– es war ein verhältnis, an dem, wie sich Bonaventura sagte, "Gott keine Freude haben konnte" ...
Ein zärtliches Ueberwallen der Liebe hatte sich in Bonaventura und Paula längst gemildert ... Auf Entsagung blieb ihr Gefühl ja auch gleich anfangs begründet ... Und lenkt nicht jede Liebe, selbst die leidenschaftlichste, zuletzt die Flut in ruhiger wallende Strömung? ... Kuss und Umarmung! Was sind sie denn, als ein letztes Ziel, ein Zerreissenwollen jedes Rückhaltgedankens, der brücke, die den geliebten Gegenstand noch einmal zur alten persönlichen Freiheit zurückführen könnte; Kuss und Umarmung werden begehrt und gewährt, weil sie den Begehrenden und Gewährenden als Ich vernichten, künstlich gleichsam eine gemeinschaftliche Schuld erzeugen, die beide Teile fast zwingt, auf ewig Eins zu sein ... Aber bald tritt die volle Beseligung der Liebe nur im Austausch des seelischen Lebens ein. Ineinander zu leben ist dann nur noch ein Bedürfniss des Herzens. Kommen erweckt ein Jauchzen der Brust und Gehen ist die Hoffnung nur auf den Gruss, auf das Lächeln des Wiedersehens ... Dann zerlegt sich in seine Stunden der Tag, in ihre Minuten die Stunde, jedes Atom der Zeit ist erfüllt vom Glück der Gewöhnung an so viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen – Das ist das Glück, das auch in der Ehe, lange schon vorm Ersterben der leidenschaft, Ausdruck des wahren Besitzes bleibt ...
In diesem letzten Stadium des Verbundenseins der Liebe befand sich der Erzbischof, nachdem er in jedem früheren längst überwunden hatte ... Jeden Abend war er auf dem Schloss des Grafen, das mitten in der Stadt lag und einer der vielen weiland grossen Familien des Landes gehört hatte, die im Lauf der zeiten zu grund gingen und nichts behielten, als die glänzende Hülle ihrer Vergangenheit ... An diesen Palast schloss sich ein Garten, altmodischen Geschmacks, wie die Gärten auf den Borromäischen Inseln ... Der Graf hatte eine Aufgabe, diesen Garten der freien natur zurückzugeben ... Ein geselliger Kreis wurde vor dem Kriege durch nichts gestört ... Später blieben freilich nur Einige, die sich durch die Empfindungen des Grafen nicht stören liessen ... Gewiss wäre der Graf, als die Revolutionen ausbrachen, nach seinem deutschen Vaterland zurückgekehrt, wenn nicht auch dort die Verwirrung für seine Denkweise das Mass überschritten hätte ... Seit lange hatte Oesterreich gesiegt – er mässigte den Ausdruck seiner Freude und konnte infolge dessen bleiben ... Bonaventura kannte die sehnsucht nach Tätigkeit, die den Grafen bestimmen musste, entscheidende Entschlüsse zu fassen, ja er kannte des Grafen sehnsucht – nach einem Erben – ... Noch mehr, Graf Hugo liebte Paula ... Es musste kommen, dass dies zehnjährige Zusammenleben in Coni aufhörte ... Und doch, doch kannte er den Grafen dafür, dass dieser im stand war, die Nachricht von seiner Berufung zur Mutter nach Rom mit den Worten aufzunehmen: Die Frau Präsidentin ist krank und Herr von Wittekind in Rom? Das wird Ihre Kraft übersteigen, mein teurer Freund, wir müssen Sie begleiten; wir gehen mit nach Rom ...
In solchen, sein Inneres zerreissenden Stimmungen, zu denen sich an jedem der ihm besonders wichtigen Gedenktage seines Lebens noch der Hinblick auf den mit jedem Tag sich dem Abscheiden vom Leben nähernden Vater gesellte, verweilte Bonaventura heute unter seinen Büchern ... Hier, wo ihn so oft die nächtliche Stille geheimnissvoll umfing – hier, wo sein Gemüt der Muttersprache noch zuweilen ein Opfer brachte, wie in den Versen:
Du wunderbare Stille,
Wer deutete dich schon,
Im Erd- und Himmelschweigen
Den Weltposaunenton!
Die namenlose sehnsucht
In flücht'ger Welle gang,
In stiller Brunnen Plätschern
Den mächt'gegen Rededrang!
Wenn Mondenglanz die Rose
Sanft zu entschlummern ruft
Und Nachtviole trinket
Den Tau der Abendluft,
Wenn frei die Sterne treten
Aus ihrem blauen Zelt,
Worin das Licht der Sonne
Sie tages gefangen hält –
Wie predigt da die Rose!
Viole singt im Chor;
Das kleinste Blatt hält Tafeln
Der Offenbarung vor!
Es rauschet und es klinget
Ein jeder tote Stein;
Der Stäubchen allgeringstes
Will nur verstanden sein!
Nur in die dunklen Schatten
Hat Gott das Licht gestellt,
Nur in die öde Wüste
Die Herrlichkeit der Welt;
Nur brechend nimmt ein Auge
Den rechten Lebenslauf!
O, schliesset euch, ihr Zauber
Der ew'gegen Stille, auf!
Der buntfarbigen Blume sich zu vergleichen, die, hochragend und stolz, doch erst aus welken Blättern emporsteigt – so erhebt sich die Lilie über den am Fuss des Schaftes schon beginnenden Tod – dafür besass seine Selbstschau zu viel Demut und doch – nun schon wieder um ihn die "heilige Stille" und ein brechend erst den rechten Lebenslauf nehmendes Auge – –! ...
Ein wilder Sturm, wie er in Berggegenden oft ohne die mindeste Vorbereitung entsteht, hatte sich erhoben und störte die Stille der Nacht ... Während die Fensterläden des Palastes gerüttelt wurden, der Wind in den rauschenden Wipfeln der Bäume des grossen Platzes tobte, konnte kein Schlaf über Bonaventura's Auge kommen ... Und doch nahm der morgende Tag seine ganze Kraft in Anspruch. Er wusste, dass sich Stadt und Umgegend nicht nehmen liessen, den Namenstag ihres Oberhirten zu feiern ... Schon nach fünf Uhr wollte er die Messe lesen ... Nie ergriffen ihn die Anfangsworte der Messe: "Der du meine Jugend erfreust, o Herr!