah Armgart mit dem zärtlichsten blick der Liebe an und sank in sein Kissen zurück, die Hand Armgart's krampfhaft festaltend ...

Bonaventura kam, durch irgend eine neue Veranlassung sichtlich aufgeregt ... Das Geflüster der ärzte, die im Nebenzimmer sich befanden, mehrte sich ... Auch verbreitete sich Weihrauchduft ... Der Priester, den Benno begehrt hatte, war in der Nähe mit dem Sterbesakrament ...

Aber noch eine andre Ursache schien Anlass der Erregung des Erzbischofs zu sein ... Er nahm den Grafen bei Seite und flüsterte ihm, während Benno in ekstatischer Begeisterung: "Einmaleh' – siescheiden", sprechen wollte und auf Armgart als die "letzte Freude" seines Lebens deutete ...

Dieser Taumelkelch des letzten Entzückens sollte entweder zu hoch aufschwellen oder sich bittervergällen ... Bonaventura berichtete laut die eben gemeldete Ankunft eines sechsspännigen Reisewagens, der, mit einigen Damen besetzt, sofort am Portal des Hauses angefahren wäre ... Die eine der Damen, die ältere, wäre schon in den Vorzimmernwährend die andere noch im Wagen verweilte ...

Armgart erhob sich ... Eine Todtenstille trat ein ... Auf Bonaventura's Lippen lag die Ergänzung des Berichtes: Die Fürstin Olympiaund die Herzogin von Amarillas ...

Alle blickten auf Benno, ob er gehört hätte – ...

DasSakrament – ... sagte er leise ...

Die Umstehenden, zu denen sich jetzt in höchster Angst auch Paula gesellte, glaubten, dass Benno die Worte des Erzbischofs nicht verstanden hatte ...

Deine Mutter ist da ... Bereite dich, sie zu empfangen ... wiederholte Bonaventura mehrmals und dicht an seinem Ohre ...

Schon vernahm man eine wehklagende stimme in der Nähe, der sich die Stimmen der Mönche gesellten, die nach vorn gegangen waren und die plötzliche Bestürmung des Kranken hindern wollten ... Paula und der Oberst gingen schleunigst, um ihre Bitte zu unterstützen ...

Bonaventura hielt den Freund in seinen Armen, der mit Geberden, die denen eines flehenden, fiebergeängsteten Kindes glichen, ihn ansah und sprach:

Die besten Jahremeines Lebens hab' ich ihnengeschenktDer Todsei wenigstens mein undsei euerLasst michvon ihnenfrei ... Fort! Fort! ... Beide! – Beide –! ...

Eiligst war der Graf an die Tür, welche in die Bibliotek führte, getreten und hatte diese verriegelt ...

Benno sah diese Handlung, dankte mit zitternd ausgebreiteten Händen, sah flehend in Bonaventura's Augen krampfte sich um seinen Hals wie ein Schutzsuchende, wie ein Verfolgter, und wiederholte sein erschreckendes, wie Gespenster verscheuchendes Fort! Fort! ...

Bonaventura, ohne Fassung, tat jetzt nur alles, was Benno's nächsten Wunsch unterstützen konnte, verriegelte auch noch die zweite Tür, die in jenes Cabinet führte, in welchem die Mönche sich aufgehalten hatten und jetzt der Priester mit dem Sakrament harrte ... Im Bibliotekzimmer wurde es still ...

Bonaventura bat wiederholt, die Mutter und die Freundin nicht abzuweisen ...

Rufe den Priesterentgegnete BennoIch kannnicht mehritalienischsprechen ... Armgartmein Cherub! Helft, helft mir –! ... Fort! – ... UndBeide! – ...

Du wirst leben, Freund! beteuerte Bonaventura, in der Tat noch in Hoffnung auf die grosse Kraft, die soviel Erregungen zu ertragen fähig war ... Wie könntest du bei diesem Entschluss verharren? ...

Ich riss michvon meinenFesseln los und gelobte, sienie wiederanzulegen! ... Ich sehe dich, Schwester –! ... Mag die Selbstanklagen, die wilden Worte nichthören ... Friede! – Friede!