1858_Gutzkow_031_880.txt

die Mutterkonnte mich damalsgängeln wie ein Kind – ...

Bonaventura folgte aufmerksam allen diesen schmerzlichen Erinnerungen ...

Man soll die Seinen nicht analysiren ... fuhr Benno fort in offenbarer Wallung gegen seine Mutter ... Wo Uebermass im Verkehr der Herzen waltetda welkt nur zu bald die Blüte ...

Bonaventura wusste, dass Benno von London im tiefsten Bruch von seiner Mutter und von Olympien sich losgerissen und gleichsam nach Rom nur entflohen war ... Er hörte nun alles das, neigte sein Ohr dicht an den Mund des Freundes und bat ihn nur, sich zu schonen ...

Meine Retterin, fuhr Benno in Erregung fort, war die Fürstin Olympia Rucca ... Es hat schon oft Seelen gegeben, die plötzlich den Teufel in seiner Rechnung betrogenDie Heiligengeschichte erzählt von ihnen ... Eine Heilige ist Olympia nun nicht geworden ... Aber aus einer Tyrannin wurde sie eine Sklavin ... Ich habe nie so dienen sehen, wie Olympia ein Jahr lang dienen konnte ... An einem Tigerkäfig hab' ich sie kennen gelernt; sie war nun selbst gezähmt zu einem der jungen Lämmer, die sieals Kind erwürgt haben sollausZärtlichkeit ... Solche Frauen gibt es nichtindeiner germanischen Welt! ...

In meiner? ... fragte Bonaventura mit leisem Vorwurf ...

Benno schwieg eine Weile ... Dann sprach er einen Vers des Bonaventura'schen Gedichtes:

"Einmal, eh' sie scheiden,

Färben sich die Blätter rot –"

Er legte in den Ton der Recitation die Anerkennung deutschen Wesens im Denken und Empfinden, fügte aber, hinzu: Als ich mein Lebensrätsel erfuhr, als ich meine nen lernte, ergriff mich Hass gegen alles, wofür ich bisher und worin ich gelebt hatte ... Ich brach mit einem Vater, der lügen und morden konnte; ich brach mit einem Staat, der damals keine freien Bürger duldete; ich brach mit einem volk, das der Tyrann andrer Völker sein konnte; ich folgte in allem meiner Mutter, deren Namen ich annahm ...

Bonaventura kannte diese Umwandlung, die nicht der seinigen glich ...

Nicht lange war ich in Paris, fuhr Benno fort, so erschien Olympia, ausgesöhnt, engverbunden mit meiner Mutter, die mich anbetete ... Du musst wissen – – als ich Olympien zum letzten mal gesehen hatte, war mir inder Villa Hadrians durch eine seltsame Scenedurch die Umgebungendurch die Umstände, die meine sorge um das Schicksal der Bandiera heraufbeschworen, – – ein Stelldichein von ihr aufgedrungen worden ... Es war ein Zwang, der sich nicht ablehnen liess ... Was dem Mann Bettelpfennig, wird dem weib Krösusschatzkann ein Mann mit Bettelpfennigen geizen! ... Tugend –?! – – Ich fühlte eine mächtige Hand, die mich zurückhieltich suchte fast den Tod, um dem Wiedersehn auf Villa Rucca zu entfliehen – ... Olympia und das Schicksal hielten sich an mein erzwungenes Ja! ... Nicht Nacht war es, als ich sie wiedersah in einem eleganten Salonin der Rue Rivoli zu Parissie hatte mich befreitich hiess Cäsar Montalto, hasste die Tyrannen, liebte meine Mutter, Italiendennoch wehte Afrika's Wind vom Meer herüber, Millionen Blüten hauchten ihren Duft in linde Abendstille ... Die Fürstin nahm sich den Dank, wie sie ihn begehrte ...

Wieder trat eine Pause ein ... In Bonaventura's blick lag die Anerkennung alles dessen, was hier möglich gewesen ... Sass er nicht an einem Leichenstein, der versöhnt –? ...

Frankreich, England, das Land der schönsten Frauen konnte an sich kein Schauplatz für die an Triumphe des persönlichen Erscheinens gewöhnte Nichte Ceccone's sein ... Der Cardinal wurde ein Opfer der dir bekannten Italienerrache ... Olympia geriet in Bedrängnisse und die Reihe, ihr zu helfen, kam nun an mich ... Einander nützlich seinveredeltbindetfesselte hier aufs neue ... In Olympia kehrten Regungen des Gefühls, die sie schon dem Mönch Vincente Ambrosi einst bewiesen hatte, zurück ... Sie ertrug den Verlust ihrer glänzenden Lebensstellung, ertrug die ihr folgende Verringerung ihrer Hülfsmittel ... Einige Jahre fand sie in der Tat in mir die Fülle ihres Glücks wie ein Kind ... Diese abzuwehren war unmöglich ... Wie die Schlange ihr Opfer nicht lässt, fand ich bei jeder Pforte, durch die ich hätte entfliehen wollen, meine Bestimmung ... Diese war verloren anzwei Frauen ...

So dachte auch die Welt und entschuldigte dich ... warf Bonaventura mit mildem Tone ein ...

Ein Zustand des Elends blieb es ... fuhr Benno fort, während seine Züge einen Ausdruck des höchsten Schmerzes annahmen ... Jedes einzelne Leid fühlte ich wie das natürliche Kettenglied der Folgen, die ich über mein Leben heraufbeschworen hatte, als ich dem südlichen Blut in meinen Adern folgen wollte ... Ich wollte Partei nehmen für die betrogene Hälfte meines Erdenlebens undvon Wahn zu Wahn, von Traumbild zu Traumbild lockte mich die mütterliche Welt, die mir zuletzt ein Gift wurde, das michlangsam tödtete – ...

O mein Freund! war alles, was Bonaventura