mit der Geliebten reden, reichte ihr die Hand in den Rücksitz, den sie so lange einnahm, bis sie die Stadt verlassen – später duldete sie nicht, dass Serlo irgendeine Bequemlichkeit entbehrte –, aber sie lehnte diese Hand ab.
Klingsohr bat wiederholt um die Hand und zog die seine nicht zurück.
Damit seine dargereichte Rechte nicht ohne Erwiderung blieb, nahm sie die hände des einen der Kinder und legte diese beide in die seinige.
So wurde diese von ihr so heiss ersehnte Trennung wirklich vollzogen.
20.
Zu dem Fluche, der mehr auf dem Teaterleben ruht als Segen, gehört die Unmöglichkeit, sich ein Leben lang aus dem Banne desselben zu befreien, wenn in ihm auch nur einige wenige Augenblicke genossen wurden, die glückliche waren.
Man hat es gesehen und sieht es täglich, wie derjenige, dem ein kurzes Glück in diesem Wirkungskreise lächelte, ewig von demselben zehrt, immer hofft, dass es wiederkehren müsse, immer glaubt, dass es nur durch zufällige Umstände, die sich beseitigen lassen würden, am Wiedererscheinen verhindert wäre. Ein Leben voller Entbehrung und Enttäuschung, ja ein Leben voller Schmach und Entwürdigung kann an diese trügerische Hoffnung verloren gehen.
Lucinde betrat noch die Bühne nicht und blieb dem Verkehr der übrigen Teaterwelt schon um deswillen fern, weil Madame Serlo sich bei allen Entbehrungen für zu erhaben dünkte über die niedere collegialische Sphäre, der sie jetzt immer mehr und mehr angehören musste. Um so enger war Lucindens Verbindung mit den Serlos selbst. Manche gelegenheit, manche Huldigung bot sich, diesen Bann zu brechen. Sie konnte nichts mehr mutig ergreifen. Sie schleppte sich mit den kummervollen Zuständen dieser Familie so hin und Serlo bedurfte ihrer. Sie hätte nie von sich selbst geglaubt, dass sie einer solchen anhänglichkeit fähig war.
Zwischen ihr und Madame Serlo musste zuletzt offene Feindschaft ausbrechen. Der Kronsyndikus antwortete auf keinen Brief; die Kleinodien und wertvollen Kleider waren verkauft; jetzt musste schon Lucinde das Brot der Armut teilen. Sie nahm es in Anspruch mit dem Versprechen, alles gut zu machen, wenn sie einst als Schauspielerin auftreten würde; einstweilen unterrichtete sie die Kinder, sie besorgte die Wirtschaft, sie pflegte Serlo.
Gerade aber in diesem letzteren immer nötiger werdenden amt begegneten sich beide Frauen, die Alternde, die die Jugend log, und die Jugendliche, die mit neunzehn Jahren schon die Stirn wie eine Matrone runzeln konnte, mit Hass und Eifersucht.
Lucinde hatte vom Arzt gehört, dass Serlo's hinfällige Gesundheit noch länger gefristet werden könnte bei sorgsamer Pflege. Madame Serlo war selbst davon überzeugt, besass aber jene schroffe Weisheit der ewig Gesunden, die in jeder Klage eines Kranken Uebertreibung sieht. Sie selbst war kaum jemals krank gewesen, sie erklärte das Kranksein für eine "dumme Angewöhnung". War sie selbst wie ein fisch im wasser, so sollte alles um sie her ihr Element teilen. Hatte sie sich gebadet, mit Staubregen überrieseln lassen, kam sie trotz ihrer Vierzig frisch und strahlend zum Frühstück, so sollte die ganze Welt nur ihrem Beispiel folgen und es würden alle Husten, Kopfwehe, Katarrhe, besonders aber die eingewurzelten, aus denen doch wohl Serlo's ganzer Zustand allein herzuleiten wäre, für immer verschwinden.
Serlo lächelte dazu und Lucinde sagte:
Wenn aber gerade die eingewurzelte Einbildung schon den ganzen Menschen regiert und ihm nur noch manchmal wohl wird in der Gewissheit, dass man diese seine Schwäche schont?
Das eben darf man nicht! erwiderte Madame Serlo. Man darf keine Irrtümer bestärken, darf keinen übeln Gewohnheiten Vorschub leisten! Wenn sich Serlo nur herausreissen könnte, nur wollte, es würde ihm und uns allen geholfen sein!
Dies kalte Wort vom "Herausreissen", vom Emporraffen war das grausam ewig wiederholte, das in Serlo's Ohr schon seit sechs Jahren mit bohrendem Schmerz wühlte.
Er liebte glücklicherweise das Leben selbst und versuchte es, ihm Wohlbefinden und Kraft abzugewinnen, abzutrotzen. Brach er nach einer solchen Anstrengung, in der er sogar spielte und sich zu Feuer und Begeisterung zu entflammen suchte, wieder zusammen, untersuchten ärzte das Geräusch seiner Lungen und entfernten sich mit ernsten Mahnungen an die Gattin, an die "Erzieherin" der Kinder, wie Lucinde genannt wurde, so traten Augenblicke einer völligen Mutlosigkeit ein und Serlo ergriff dann oft, wenn er mit Lucinden allein war, ihre Hand und sagte fast weinend:
Wenn ich nur nicht noch in meiner letzten Stunde hören muss, dass ich mir zu viel nachgäbe! Das Wort: Reiss' dich heraus! wird mein Grablied werden!
Lucinde versicherte:
Ich werde bei Ihnen bleiben!
Was sie an diesen bemitleidenswerten Mann fesselte, war sein Unglück und seine Bitterkeit. Sie befand sich in einer Stimmung, die der seinen nicht unähnlich war. Ihr ganzes Leben war ja gleichsam in einen plötzlichen Stillstand geraten, in einen jähen Sturz, wie in eine Versandung. Wo war sie hingeraten? Aus solcher Höhe des Glücks! Auch die ersten Reize desjenigen Eindrucks, den man an ihr den elfenartigen genannt, waren geschwunden; sie war jungfräulich geblieben, aber nicht mehr so gefällig, so naiv, so lacertenhaft wie einst. Sie legte keinen Wert mehr auf ihr Aeusseres, sie schmückte sich nicht mehr; die Abneigung gegen die Wasserteorie der mit Fischblut, wie sie sagte, belebten Madame Serlo liess sie die Vorschriften der Ordnung sogar mehr vernachlässigen als billig. Ihre Gestalt bekam etwas Lässiges. Wochenlang verliess sie das Haus nicht oder sah nur zu dm Kindern nieder, wenn sie