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ihm geschieden ... Ihr gemeinsames Leid verband sie sofort und sein seelenvoll auf sie gerichteter blick schien fragen zu wollen: Aermste, wie trägstnun gar erst D u das alles –? ...

Ein Gesang der christlichen Dichtkunst spricht aus, was edle Herzen bei höchstem Leid erfüllt ... Das "Stabat mater" in seiner unnachahmlichen Magniloquenz ... Jacopone da Todi war der Dichter dieser Trenodie der verlassenen Liebe, die zurückgeblieben am letzten Rest ihres Daseins, dem toten Leib des Geopferten, trauert ... Die Erde ist verfinstert; die Menschen, von Furcht und Bangen erfüllt, sind geflohenGott hat seine grösste Offenbarung gegeben und doch leiden und weinen grade diejenigen Menschen, denen seine grosse Wohltat zuerst zugute kommt ... Wer kennt denn, was uns frommt –! ... Jacopone hatte sein Stabat aus eigenem Schmerz gedichtet ... Zeitgenosse Dante's, berühmter Rechtsgelehrter, Liebhaber der Weltfreuden, sah er bei einem fest eines vornehmen Hauses die Decke des Tanzsaals einstürzen, sah die edelsten Frauen tot oder verwundetund sein eigen Weib, eine blühende Schönheit, hoffnungslos aus den Trümmern davongetragen ... Man entkleidete die Sterbende und unter den rauschenden Prachtgewändern trug sie, die eben nach des Gatten Wunsch noch heiter und scheinbar lebensfroh getanzt hatte, ein grobes Büssergewand ... Jacopone, von Beschämung und Schmerz überwältigt, verlor den Verstand ... Die Verwirrung seiner Gedanken hellte sich erst allmählich auf; doch beherrschte ihn ein rätselhafter Zustand, welchen er nicht bewältigen konnte; er redete in der Irre und wusste es, dass er so redete; er wusste die Weisheit der Welt, aber er vermochte nicht, in ihr sich auszudrücken ... Endlich meldete er sich am Tor eines Klosters, um als Mönch aufgenommen zu werden ... Die eben neugegründete Regel des Franz von Assisi wies ihn ab, wenn er nicht Beweise seines Verstandes gäbe ... Da zwang er den sich jagenden, fiebernden Gedanken seiner Seele gewaltsamen Halt auf und dichtete, wie zu gleichem Zweck einst Sophokles den Chor "Im rossprangenden Land", so sein "Stabat mater" ... Nun erhielt er die Aufnahme ... Beweise seines wiedergekehrten Geistes gab er dann ferner genug, gab sie auch im Freimut seiner Gedichte ... über die Sophisten von Paris schwang er die Geissel seiner Satire ... Dem aus den Felsschluchten der Abruzzen auf den apostolischen Stuhl berufenen Einsiedler Petrus von Morrone, der als Cölestin V. dem verwilderten Rom die Zügel halten sollte, sagte er:

"jetzt kommt an Tageshelle,

Was du sannst in stiller Zelle

Ob du Gold, ob Kupfer, Eisen,

Muss sich jetzt der Welt beweisen!"

Dante ging einst zu einem Turnier und blieb unterwegs im festlichen Gewande an einer Goldschmiedbude stehen, um eine Spange zu kaufen, die noch seinem Kleide fehlte ... Da sah er ein Buch auf der Lade des Goldschmieds liegen und fing, während die Wagen und Reiter an ihm vorübersausten und der Goldschmied die passende Spange suchte, zu lesen an ... Noch kannte er die Gedichte Jacopone's nicht ... Immer mehr vertiefte er sich in die Ergüsse einer verwandten Seele, überhörte die Mahnungen des Goldschmieds, sich zu eilen, und versäumte das Turnier ... Als bereits die Kämpen mit zersplitterten Lanzen nach haus ritten, stand Dante noch immer in die Pergamentblätter verloren, die ihm der Goldschmied nicht verkaufen wollte ... Lucinde, die Dante nicht leiden konnte, sagte bei Erzählung dieser geschichte: Da sieht man, wie die Dichter ihre Rivalen lesen! Mit einem Neid, der ihnen hören und Sehen vergehen lässt! ...

Paula und Armgart wurden an Benno's Lager gerufen ...

Armgart beugte sich über den todblassen Mann ... Die Tränen, die ihr sonst versagtenrannen jetzt in Strömen ... Benno mit seinen grauen Locken lag starr und drückte die Augen zu ... Seine Lippen sogen die Tropfen ein, die über seine Wange aus Armgart's Augen rieselten ... Dass es Armgart war, die so weinte, wusste er ... Er wusste auch, dass Paula in der Nähe stand ...

allmählich trat eine Todtenstille ein ...

Des Sterbenden stimme erhob sich wieder, aber die Worte, die noch verstanden wurden, gaben den Entfernterstehenden keinen Zusammenhang ...

Nur Armgart, die sich dicht über ihn beugte, verstand allmählich:

ArmgartnordischekalteMaid! ...

Lebe! Lebe! rief Armgart und küsste die Stirne Benno's, strich die grauen Locken vom perlenden Schweisse zurück und weinte so heftig, als wollte sie jetzt die Beweise ihrer Herzensglut nachholen ...

Einstwarnt' ich dichvordeiner Zukunft, Mädchen! ... Ich – – Tor –! ...

Die Worte, die noch folgten, blieben auch Armgart nicht vernehmlich ...

Der Graf trat näher ... Paula wandte sich erschüttert zum Vorzimmer ...

Indessen war Bonaventura eben eiligst abgerufen worden ...

Auch Armgart wollte sich erheben und zurücktreten ... Der Sterbende liess ihre Hand nicht frei ...

Armgart starrte Alledem mit Blicken, die dem Grafen sorge um sie selbst einflössen mussten ... In ihrem Antlitz lag eine ihrer ganzen natur fremde, fast wilde Geberde ...

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