1858_Gutzkow_031_881.txt

aus der Tiefe seines Herzens entgegnen konnte ...

Beklage mich nicht! sprach Benno ... Ich hatte zahllose, flüchtige Stunden des Glücks; ich trotzte der sehnsucht meines Gemüts ... Reich ist der menschliche Geist an Gedanken, die einen Kampf gegen die inneren Vorwürfe des Gewissens unterstützen, ja auf Augenblicke ihn siegen und triumphiren lassen ... Ich durfte mir einkünstliches Pflichtenleben schauendie brüderliche Freigebigkeit des Präsidenten entzog mich den Sorgen für meine Erhaltung ... Ich las, studirte, schrieb – ... Da ich für einen Italiener gelten wollte, hatte ich Mühe und Verdruss genug durch die Vorbereitung zu dem, was nungescheitert ist ... Welche Menschen! Verunreinigend durch ihre Schwächen und Laster die heiligen Dinge, die sie im mund führen – ... Freilichdie Gegner –! Sind sie nicht ebenso verächtlich? ... Ich kannte sie ja alle, die Diplomaten von Paris und London ... Nur in den Formen liegt der Unterschied ... Oft gab es Stürme im Glase wasserelende Streitigkeiten; doch konnten sie mit dem Schiffbruch der Beteiligten enden ... Terschkawo wohl magder Schurkehingeraten sein –! ...

Bonaventura liess dem Freund den Glauben an eine hienieden schon waltende Nemesis ... Drängte es ihn auch, von Terschka's Beziehung zum Verrat der Bandiera zu erfahren, so gab er es doch aufdenn die Kraft des Freundes drohte zu versiegen ...

Benno schloss eine Weile die Augen; dann erhob er sie wieder und liess die irrenden Sterne derselben wie ausruhen an der Decke des immer mehr sich erhellenden Zimmers; unbeweglich starrten sie wie in eine unergründliche Tiefe ...

Es gab auch Edle unter diesen Kampfgenossen! begann er aufs neue wie mit feierlicher Andacht ... Euch hab' ich folgen wollen, ihr Brüder, die ihr den grausamsten Tod erlittet! Ihr leuchtetet mir voran, Dioskuren am Himmelszelt auf weissen Rossen! ... Die Welt sich zu erschaffen aus freiem Willenist edler Mannestrotz! ... Lernt' es auch, als ich, ein Katolik, dem heimatlichen staat trotzte ... Haben mir's später bitter heimgezahlt, alsdem Präsidentenauf seine Verwendung die Antwortwurde: Ist ja österreichischer Cabinetscourier –! ... Warum wurde Germanien nur sorussisch ... LebtdennnochNück? ... Undschreibe sogleichwenn ich – ... anTiebold – ...

Weiter reichte nicht mehr die erschöpfte Kraft, die sich übernommen hatte ...

Die ärzte kamen ... Schon läutete draussen von allen Türmen das Angelus ... Es war fünf Uhr ... Der helle Tag lag hinter den Vorhängen der Fenster ... Benno hatte sich eine zu grosse Anstrengung zugemutet und war erschöpft in die Kissen gesunken ... Fast schien seine Zunge gelähmt ... Die ärzte sagten, die letzte Stunde liesse sich nicht vorausbestimmen ... Sie baten den Erzbischof, sich zu schonen ...

Bonaventura rief die Mönche und überliess ihnen und den Aerzten die sorge für den Geliebten, für den von heissen Qualender Seele Zerrissenen ... Zur Frühmette wollt' er nun in den Dom, wo an diesem Tage seit Jahren die Stadt gewohnt war, ihn erwarten zu dürfen ...

Bonaventura's Aufmerksamkeit, in die Mitteilungen Benno's verloren, hatte nichts vernommen von den Zurüstungen der Ueberraschungen, welche ihm Verehrung und Liebe bereiteten ... In sein Wohnzimmer getreten, fand er die Wände mit Blumen geschmückt ... Kostbare neue Teppiche lagen über die Stühle gebreitet ... Geschenke von Gold und Silber standen auf den Tischen ... Alte Werke, seltene Drukke und Holzschnitte hatte ihm Graf Hugo hinlegen lassen ... Der Haushofmeister, die Caudatarien, ihre Glückwünsche erteilend, nannten die Namen der Geber, unter denen Paula's Name obenan glänzte ...

Es lag in seinem Berufe, dass sich Bonaventura in seine goldstarrenden Gewänder werfen musste ... Die Bischofskrone prangte auf seinem haupt ... Schon spiegelte sich die nach der allmählich wieder ruhiger gewordenen Nacht goldig aufgegangene Sonne in den kostbaren Edelsteinen ihrer Verzierung ... Unter einem von sechs Knaben getragenen Baldachin, begleitet von allen im Treppenhause versammelten Abgeordneten der Kirchen und Klöster der Stadt, den Civilbehörden, den Oberoffizieren des Militärs, trat der Erzbischof, gebeugt und trauernd, aus dem Eingang des Portals, das mit Guirlanden geschmückt war ... Der Vorhof innerhalb des Gitters war leer, draussen wogte die Menschenmenge ... Die halbe Stadt war in Bewegung ... Selbst einer vom Erzbischof sonst verfolgten Unsitte, der rauschenden den Musik des Militärs bei Kirchenfesten, konnte heute, auf Anlass eines solchen Freudentages, nicht gewehrt werden ... Jung und Alt schloss sich der glänzenden Procession an, die in den Dom zog ... Bonaventura hatte sonst diese Ueberraschungen an seinem Namenstag unmöglich machen wollen; hatte kurz vorher Reisen angetreten oder war ein andermal in ein Kloster gegangen ... allmählich aber hatte er auch hierin der Landessitte nachgegeben und dem Onkel Dechanten beigestimmt, der ihm geschrieben: "Nimm doch Liebe, wo sie geboten wird! Ist die Zeit angetan, sich der Ernte seiner Saaten zu entziehen! –?" ... Angeregt von solchem