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Zuspruch konnte er wohl einmal auch ausrufen und den gewohnten Klageruf seiner Selbstgespräche unterbrechen:

Nimm an der Welt dein ganzes teil,

Nimm es mit vollen Händen!

Was du verschmähst, wird nicht zum Heil,

Nicht zum Gewinn sich wenden!

Der Blüten nur im Lenz gedenk',

Die rings den Rasen decken,

Vom Apfelbaume ein Geschenk

Den Winden, sie zu necken!

Und doch im Herbstder liebe Baum

Was er an Früchten spendet!

Erinnern kann er sich noch kaum

Der Blüten, die verschwendet.

Zur Erde blicke nicht hinab,

Wenn Götter dich umschweben!

Für jeden ist das kühle Grab,

Für jeden erst das Leben?

Für jeden dreifach ein Genuss

Und Einmal nur Beschwerde!

Es wogt ein sel'ger Ueberfluss

Der Freude durch die Erde!

Heute dagegen trug er im Herzen "Maria's achtes Schwert", wie er jene Leiden nannte, die jedem nur allein verständliche, nur allein von Gott ihm zu tröstende und zu heilende wären ... So schritt er in seinem Trauer-Triumphzug, unter dem Geläut der Glokken dahin ... Die grosse, mit drei Kuppeln gebaute, dem vorigen Jahrhundert angehörige Kirche war überfüllt ... Seine Ministranten waren heute seine nächsten Würdenträger ... Den geheimnissvollen Ritus der Messe aus der Kirche zu verbannen würde sich Bonaventura nicht verstanden haben ... In einem gelegentlichen Streit mit Gräfin Erdmute hatte er gesagt: "Allerdings, die Messe sollte in der Landessprache gelesen werden! Aber ich gebe auf die s t u m m e n Augenblicke in der Messe mehr, als auf die gesprochenen ... Ein Gottesdienst muss mehr als nur eine Predigt sein ... unsrer Messe ist lediglich der Schein, dass sie ein unblutiges Opfer wäre, sonst nichts von ihren mystischen Vorgängen zu nehmen ... Kirchen, die nur um der Predigt willen da sind, müssen ja mit der Zeit immer würdige Sprecher, Zungen, die nicht anstossen, Kehlen, die nicht heiser und rauh erklingen? ... Was macht die Gotteshäuser der Protestanten so leer? Die alleinige herrschaft der Kanzel und die Einsamkeit am Altar! ... 'Gott wohne nicht in Häusern, von Menschenhänden gemacht?' Gewiss! Aber der gewölbte Raum der Kirche sagt Ihnen, dass Gott nich Ihr Gott allein ist, nicht der, den Sie in Ihrem 'Kämmerlein' sich zurecht gemacht haben, sondern der Gott des Universums! ... Gerade da muss Ihr Eifer, ihn persönlich für sich aus der Masse der um seine Gunst Werbenden herauszugewinnen, um so lebendiger angefacht werden; die Entschliessungen Ihrer Brust können erst in der Kirche erkennen, wie schwer es ist, unter so vielen, die seine Liebe zu gewinnen suchen, gleichfalls mit Würde zu bestehen ... Still dann zu sein in einer Kirche mit tausend andern Stillendas ist, denke' ich, die feierlichste Aufforderung zur Einkehr in sich selbst ... Odersoll die Religion o h n e Formeln sein? Dann ist sie Philosophie ... D a ss die Philosophie eben Wahrheit des Lebens werde, zwingt sie, die Religion bestehen zu lassen ... Der protestantische Gottesdienst sagt nur: Wir sind n i c h t katolisch! – Das ist gewiss wahr und war historisch richtigSoll aber diese Zeit des Protestes ewig dauern? Kann ein Gottesdienst der ewigen Negation bei den Protestanten Sinn haben, wenn die katolische Kirche sich läutert? ... Eure Predigt wird sich unsere Messe zu hülfe rufen müssen, umschon allein die Herrsch- und Streitsucht Eurer Parteien zum Schweigen zu bringen ... Dann werden die Protestanten nicht mehr N i c h t katoliken, die Katoliken nicht mehr N i c h t p rotestanten, sondern beide erst wahre Christen sein –" ...

Unter den Anwesenden waren Paula und Armgart zugegen ... Beide eben von Castellungo angekommenbeide eben von der schmerzlichen Ueberraschung unterrichtet, die ihrer harrte ... Der Graf hatte ihnen Benno's Anwesenheit und Lebensgefahr erst gemeldet, als sie sich trennten, er, der Protestant, zu Benno's Lager eilte, sie mit dieser Nachricht nun in die Messe schwankten ... Erkundigungen, welche Graf Hugo auf der Herfahrt eingezogen, hatten ihm bestätigt, dass Benno wirklich in Coni war ... Mit diesem Stich im Herzen sank Armgart unter die tausend Beter nieder, die am Fuss des Hochaltars knieten ...

Sollte sie weniger vermögen, als jener Priester dort, den die gleiche Nachricht nicht hinderte, laut seine Psalmen zu singen? ...

Als die Feierlichkeit vorüber und Bonaventura auf einem kürzern Wege, unbemerkt und in einfacher Kleidung, in seine wohnung zurückgeeilt war, fand er den Grafen schon lange mit Benno beschäftigt ... Die beiden Frauen harrten in einem Gemach, wo des Kirchenfürsten Audienzen gegeben wurden, vom Schmerz überwältigt und in Tränen gebadet ... natürlich hatte man bereits die Veranstaltung getroffen, dass der Erzbischof heute nur noch seinen nächsten Freunden gehörte ... Die Glückwünschenden wussten nun, welches Leid diesem haus an einem Freudentage beschieden war ...

Graf Hugo hatte dem Sterbenden Armgart's Anwesenheit angezeigt ... Den Frauen hatte er dann nicht verschwiegen, wie diese Nachricht Benno erschütterte ... Bonaventura richtete sein Auge auf Armgartauch er hatte sie seit so vielen Jahren nicht gesehen ... Sie war ihm aber wie gestern erst von