" mächtiger, als an diesem Tage der Jugenderinnerung ...
Wo das Gehör einen Dienst der Liebe verrichtet, versagt die natur den Schlaf ... Bonaventura mochte sich zuletzt auf seinem Lager noch so ermüdet strekken, sein Ohr lauschte jeder Bewegung im Nebenzimmer ... Sturm und Regen hatten aufgehört, der Morgen graute schon und noch hatte Bonaventura kein Auge geschlossen ...
Eben mochte sich vielleicht für einige Minuten die ermüdete Wimper gesenkt haben, als sie sich sofort wieder erhob ... Bonaventura hatte das schnelle Auftreten der dienenden Brüder gehört ... Erschreckend über eine mögliche Verschlimmerung im Befinden des Kranken, sprang er, wie er war, halbangekleidet, vom Lager ...
Als er die Tür geöffnet hatte, fand er, von einem Licht beschienen, den Leidenden aufgerichtet ... Die dienenden Brüder reichten ihm eben von einer Arznei ... Benno lehnte das Glas ab ... Als er Bonaventura erkannte, sagte er, er hätte lange und fest geschlafen ... In der Tat blickte sein Auge weniger fieberhaft und seine Hand, die er in der Bonaventura's ruhen liess, hatte die feuchte Wärme, die fast auf eine Krisis schliessen liess ...
Welche Zeit ist's? fragte er ...
Man sah auf die Uhr und nannte die vierte Stunde ...
So geh zur Ruhe! bedeutete er den Freund ...
Dieser nahm jedoch an seinem Lager Platz und sagte, dass er der Ruhe nicht mehr bedürfe ...
Auf dies beharrlich wiederholte Wort der Liebe wandte der Kranke sein Haupt nach den beiden Mönchen und gab seinen Wunsch zu erkennen, mit dem Erzbischof allein zu sein ...
Ein Wink desselben und die Mönche traten in ein Nebencabinet, das nach Osten lag ... Beim Oeffnen der Tür sah man den ersten Frührotschimmer der aufgehenden Sonne ...
7.
Ehe ich vom Leben scheide – begann Benno ...
Mein teurer Freund, unterbrach ihn Bonaventura, du wirst leben! ...
In deinem Gedächtniss – im Gedächtniss manches, der auf meine Zukunft Hoffnungen setzte und schwer begreifen wird, warum sie nicht erfüllt wurden und warum sie gerade so – so – endigen mussten ... Meine Minuten sind gezählt ... Noch deinen Namenstag feir' ich, dann ist das Liebste da, was ich – vom Weltgeist begehre ...
Freund! ... unterbrach Bonaventura voll äussersten Schmerzes ... Diese Worte Benno's wurden so zuversichtlich, so fest gesprochen, dass sie keine Widerlegung zuliessen ...
Ich will nicht sterben, sagte Benno, ohne mit den letzten Segnungen unserer Kirche versehen zu sein ... sorge dafür ... Die Rücksicht deines Hauses erfordert es ... Wer mit den Priestern ein Leben des Kampfes geführt hat, mag sich im tod ihre Nähe verbitten; ich kämpfte nicht mit ihnen – meine Gegner sucht' ich mir auf andern Schlachtfeldern auf ... Einem deiner Vicare werde' ich beichten, dass ich nie an Religion beteiligt war ... Sie war mir kein Bedürfniss ...
Bonaventura schwieg ... Er wusste, dass keine Confession so sehr religiösen Indifferentismus bei Gebildeten erzeugt, wie die katolische ...
Einen Kranken erquickt nichts mehr, als von seinen Umgebungen die Anerkennung zu hören, dass er krank ist; einen Sterbenden nichts mehr, als die Anerkennung, dass er stirbt ... So kam es, dass Benno mit jener Kraft der stimme sprach, die in letzten Augenblicken oft wunderbar wiederkehrt ...
Ich erfülle, sagte er, das Geschick unseres Hauses – wie mir einst in Rom der feindliche Dämon deines Lebens verheissen hat – als Lucinde jene Klagen ausstiess, die ich dir vor Jahren – von London berichtete ... Vor – fast zehn Jahren! ... Deinen letzten Brief hab' ich in meinem Portefeuille – und heute erst beantwort' ich ihn durch mein – Testament ... Was könnt' ich dir sagen, nachdem ich mit allem gebrochen, was andere von mir voraussetzten? ... Skeptiker, Indifferentist – das gibt eine imposante Lebensstellung, wenn man in die Lage kommt, nur reflectiren zu brauchen, sich die Zähne zu stochern, im Salon die Beine übereinanderzuschlagen ... Stell' einen der Weisen, die im Chor der Tragödie den Heroen so gute Lehren geben, selbst auf die Breter, er macht die Tragödie zur Burleske ...
Benno hielt inne, sammelte neue Kraft und lehnte Bonaventura's Entgegnungen mit einem Zeichen der Hand ab ...
Ich sass auf der Engelsburg, fuhr er fort, mit Räubern, deren Ungeziefer mich die Freiheit ersehnen liess ... An sich ist die Freiheit zu verlieren kein besondres Unglück ... Ich hätte Steine klopfen können, um ungestört über mich und die Dinge und dann vielleicht endlich Gott nachzudenken ... Nur der Schmuz des Gefängnisses entsetzte mich ...
Wieder hielt der Kranke inne ... Wieder fuhr er, um des Freundes Nachsicht bittend, nach einer Weile fort:
Eines tages stand die Tür meines Kerkers offen und eine Mutter war es, die ich glücklich machte durch meine Flucht ... Selbst Lucinde nahm es ernst mit meinem Schicksal, war ganz bei der Sache, ohne meiner Verkleidung zu spotten – Der arme Bertinazzi erhielt die Galeere auf Lebenszeit ... Als ich die Hinrichtung der Bandiera erfuhr, brach mein Lebensmut